Fest der Unentschlossenheit
Emma sitzt im Zug nach Kalabrien und denkt zurück. Sie ist verlobt und verheiratet. Verlobt mit Lorenzo und verheiratet mit Carlo. Emma und Lorenzo lernen sich im Ausgang kennen, sie ist damals 32 Jahre alt und Lehrerin, er arbeitet als Kellner und ist dem Kokain zugetan. Auf den Poeten Carlo trifft Emma erstmals beim Empfang einer Kunstausschreibung und sechs Jahre später erneut in einer Buchhandlung, gerade an dem Tag, an dem sie sich von Lorenzo trennen wird.
Jürg Amann, der einst mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet worden ist, erzählt eine klassische Dreiecksgeschichte, welche trotz bekanntem Inhalt und dank einer gelungenen Struktur kaum Gefahr läuft, abgedroschen oder langweilig zu klingen. Die Sprache wirkt manchmal konstruiert und oft etwas pathetisch, wahrscheinlich würde sie vorgelesen an Kraft gewinnen, würden die feinen Töne besser wahrgenommen werden. Es gibt sprachlich durchaus stimmige Stellen, so der Moment, in dem sich Emma in Carlo zu verlieben glaubt: "Zweimal hatte sie ihn aus ihren Ferien angerufen, hatte sie wenigstens seine Nummer gewählt, hatte es bei ihm klingeln lassen, hatte dann aber nicht gesprochen […]. Beim zweiten Mal hatte er nachgefragt, nach einem Moment der Stille, vorsichtig: Bist du es, Emma? Das hatte sie berührt. Das war ihr nahgegangen. Und plötzlich war sie ihm wirklich ganz nah gewesen."
Verfällt Emma Lorenzos Äusseren - "Nie bisher war sie einem Mann wegen seiner Physis verfallen gewesen […]. Ihm aber schon. Von Anfang an" - ist es bei Carlo dessen Intellekt, der sie anzieht. Obwohl sie "nach Begegnungen mit ihm immer das Gefühl gehabt [hatte], dass er nicht wirklich zu ihr passe", wird Emma gewollt schwanger, zieht von Bologna nach Triest und heiratet Carlo. Emma sichert mit ihrem Einkommen als Lehrerin den Unterhalt von Tochter und Mann, welcher ihr bald zur Last und auch - so jedenfalls erscheint es dem Leser - zum Spiegel des eigenen Seins wird: "Er bremste sie, mit seinem ganzen Gewicht, mit dem Gewicht seiner schwermütigen Seele, das ihn selbst niederdrückte und alles, was um ihn lebte und webte. Er fürchtete sich vor jeder Bewegung, vor jeder Veränderung."
Mitten in diese Trostlosigkeit hinein kommt nach zehn Jahren Stille der Anruf von Lorenzo. Es folgt ein Treffen in Venedig, bei dem Emma sofort weiss, dass "sie im Begriff war, etwas zu tun, zum ersten Mal, von dem sie ihrem Mann nicht würde erzählen können". Nicht nur an dieser Stelle wirkt Emma unglaubwürdig, man nimmt ihr stilles vor-sich-hin-Leiden einfach nicht ab und wünschte sich von ihr ein Minimum an Dialogfähigkeit. Mit dem Fortschreiten der Affäre wird der ganz und gar veränderte Lorenzo, der nun "gesünder lebt, nur noch sicheren Sex hat und auf Drogen verzichtet" fordernder, er will mit Emma leben und Carlos Platz einnehmen. Sie hingegen kann sich eine Trennung - niemand weiss genau warum - von ihrem Ehemann nicht vorstellen und versucht mit grösster Mühe, die Affäre vor Carlo geheim zu halten. Sagt Carlo zu Beginn der Beziehung "Ich sterbe, also bin ich", trifft genau diese Aussage später auf Lorenzo zu. Erst dessen Tod - bezeichnenderweise durch Herzversagen und von Anfang an zu erahnen - befreit Emma von ihrer Unentschlossen- und Tatenlosigkeit, sie reist nach Kalabrien, um dort die Familie ihres Verlobten kennenzulernen.

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