Kunst

Salvation: Johnny trifft June

"I shot a man in Reno just to watch him die", heißt es in einem Song von Johnny Cash und Reinhard Kleist lässt ihn im Auftakt dieser fulminanten Comic-Erzählung in die Rolle des Mörders schlüpfen. Lange kursierte das Gerücht, Cash habe selbst im Gefängnis gesessen, selbst die Knackis im Folsom Prison und sein größter Fan dort, Glen Sherley, können es sich nicht anders erklären, dass dieser Mann sie so gut versteht, ohne selbst diese Erfahrung gemacht zu haben. Aber die Eingeweihten wissen, dass es kein Gefängnis braucht, um sich eingesperrt zu fühlen.

Johnny Cash trifft June Carter

Johnny Cash war jahrelang tablettenabhhängig, Amphetamine, die nicht nur seine Kreativität pushten, sondern auch seine Durchhaltekraft: 300 Konzerte/Jahr, das wäre wohl anders nicht durchzuhalten gewesen. Aber dann begegnet ihm June Carter und sie vermag es, ihn wieder auf den richtigen Weg zurückzuführen. Ohne Drogen nimmt Johnny Cash dann einige seiner besten Alben auf: die sechsteilige "American Recordings"-Serie, aufgenommen mit dem Hip-Hop-Produzenten Rick Rubin, beginnt, als Cash schon 61 Jahre alt ist. American Recordings I (1994) war sein 81. (!) Album. Er hatte tatsächlich neun Leben. Aber auch vor dieser ungewöhnlichen Zusammenarbeit, die von den meisten Radiostationen ignoriert worden war, was Cash dazu veranlasste, ihnen den ausgestreckten Mittelfinger zu zeigen - davon existiert ein Foto, das in der Graphic Novel zitiert wird - hatte Johnny Cash schon Musikgeschichte geschrieben.

Johnny Cash als Graphic Novel

Abgesehen von seinem unglaublichen Auftritt im Folsom Prison mit June Carter, der auch von Reinhard Kleist als dramaturgischer Höhepunkt des Comics angesteuert wird, gab es da dieses Album von 1964, "Bitter Tears", das die Geschichte der Indianer Nordamerikas erzählte und lange als erstes politisches Statement eines Countrymusikers galt. Der Song "Ira Hayes" ist die wohl bekannteste Auskoppelung daraus und erzählt wie der Pina-Indianer im Zweiten Weltkrieg die Fahne von Iwo Jima hisste: "But his land is just as dry/And his ghost is lying thirsty/In the ditch where Ira died". Cash kam selbst nicht gerade aus begüterten Verhältnissen, sein Vater lebte jahrelang als Hobo und Roy, Jack, Reba, Louise und Johnny, den man auch "J.R." nannte, sahen ihren Vater nur selten. Aber dann gab es dieses Programm von F.D. Roosevelt und die Familie bekam Land, um Baumwolle anzupflanzen. Und ohne die Baumwollfelder, schrreibt Kleist, wäre die Country-Musik undenkbar gewesen: "Hillbilly, Bluegrass und Rockabilly haben hier ihre Wurzeln. Musiker wie Jimmie Rogers und Charlie Feathers berufen sich auf den Blues und Gospel der farbigen Baumwollarbeiter" und Jimmie Rogers war eines der Vorbilder von Johnny Cash. Er verkleidete sich sogar in dessen Eisenbahnerkleidung und spielte Coverversionen seiner Lieder bis das Publikum ihn auspfiff.

Reinhard Kleist hat eine wunderbare Erzählung geschrieben und die Lebensstationen von Johnny Cash durch einen schönen roten Faden zusammengehalten, der am Ende in dem Song "Hurt", eine Coverversion von Nine Inch Nails’ Trent Reznor, elegant aufgeht. Kleist kennt auch viele Details aus Cashs Leben, so etwa dass er in der Folge "Swan Song" der TV-Serie Columbo einen Country-Star und Doppelmörder spielte, eine Rolle, die er zeitlebens nicht mehr loswurde. Reinhard Kleist lässt Johnny Cash auch mit dem King, Carl Perkins und Bob Dylan palavern. Eine exzellente Graphic Novel, wohl auch deswegen schon in der 8. Auflage: "Geschichten erzählen, das kann er."

von Juergen Weber - 19. November 2017 - Short URL https://goo.gl/iVp8UR

Kunst Comic Musik Kultur

Johnny Cash

Johnny Cash


I see a darkness
Carlsen 2017
224 Seiten, broschiert
EAN 978-3551768377

Ihr Leiden war das Leben

Sisi einmal anders: Qualtinger und Kissel zeigen die unsterbliche Kaiserin von ihren Schatten- und Sonnenseiten, immer nahe an der Wahrheit, aber weit weg von der Wirklichkeit.

Lesen

Kindheit nach dem Krieg

Die Romanvorlage von Konrad Lorenz wird von Isabel Kreitz zu einer spannenden Milieuschilderung als Graphic Novel verarbeitet, die tiefe Einblicke in das Aufwachsen nach dem Weltkrieg ermöglicht und gekonnt das Timbre jener Zeit herüberbringt.

Lesen

Prinz Eisenherz: Rom und die Barbaren

In diesem Band der legendären Saga um das Singende Schwert geht es nicht nur um die Kulturgeschichte Europas, sondern man lernt auch einiges über die Barbaren und den Untergang Roms.

Lesen

Konferenz der Sieben Ewigen

Der Sandman aka "Dream" ist zurück! In Band 12 der Serie werden die Sieben Ewigen vorgestellt und ihre Konflikte mit der Welt auf einer Konferenz gelöst. Mythen der Alltagskultur treffen in Venedig und dem Kosmos zusammen und erweitern den Horizont ins Land der Träume.

Lesen

Western-Comic in Perfektion

"Cisco Kid" zeigt, dass Comics tatsächlich eine eigene Kunstform sind, die es vermag, Illusionen auf Papier zu zaubern.

Lesen

Glamour im Berlin der 1920er

Kriminalkommissar Gereon Rath wird von der Mordkommission Köln nach Berlin zur "Sitte" strafversetzt. Die Graphic Novel nach den Romanen von Volker Kutscher zeigt den Glamour und die Gefahr des Berlins der Weimarer Republik.

Lesen
Max Ernst - Traum und Revolution
New York 1974
SUMO
Can you find happiness
Saturday Night
Gunter Sachs
Jesus Christus Erlöser
I, Tokyo
Stalker
Farbe und Licht / Colour and Light
Alberto Giacometti
A Bigger Splash
by rezensionen.ch - 2001 bis 2017