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Walter Kasper, Jan-Heiner Tück: Jesus Christus auf der Spur Über die Wahrheit des Glaubens

23. August 2026
von Thorsten Paprotny

Der deutsche Kurienkardinal Walter Kasper gehört seit vielen Jahren zu den einflussreichsten und auch bekanntesten Theologen aus Deutschland, nicht nur wegen seines reichhaltigen Schrifttums, sondern zugleich aufgrund seines Engagements für die Ökumene durch seine langjährige Tätigkeit als Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen. In den vergangenen Jahren hat er sich auch substanziell kritisch zu den problematischen Thesen und mitunter irrlichternden Statements geäußert, die auf dem „Synodalen Weg“ der Kirche in Deutschland kursierten. Beklagt hat er den nationalen Eigensinn, ebenso die Entfremdung vom Lehramt der Kirche sowie die theologisch mangelhaften Positionierungen, mit denen sich sowohl meinungsfreudige Laienfunktionäre als auch Theologieprofessoren und sogar Bischöfe zu Wort meldeten. In dem Gesprächsbuch mit dem Wiener Theologen Jan-Heiner Tück wendet sich Kasper dem Schwerpunkt der Theologie und Herzmitte des Glaubens zu, denn gesprochen wird vor allem über Jesus Christus und Fragen der Christologie.

Weniger über die „Pathologien der Kirche“, sondern über Gott solle gesprochen werden, so bekräftigen Kasper und Tück zu Beginn, unter Berufung auf Papst Leo XIV., der an den „Primat Christi“ zu Pontifikatsbeginn erinnert habe. Wer Strukturdebatten als wesentlich ausgibt oder auch säkulare Fantasien jeglicher Art ausbreitet, folgt nicht dem Heiligen Geist, sondern dem Geist der Weltlichkeit. Kasper betont die Wegweisung durch das Konzil und spricht die „fortschreitende Säkularisierung und Pluralisierung von allem“ in der Nachkonzilszeit an. Er bekräftigt: „Die Theologie soll Theologie bleiben und nicht Politologie werden.“ Damit ist eindeutig markiert, dass die Kirche zunächst auch nicht für „unsere Demokratie“ (Frank-Walter Steinmeier) zu werben, sondern das Reich Gottes zu verkünden hat. Die Bewahrung der Schöpfung ist ein Ziel für alle Christen, der wortlastige Kampf gegen den sogenannten menschengemachten Klimawandel fällt eher in den Zuständigkeitsbereich von Politikern, Wissenschaftlern, Publizisten und NGOs. Alarmierend sei heute, auch in der Theologie nur bedingt bedacht, die „These von der religiösen Indifferenz“, die für Kasper eine „pastorale Herausforderung erster Ordnung“ darstellt. Er macht zugleich deutlich, mit Blick auf die vielen Menschen, die Tag für Tag stundenlang darauf warten, in den Petersdom eingelassen zu werden, dass sowohl die Gottesfrage als auch die Gottessehnsucht Realität sind. Wer von der „Irrelevanz des Christentums“ heute spricht, der identifiziert mutmaßlich eine persönliche oder verbreitete Sichtweise mit der Wirklichkeit. Theologie bricht auch aus dem „einseitigen Denken im Horizont der Subjektivität“. Existenzialistisch getönte Fragen nach Selbstverwirklichung muss Theologie gar nicht beantworten können. Die „postmoderne Wahrheitsskepsis“, die als „letzte Wahrheit“ auftritt, hält Kasper für einen folgenreichen Irrtum: „Wo sich ironische Distanz zur Haltung verfestigt, hält sie letzte Fragen von sich fern und begibt sie sich der Möglichkeit, für Sinnangebote des Glaubens empfänglich zu sein.“ Die „Sehnsucht nach Gott“ sei die „Sehnsucht nach Erlösung und Hoffnung“, die die Vorläufigkeit aller Weisheit dieser Welt und die Bindung an säkulare Philosophien überwindet. Zwar bestehe ein „Desaster des Christusglaubens“, das bis in die Kirche hineinreiche. Darum sei ein „erneuerter Christusglaube“ nötig, nicht also ein Beharren auf Strukturreformen oder die Behauptung, der skandalöse sexuelle Missbrauch in der Kirche sei „monokausal“ und als die „einzige Ursache für die aktuelle Kirchenkrise“ anzusehen.

Unverbrüchlich bekennt sich Kardinal Kasper zur „Jungfräulichkeit Mariens“, die für den gläubigen Christen – und dies konfessionsübergreifend, ein Beispiel dafür der große reformierte Theologe Karl Barth – vielleicht „paradox“ erscheinen mag, aber mitnichten „irrational“ ist. Auch Geistliche, die in Ergebenheit gegenüber dem Zeitgeist oder ihren eigenen Zweifeln huldigend, darauf verzichten, Maria, etwa im Schuldbekenntnis oder im eucharistischen Hochgebet allein als Gottesmutter anzurufen, nicht aber als Jungfrau, sollten demnach auch wissen, was sie tun. Kasper formuliert deutlich: „Ein Gott, der keine Wunder wirken kann, ist gar nicht Gott.“ Wer also die Jungfrauengeburt Christi leugnet, hat den Glauben der Kirche im Innersten nicht verstanden.

Die Christologie bezeichnet Kasper als „Theologie der Mysterien des Lebens Jesu Christi“ und sieht eine Verbindung von Spiritualität und mystischem Beten mit der systematisch-theologischen Reflexion als eminent wichtig an. Theologie darf demnach nicht zur Philosophie werden, sie bleibt betendes Denken, nicht Abstraktion und bloße Theorie oder eine bloß äußerliche katechetische Schulmeisterei. Walter Kasper spricht über die Theologie des Kreuzes und verknüpft dies mit dem Gedanken der göttlichen Barmherzigkeit. Er selbst verweile oft in seiner Privatkapelle und schaue auf den am Kreuz erhöhten Herrn, dessen Augen liebevoll dem Betrachter zugewandt seien, Liebe und Güte ausstrahlen und zeigen, dass das Leben gesiegt habe: „Gott, der sich am Kreuz offenbart, ist ein Gott des Lebens.“

Jan-Heiner Tück konfrontiert den Kardinal auch mit der postmodernen Anschauungsweise, dass in der „postmortalen Leiblichkeit“ nach der Auferstehung das Geschlecht keine Rolle mehr spiele und dass der „erhöhte Christus“ genauso auch eine „Christa“ sein könne. Eindeutig grenzt sich Walter Kasper von dieser absurden Auffassung ab und erklärt, dass er „herzlich wenig“ von solchen Betrachtungen halte: „Für die christliche Tradition ist es grundlegend, dass der gekreuzigte Jesus von Nazareth derselbe ist wie der auferstandene und erhöhte Christus und nicht etwa eine heilige Christa. Unsere geschlechtliche Identität wird im Himmel nicht aufgehoben, vielmehr durch die Teilnahme an der Herrlichkeit Gottes verherrlicht und verklärt. Die Heiligen, die wir als Vorbild betrachten und verehren, sind nicht irgendwelche geschlechtsneutralen Wesen. Sie sind heilige Frauen und heilige Männer, die schon hier auf Erden, wenngleich unterschiedliche Charismen, Dienste und Ämter, so doch durch die eine Taufe dieselbe Würde haben.“

Der deutsche Theologe Walter Kasper grenzt sich unmissverständlich von relativistischen Zugangsweisen ab, die gegenwärtig durchaus vertreten und sogar ernst genommen werden. Die Zustimmung zur Torheit der Welt, so intellektuell reflektiert sie sich auch geben mag, ist und bleibt ein willentliches, bewusstes Missverstehen der Zeichen der Zeit und eine absichtliche Verfälschung der Wahrheit des Glaubens. Weder die eigene Überzeugung noch irgendeine fluide Mehrheitsmeinung oder eine klug anmutende Philosophie schenken Orientierung, sondern Christus ist der Weg zum Heil und damit der Weg der Kirche. Dieses Gesprächsbuch bietet Stoff für theologisches Denken in heutiger Zeit und für kontroverse, sachlich fundierte, fruchtbare Diskussionen.

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Buchcover von Jesus Christus auf der Spur
Walter Kasper, Jan-Heiner Tück
Jesus Christus auf der Spur
Jan-Heiner Tück im Gespräch mit Walter Kardinal Kasper über Fragen der Christologie
280 Seiten, gebunden
ISBN 978-3-45102545-7
Herder 2026