Literatur

Von der Sehnsucht nach Krieg und der Angst vor Cocktailpartys

Janine di Giovanni wurde in New Jersey geboren und arbeitet als Kriegsberichterstatterin, dieses Buch ist ein Liebesbrief an ihren Mann Bruno, mit dem sie heute nicht mehr zusammenlebt. Etwas befremdend fand ich deswegen, dass das Titelbild das Antlitz einer jungen Frau sowie die untere Gesichtshälfte eines jungen, bärtigen Mannes ziert - ich meine: Janine di Giovanni war über vierzig, als sie ihren Mann heiratete. Wenn sie, wie der Untertitel sagt, eine wahre Geschichte erzählt (und ich habe nicht den geringsten Zweifel, dass sie das tut), bleibt unerfindlich, weshalb der Verlag den Umschlag nicht mit einem "wahren Bild" hat ausstatten wollen.

Ich fand die Lektüre grösstenteils (die Schilderung der Schwangerschaft geriet für mein Empfinden etwas gar ausführlich) spannend und in ihrer Aufrichtigkeit überzeugend. Und insbesondere den Epilog, der die Rückkehr der Autorin nach Sarajevo zum Thema hat, sehr bewegend.

In Sarajevo hatte Janine di Giovanni "die Liebe meines Lebens gefunden". Die Liebesgeschichte mit den französischen Kameramann Bruno Girodon dauerte von 1993 bis 2009, schreibt sie, doch so recht eigentlich dauert sie noch an, ist sie gar nie wirklich zu Ende gewesen.

"Die Geister, die uns folgen" handelt einerseits von dieser Liebe ("... eine ganz bestimmte Art von Liebe. Es geht darum um Schicksal, Bestimmung, Unterwerfung unter das Schicksal. Erlösung.") und andererseits von der Faszination der Autorin (ihrer Abhängigkeit?) für den Krieg. Sie erklärt nicht wirklich, was sie am Krieg so anzieht, doch sie beschreibt sehr überzeugend, wie es dabei zugeht. Überdies behauptet sie: "Angst vor dem Krieg hatte ich nicht, aber vor Cocktailpartys in London, vor New Yorker Büros und davor, mich um mein Bankkonto zu kümmern." Eine bemerkenswert beschränkte Art, die Welt zu sehen!

Was bewog Janine di Giovanni letztendlich, die 'amour fou' mit Bruno Girodon, einem französischen Kameramann, zu beenden? "Als ich Bruno vor langer Zeit kennengelernt hatte, wusste ich, dass er wie Odysseus war. Er würde durch die Welt ziehen, sich aber immer nach zu Hause sehnen und seine Lieben vermissen. Doch als er dann in dem Zuhause angekommen war, das er brauchte und wollte, tappte er darin umher wie ein verletzter Tiger im Käfig. Er konnte nicht zur Ruhe kommen, man konnte ihn nicht zur Ruhe bringen. Er hatte es versucht, weil er mich und seinen Sohn so sehr liebte. Aber es hatte nicht funktioniert. Es brachte mich um. Und es brachte ihn um, es zu versuchen." Es versteht sich: Dies beschreibt nicht nur Bruno Girodon, es beschreibt auch Janine di Giovanni.

Nachdem sie zwei oder drei Jahre versucht hatte, ein normales Leben in Paris zu führen, erhält sie eines Tages einen Anruf von einer Ärztin aus dem Val-de-Grace, einem Militärkrankenhaus: "'Ich wollte Ihnen sagen, dass ihr Mann hier in der Klinik ist und ich ihn einige Wochen zur Beobachtung auf der Station behalten möchte'. Als ich fragte, warum, sagte sie, ihrer Ansicht nach sei er erschöpft und selbstmordgefährdet." Bruno findet Hilfe bei den Treffen der Anonymen Alkoholiker (AA), Janine setzt sich mit Abhängigkeitsfragen auseinander. "Ich bemühte mich, die Beziehung eines Menschen zu Drogen, zu Alkohol oder irgendetwas anderem, das ihn in eine andere Welt versetzt - in Abhängigkeit - zu verstehen. Ich habe in meinem Leben schon alles Mögliche ausprobiert, aber nichts konnte mich süchtig machen." Mit der Zeit hatte sie den Eindruck, die AAs nähmen ihr ihren Mann weg. "Ich wusste, dass er dadurch trocken blieb, aber ich war mir nicht sicher, ob er nicht eine Sucht durch eine andere ersetzte, wie mir einmal jemand von den AA-Sitzungen gesagt hatte." Und wenn dem so wäre? Die eine Sucht bringt einen um, die andere hält einen am Leben. Zudem: Als ihr Sohn sechs Monate alt war, ging Janine wieder nach Bagdad und liess Luca bei seinem Vater und seiner Kinderfrau in Paris zurück. "Aus meinen Brüsten quoll noch Milch, und ich vermisste mein Kind mit einer Vehemenz, die mir unbegreiflich war." Sie fliegt zurück nach Paris. Und, nachdem einige Zeit verstrichen war, nach Afghanistan ... Im Juli 2012 berichtete sie für den 'Daily Beast' vom Krieg in Syrien. Für mich klingt das sehr nach Abhängigkeit, Abhängigkeit von Kriegsgebieten.

Diese "wahre Geschichte von Liebe und Krieg" (der englische Originaltitel setzt den Akzent anders: "A Memoir of War and Love") ist auch ein Buch über Kriegsberichterstattung. Über Kämpfe an der Elfenbeinküste berichtet sie: "Um sechs Uhr klingelte das Telefon, es war die Auslandsabteilung von CNN London. 'Was ist dort unten los?', rief jemand durch die knisternde Leitung. 'Es ist die rede von einem Putsch, einem weiteren Krieg ...' Ich ging ans Telefon und berichtete, dass wir nichts wussten, schilderte aber die Szenen in den Strassen, die Angst, die Orientierungslosigkeit, das Gefühl, das in der Luft lag, kurz bevor ein Land explodiert." À propos CNN: Mitfahrgelegenheiten in den gepanzerten Wagen der Fernsehjournalisten waren bei den übrigen Journalisten sehr begehrt. "Der Armeelaster von CNN war immer voll, und man sagte diesen Kollegen nach, sich um niemanden zu scheren als um sich selbst. Die Leute von der BBC hingegen waren grosszügiger ...".

"Die Geister, die uns folgen" ist ein bewegendes, informatives, sehr persönliches und empfehlenswertes Buch (auch wenn die Passagen über die Schwangerschaft etwas arg lang geraten sind - Frauen werden das möglicherweise anders sehen), nicht zuletzt wegen Einsichten wie dieser: "Aber können wir denn jemals sehen, was wir in Wirklichkeit gar nicht sehen wollen?"

Die Geister, die uns folgen
Janine di Giovanni

Die Geister, die uns folgen


Eine wahre Geschichte von Liebe und Krieg
Bloomsbury 2012
288 Seiten, gebunden
EAN 978-3827010902

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