L.A. hautnah
Wer Honoré de Balzacs Menschliche Komödie liebt, oder Tom Wolfes Fegefeuer der Eitelkeiten, Ein ganzer Kerl und Ich bin Charlotte Simmons, der sollte ganz unbedingt zu James Freys Strahlend schöner Morgen greifen, denn da findet er alles, was er auch in den Werken der gerade erwähnten Grossmeister antrifft: das ganze, pralle Leben.
Bekannt geworden ist James Frey durch seine Alkoholtherapie-Geschichte A Million Little Pieces (auf Deutsch nicht mehr erhältlich), über die man lesen konnte, sie sei keineswegs autobiografisch, sondern erfunden gewesen. Wieviel davon Freys Fantasie und wieviel davon seinem persönlichen Erleben geschuldet war, sei dahingestellt, doch A Million Little Pieces gehört mit Sicherheit zu den bewegendsten Leseerfahrungen, die man in den letzten Jahren machen konnte (für die, denen das zu allgemein ist: ja, ich spreche von mir). Und ein Strahlend schöner Morgen steht ihm in nichts nach. Und liest sich so:
"Sie lebten in einem nördlichen Staat, in einem Nirgendwo, Irgendwo, Überall, in einer amerikanischen Kleinstadt voller Alkohol, Missbrauch und Religiosität. Er arbeitete in einer Autowerkstatt, sie stand in einer Tankstelle hinter dem Tresen, sie wollten heiraten, ein Haus kaufen und versuchen, bessere Menschen als ihre Eltern zu sein. Sie hatten Träume, nannten sie aber vor allem deshalb Träume, weil sie nichts mit der Realität zu tun hatten, weil sie ein fernes Unbekanntes waren, eine Unmöglichkeit, etwas, das nie Wirklichkeit werden würde."
Dylan und Maddie - von diesen beiden war hier gerade die Rede - wagen sich jedoch weg aus dieser Kleinstadt im Norden und machen sich auf nach Los Angeles. Wie so viele andere auch in diesem fulminanten Buch. Von den Filmstars Amberton und Casey, die ihre Ehe als Film inszenieren. Von Esperanza, der in Amerika geborenen Mexikanerin, die mit ihrer tyrannischen Herrin absichtlich gebrochenes Englisch spricht (wer gängige Klischees bestätigt, kommt leichter an gewisse Jobs). Von Joe, der in einer Toilette in Venice Beach haust und sich um das drogensüchtige Mädchen Beatrice kümmert. Und von Kelly, die Theater und Grundschulpädagogik studierte und als Sängerin Karriere machen will. Und von Eric, dem Highschool-Herzensbrecher, John, dem Gitarrenvirtuosen... und und und...
James Frey erzählt von Träumen. Von solchen, die wahr geworden sind. Von denen, die scheiterten. Und von denen, die vielversprechend begannen und dann vom wirklichen Leben eingeholt und zu Fall gebracht wurden. Wie Bernard Trink einstmals in der Bangkok Post schrieb: Life is not fair, get used to it. Der Verweis auf die Bangkok Post steht hier keineswegs zufällig, denn wie sagte doch die Filmemacherin aus Los Angeles als sie im obersten Stock des Landmark auf die Sukhumvit runterblickte: Das alles erinnert mich doch sehr an Los Angeles.
"Strahlend schöner Morgen" ist ein Stadtroman, ein glänzender, aussergewöhnlicher, faszinierender. Er berichtet neben den vielen Einzelschicksalen von Los Angeles' Highways, von den Gangs ("Fünfzig bis sechzig Prozent aller im Los Angeles County begangenen Morde finden im Gangmilieu statt, ungefähr siebenhundert pro Jahr"), den Touristen und Pennern in Venice Beach, den verschiedenen Volksgruppierungen, die diese Stadt bevölkerten und bevölkern ("Im Jahre 1875 gab es in Los Angeles klar getrennte Gemeinden von Afrikanern, Spaniern, Mexikanern, Chinesen und weissen Amerikanern ... Die einzelnen Gemeinden hatten so gut wie nichts miteinander zu tun, und der Stadtrat von Los Angeles erliess ein Gesetz, das es den Weissen gestattete, alle Farbigen auszugrenzen.") und von Kuriositäten wie dieser: "1976 streikten die Ärzte aller öffentlichen Krankenhäuser im Los Angeles County; die tägliche Sterberate sank um zwanzig Prozent."
"Dieser Roman ist ein einziger Triumph!", wird Irvine Welsh auf dem Umschlag zitiert. Der Mann hat nicht nur recht, er hat hundertprozentig recht!
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