Literatur

Ein stinknormaler Weisser

Es gibt Bücher, die man, kaum hat man die ersten Seiten gelesen, unbedingt weiter empfehlen will. Und James Freys "Das letzte Testament der Heiligen Schrift" gehört klar dazu. Wie so recht eigentlich alle Bücher von James Frey, von dem Irvine Welsh zu Recht behauptet, er sei "einer der besten und wichtigsten Autoren unserer Zeit".

Worum geht's? Darum, dass Jesus zurückgekehrt ist. Und in New York auftaucht. Und dass dreizehn Zeugen die Geschichte seiner Wiederkehr erzählen. Und jeder natürlich wieder anders. Aus seiner (oder, ja klar, ihrer) Sicht eben.

So beginnt Maria Magdalenas Schilderung:
"Er war nichts Besonderes. Einfach ein Weisser. Ein stinknormaler Weisser. Braune Haare, braune Augen, normal gross und normal schwer. Genau wie die zehn oder zwanzig oder dreissig Millionen anderer weisser Typen in Amerika auch. Wie gesagt: nichts Besonderes."
Hört man Maria Magdalena zu, kriegt man Einblicke in eine Realität, die man gerne ausblendet: "Meine Lehrer, die alle so taten, als würden sie sich voll um uns sorgen, obwohl sie eigentlich Schiss vor uns hatten und uns wie Tiere behandelten, waren Weisse." "Denn obwohl wir alle Schulabbrecher waren, wussten wir, wenn du hier wirklich raus wolltest, musstest du was lernen. Nur bekam das keiner von uns hin."

Jesus, der in diesem Buch Ben heisst, wird auf einer Baustelle von einer drei mal drei Meter grossen und etwa einer halben Tonne schweren Fensterscheibe getroffen. "Wir sassen da und redeten, konnten nicht glauben, was passiert war. Es war furchtbar. Ein paar Journalisten kamen und versuchten, uns zu interviewen. Niemand sagte ein Wort. Wir wussten, dass sie ohnehin schreiben würden, was sie wollten, ohne Rücksicht auf ihre sogenannten Moralvorstellungen und ihren angeblichen Glauben an die Wahrheit."

Ben landet im Krankenhaus, wird zusammengeflickt, verschwindet dann wieder und taucht bei den New Yorker Tunnelbewohnern wieder auf, die der moderne Matthäus wie folgt charakterisiert: "Manche sind einfach nicht für die Welt gemacht. Ertragen sie scheissenochmal nicht. Kommen nicht mit Mama und Papa zurecht, mit der Schule, die einem zwar nichts beibringt, und dem Scheissjob mit gottverschissenem Chef, der bla bla bla macht, und Rechnungen und Nachbarn und irgendeiner Kirche, die einen mit Kack vollsülzt, und einem prima Kredit bei der Bank und einer Hypothek und Heiraten und Kinderkriegen und irgendeinem Scheissrentenplan, bei dem man immer nur einzahlen muss und nie was zurückkriegt. Viele sind für sowas nicht gemacht."

So recht eigentlich kann man aus diesem Buch eigentlich nur zitieren. Weil James Frey, wie bereits in seinen drei vorherigen Büchern, überzeugendst zu erzählen versteht. Und weil er wesentlich ist. Und weil er, was er zu sagen hat, ganz wunderbar clever sagt. Oder haben Sie etwa schon einmal so über Gott gelesen? "Gott existiert nicht so, wie die Leute auf diesem Planeten glauben, dass er existiert, als irgendso'n übermächtiger allwissender Wichser, den es interessiert, was hier auf der Erde passiert, und der unser Schicksal bestimmt, das ist alles Beschiss, aber es gibt Antworten, die wir nicht haben, Sachen, die wir nicht wissen, jenseits der kleinen Geister kleiner Menschen, die dumm genug sind zu denken, dass wir im gesamten Universum, unendlicher in Grösse und Energie und Dimension als der menschliche Verstand, weit und breit die Einzigen sind und dass der dumme kleine Scheiss, den wir machen und über den wir uns den Kopf zerbrechen, irgendwie wichtig ist."

Von einem der Solches schreibt, lese ich alles. Ich bin schon jetzt gespannt auf sein nächstes Buch.

Das letzte Testament der Heiligen Schrift
James Frey

Das letzte Testament der Heiligen Schrift


Haffmans & Tolkemitt 2012
448 Seiten, gebunden
EAN 978-3942989046

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