Kunst

Verlorene Zeiten

Das Medium Comic ist in Deutschland angekommen. Nach Jahrzehnten eines Daseins in der Subkultur ist es nun unter Anderem deutschen Autoren wie Reinhard Kleist, Ralf König, Isabel Kreitz oder Jens Harder zu verdanken, dass Comics auch hierzulande en vogue sind. Erst ihr Erfolg hat befördert, dass auch die Werke von Künstlern wie David B., Marjane Satrapi, Blutch oder Winshluss immer mehr Leser finden. Der Comic ist im Land der Dichter und Denker nicht mehr länger Undergroundkultur. Vielmehr avanciert das Freak-Medium in einigen Bereichen zum Lead-Medium, insbesondere dort, wo Autoren die Worte ausgehen oder sich Sprachlosigkeit breit macht und auch dort, wo die vielsagende Stille des Palavers und der erzählerischen Unübersichtlichkeit herrscht.

Dieser Aufstieg der Comics begann zweifellos 1992 mit dem Pulitzerpreis für Art Spiegelmans Maus-Comics. Seither hat sich der Abstand, in dem weitere bemerkenswerte Werke der gezeichneten Literatur erscheinen, deutlich verringert. Immer mehr Autoren wagen sich an Themen und Stoffe heran, die lange im Tabubereich der grafischen Literatur lagen. So wäre noch Anfang der neunziger Jahre eine Adaption von Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" ein Ding der Unmöglichkeit gewesen. Selbst wenn sich ein Zeichner für dieses wahnwitzige Projekt begeistert hätte, wäre seine Suche nach einem kooperierenden Verleger wohl erfolglos geblieben. So fanatisch kann keiner sein, dass er den irrsinnigen Versuch wagt, 4.000 Romanseiten in Bilder zu bringen. Wirklich keiner? Doch, einer fand sich. Stéphane Heuet, Werbegrafiker aus Frankreich, arbeitet seit zwölf Jahren an der Adaption der 4.000 Romanseiten des Fin-de-Siècle-Klassikers von Marcel Proust.

Heuet erinnert in seinem eisernen Willen an das berühmte rebellische Dorf in Gallien. Im Pariser Verlagshaus Delcourt fand er einen Mitstreiter, der den französischen Comicmarkt mitbestimmt. Inzwischen sind fünf des auf 15 bis 20 Bände angelegten Mammutwerks in Frankreich erschienen. Ein Viertel in zwölf Jahren - ob Heuet sein Lebenswerk zu Ende bringen kann, ist ungewiss. Nun ist in Deutschland der erste Band erschienen, im Münchener Verlagshaus Knesebeck, das vor wenigen Jahren auf die Erfolgswelle der Comics aufgesprungen ist. Nach einigen wenig überzeugenden Titeln scheint der Verlag nun seinen Platz und mit Heuet sein erstes bedeutendes Schwergewicht gefunden zu haben.

Stéphane Heuet hält sich mit seiner grafischen Adaption nah am Original - und möglicherweise gelingt ihm gerade dadurch eine Wiederbelebung der Proustlektüre. In Frankreich ist seine Serie nach anfänglich verheerenden Kritiken inzwischen als Klassiker anerkannt, Heuet als Proustianer geschätzt. In fantasievollen, unaufgeregt ruhigen Bildern erzählt er im Stil der belgischen Ligne Claire vom schwülen Sommer in Combray, der aufgesetzt feinen und zugleich unmenschlich kalten Gesellschaft. Sein Comic driftet teilweise zur kommentierten Zeichnung ab, seitenlang wird in Blocktexten erzählt, die belebenden Sprechblasen des Mediums geraten dabei zuweilen zur Marginalie. Doch immer wieder gibt es Momente, in denen das Werk und mit ihm die Personen plötzlich an Leben gewinnen, indem Heuet sie sprechen lässt. Das Lesen von Proust erspart dieser Band nicht, aber er kann das Finden der großen Linien seiner Erzählweise unterstützen.

Ebenso unmöglich wie die Adaption von Prousts "Recherche" erscheint eine Comicfassung von Franz Kafkas Erzählungen. Der Franzose Eric Corbeyran und der in London lebende Zeichner Richard Horne haben sich an dessen Klassiker "Die Verwandlung" gewagt und ihn in Comicform gebracht. In künstlich düsteren Bildern erzählen sie die absurde Geschichte des Handelsvertreters Gregor Samsa, wobei auch sie sich eng an den Text der Vorlage halten. Das Ergebnis ist allerdings enttäuschend, denn von Kafkas Zauber sind die Comicmacher weit entfernt. Besteht doch die Faszination seiner Sprache in der bewusst gewählten Struktur, die die Dramaturgie der Handlung transportiert. Und so geht die Absicht Kafkas, dass der Leser von "Die Verwandlung" erst mit dem letzten Wort des ersten Satzes erfährt, was Samsa überhaupt widerfahren ist - nämlich dass er sich "zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt" hat - hier völlig unter. Schon im ersten Bild sieht man der gigantischen Schabe aus der Vogelperspektive ins Gesicht. Samsas Blick an die Decke in Verbindung mit der Beschreibung eines unguten Gefühls wären eine bessere Wahl gewesen. Und so verhält es sich mit dem gesamten Comic. Die Lektüre des Originals ist nicht nur die bessere Wahl, sondern die des Comics ein unnötiger Zeitvertreib. Verlorene Zeit, wenn man so will.

Während Heuet mit seinem Werk junge Leser (und natürlich auch ältere) an Proust heranzuführen vermag, gelingt dies Corbeyran und Horne mit ihrer Kafkaverarbeitung keineswegs, da sie den kafkaesken Zauber in plumper Manier verspielen. Ihr Scheitern mag auch daran liegen, dass sich Kafkas Werke einer comicalen Bearbeitung entziehen. Denn Comics schaffen ein mehr an Verständnis, wo entweder ein zu wenig an Sprache herrscht oder wo sie sich in biblischer Epik verliert. Beides ist aber bei Kafka nicht der Fall. Vielmehr gibt es kaum einen Autoren, der derart verkürzt, pointiert und bilderreich zu erzählen vermochte, wie Kafka. Ein Comic kann dann nur zur bloßen Illustration des längst Bekannten dienen und das ist nur wenig faszinierend.

Ganz anders die gleichermaßen liebevolle wie schonungslose Geschichte des kleinen Jakob auf der Suche nach seiner Mutter. Der Leser, von Anfang an wissend um den Tod der Mutter, begleitet den hinterlassenen Sohn "Jakob" durch eine Welt der Metaphern, Andeutungen und Hintergedanken, denn niemand will ihm das Sterben seiner Mutter nahe bringen. In der Schonung der kindlich verletzten Seele wird er in ein Dilemma gestürzt, welches einen fatalen Ausgang findet. Schreuder gibt dem Werk mit seinen Texten eine geradezu filmische Dramaturgie. Die mit Aquarellfarben kolorierten Zeichnungen von Felix Mertikat greifen diese geschickt auf und lassen genügend Raum für Deutungen und Durchatmen. Mit ihrem Debüt haben Felix Mertikat und Benjamin Schreuder sogleich für Aufsehen gesorgt. Sie erhielten in Frankfurt den Sondermann-Preis für den besten Newcomer des Jahres.

In ihrem grandios eigenwilligen Comicband füllen sie die immense Sprachlosigkeit, die der Tod in unserer Gesellschaft hinterlässt, mit Bildern, Sprache und Rhythmus. Mertikat und Schreuder geben dem Sterben dabei nicht Sinn oder Ziel, fliehen nicht in transzendente Weltvorstellungen oder sinnentleerte Hoffnungsversprechungen, sondern bleiben ganz bei den Fragezeichen des kleinen Jakobs, die das plötzliche Verschwinden der Mutter in ihm hervorrufen und die ihm keiner nehmen will. Wem er auf seiner Muttersuche auch begegnet, stets stößt er auf egoistisches Schweigen oder hintertriebene Geschwätzigkeit. Seine Bedürfnisse finden nirgendwo Erfüllung, so dass er letztendlich an der Einsamkeit zugrunde geht.

Die beiden Autoren begeben sich hier nicht nur in eine thematische Tabuzone, sondern brechen auch immer wieder mit den Regeln der grafischen Literatur. Immer wieder setzen sie ihre Bilder in den freien Raum und öffnen den sonst Struktur gebenden Panelrahmen für Assoziationen und Gefühle. Zugleich sind die unbegrenzten Zeichnungen die Bildmetapher für das ziellose Umherirren des kleinen Jakob auf einer in seinen Augen sinnentleerten Welt. Seine Suche wird durch falsche Schonung zur verlorenen Zeit.
Dieser Comic ist genial konstruiert und mit einfühlsamem Strich gezeichnet. "Jakob" ist ein Beleg dafür, dass Comics dort erzählerische Mittel finden, wo sonst Sprachlosigkeit und Schweigen herrscht. Mertikat und Schreuder wollten diese kleine Geschichte offensichtlich nicht groß erzählen. Und gerade das macht sie zu einer Sensation.

Jakob / Die Verwandlung / Auf der Suche nach der verlorenen Zeit
Felix Mertikat
Benjamin Schreuder
Eric Corbeyra

Jakob / Die Verwandlung / Auf der Suche nach der verlorenen Zeit


2010
64 / 48 / 72 Seiten, gebunden

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