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Parallelgesellschaft Schule – Überlegungen zum Bildungsnotstand

Sind Sie früher gern zur Schule gegangen? Wenn ja, was haben Sie dort für Ihr Leben heute gelernt? Woran erinnern Sie sich? Wissen Sie, was Sie alles vergessen haben? Vielleicht kennen Sie die alte Spruchweisheit, die dem Philosophen Seneca – oft von Pädagogen – zugeschrieben wird: "Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir." Vielleicht handelt es sich bei diesem Falschzitat nur um eine kompetenzorientierte Deutung, die auch der herrschenden Didaktik entspricht? In jedem Fall ist der römische Denker schuldlos, denn er schrieb exakt das Gegenteil: "Nicht für das Leben, sondern für die Schule lernen wir." Das klingt trostlos, ernüchtert und realistisch. Nüchtern besehen ist die Schule nicht mehr als eine unvermeidliche Institution, deren Eigenheiten und Eigengesetzlichkeiten oft den Charakter einer Parallelgesellschaft annehmen können. Jürgen Kaube, der bekannte Wissenschaftsjournalist und Herausgeber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", beschreibt, analysiert und seziert pointiert, unbekümmert und zuweilen drastisch den Erlebnisraum Schule in Deutschland.

Der Titel des Buches wirkt wie ein publizistischer Weckruf. Die plakative Überschrift kann Neugierde, aber auch Vorbehalte hervorrufen: Kinder sind eigentlich wissbegierig und weltoffen, verblöden aber konsequent im Klassenzimmer? Befindet sich die Schule heute – und das in allen bestehenden Formen – in einem dauerhaften Krisenzustand, der Reformanstrengungen erfordert? Kaube stellt das bildungswissenschaftliche Experimentierfeld vor und konstatiert bestehende Schwächen, insbesondere die mit ideologischem Selbstbewusstsein durchgeführte Kompetenzorientierung – also die Ausrichtung auf Fähigkeiten, nicht auf Kenntnisse –, in der ein systematischer Wissenserwerb als traditionalistisches Relikt aus Zeiten des Frontalunterrichts gilt. Kompetenz sei, so Kaube, ein "Megacontainerbegriff". Gefördert werden solle vor allem die Kommunikation im Unterricht. Neu ist das aber nicht. Schon vor über dreißig Jahren wurde offensiv die sogenannte "mündliche Beteiligung" im Unterricht stärker gewichtet, anders gesagt: Wenn die Note "mangelhaft" für das Diktat erteilt wurde, blieb dennoch ein "befriedigend" bis "gut" im Zeugnis möglich. Zugespitzt formuliert könnte man sagen: Im Deutschunterricht wurde es zunehmend weniger wichtig, ein Wort richtig zu schreiben, als den Begriff im vermeintlichen Dialog im Klassenzimmer effektvoll zu platzieren und gekonnt zu inszenieren. Man müsse auch, so hieß es seinerzeit, sich besser ins Gespräch einbringen und auch einmal etwas sagen, wenn man es nicht genau oder gar nicht wisse – mal so. Anders gesagt: Zu den Dummheiten der anderen könnte jeder auch noch seine eigenen hinzufügen. So wurden gegenstandslose Gespräche gefördert, ohne dass der Lehrer korrigierend eingegriffen hätte. Die Meister eloquent vorgetragener Ahnungslosigkeit fanden ein Publikum. Manche Schüler zogen sich dann verständlicherweise vom Unterrichtsgespräch zurück. Die Parallelgesellschaft diskutierte. Nun gibt es noch heute Schüler, die durch vermeintlich schülernahe Arbeitsformen wie "Dialog, Referat, Arbeitsgespräch, Buchvorstellung, Streitgespräch" nicht motiviert werden können. Aus einem einfachen Grund, den Kaube präzise benennt: "Dass man eine Meinung erst einmal haben muss, bevor man sie auch nur unbegründet vertreten kann, bleibt unerwähnt. Stattdessen lässt man die Schüler Referate zu Themen ausarbeiten, von denen sie nichts wissen und am wenigsten wissen, warum sie jetzt ausgerechnet zu diesem Thema und nicht zu einem anderen vortragen sollen. … Der vollends sprechkompetente Mensch kann dann zu allem einen Vortrag halten, der niemanden interessiert." Noch immer beendet die Schulglocke verlässlich jede fruchtlose Unterrichtseinheit. Die Konsequenz daraus ist leicht zu benennen: "Die Schule erfolgreich abzuschließen, setzt Ausdauer voraus, Konzentrationsfähigkeit, Geschick bei der Personenbeobachtung, die Bereitschaft, sich den merkwürdigsten Aufgabenstellungen hinzugeben oder sie jedenfalls akkurat zu erledigen. Man muss mitunter ein interessiertes Gesicht machen können, auch wenn einen die Sache langweilt."

Die vielfach glorifizierte Schule soll dazu anstiften, Nachdenklichkeit zu bewirken, so dass die Schüler zu denken lernen, "analytische Fähigkeiten" entwickeln und, dem pädagogischen Lieblingswort folgend, sich kritisch zu äußern wissen. Faktisch aber wird eine Gegenstandslosigkeit des Unterrichts festgestellt, die vor allem den Mangel an Wissen offenbart und damit jedes noch so kritisch gemeinte Gespräch als vollkommen überflüssig erweist – insbesondere aufgrund fehlender "Detailkenntnisse": "Denn wie sollen Schüler «kompetent» werden, wenn sie nicht wissen, worum es sich in der Sache, die sie kompetent bearbeiten sollen, überhaupt handelt?" Jürgen Kaube wirbt zudem dafür, Themen nicht nach vermeintlicher "Relevanz" oder "Lebenswirklichkeit" auszuwählen – dies sei eine "reine Pädagogenkonstruktion" –, sondern zu einer Besinnung auf das Elementare: "Die Entgegensetzung von Wissen und Fähigkeiten (Kompetenzen) ist also völlig sinnlos, insbesondere wenn man sich an die zentrale Fähigkeit hält, die in Schulen kultiviert werden kann und die tatsächlich in allen vorstellbaren Zukünften nützlich sein dürfte: Denken. Ihm geht die Kenntnis dessen voraus, worüber nachgedacht werden soll, die Kenntnis von Objekteigenschaften, von ähnlichen und von ganz unähnlichen Objekten sowie einer Terminologie, die es erlaubt, Vergleiche und Analysen zu organisieren." Das Wissen gehe dem Denken voraus, die Schule aber habe vielerorts den Sinn für Wiederholung, Übung und Einübung verloren. Von einem Musiker wird übrigens nicht eine auf Ahnungslosigkeit basierende, inspirierte Kreativität erwartet, die dann auch noch als genialische Besonderheit gelobt wird, sondern die Noten zu berücksichtigen und entsprechend zu singen oder zu spielen. Jeder musizierende Mensch ist dazu von Natur aus begabt, trotz bester Absichten und allem guten Willen, unwissend, aber kreativ die Ohren der Hörerschaft zu strapazieren. Wer aber selbst nicht leiden möchte, lässt auch andere nicht leiden – und wer nichts zu sagen hat, der sollte einfach still bleiben. Auch das ist vielleicht eine wichtige Kompetenz. Jürgen Kaube rät zu einem instruktiven Unterricht: "Lehrer, die glauben, je weniger sie lehrten, desto besser sei es, hat man auf einen Irrweg geführt. Der schülerzentrierte, wenig instruierende Unterricht ist eine Idee von Professoren." Er empfiehlt "Abweichmöglichkeiten vom Lehrplan": "Lehrer müssen keine Genies sein, aber es würde helfen, wenn man sie in der Weiterbildung nicht mit den neuesten Erfindungen der Kompetenzphrasen-Industrie bekannt machen würde, sondern ihnen erlaubte, sich dem zu widmen, was interessant an ihren Fächern ist. ... Lehrer sind keine Lerncoaches, und es gibt keinen Anhaltspunkt dafür, dass es dem Unterricht nützen könnte, wenn sie es wären. Der schülerzentrierte Unterricht ist eine Idee von Erwachsenen, die ihre Klientel als besonders kompliziert und autonom und partizipationsbedürftig darstellen, was ihre eigene Rolle aufwertet und zugleich von ihren Belastungen ablenken will, indem man sie als vermeidbar darstellt. An der in der Sache und ihrer instruktiven Mitteilung engagierten Lehrkraft führt kein Weg vorbei."

Der Autor diskutiert noch eine Reihe von weiteren Themen, die Erkundungen der Bildungswissenschaften ebenso wie die Formen der Digitalisierung. Was bleibt? Die Einsicht ist nicht neu, aber unverzichtbar: "Manches muss einfach gepaukt werden, mag das Wort »pauken« noch so traurig klingen. Mancher Stoff erlaubt keine persönliche Einstellung, und auch das gehört zur Sozialisation durch Schule: seine Meinungen für sich zu behalten." Strukturell und institutionell wirkt die Schule noch immer, ähnlich wie das Militär, manche Behörden und die Kirche, wie von außen und von innen wie eine Parallelgesellschaft mit einem erzieherischen Auftrag. Wer sich an Tobsuchtsanfälle einzelner Lehrkräfte erinnert, wird zumindest aufs Ganze gesehen erkennen, dass solche befremdenden Phänomene in der Schulwirklichkeit heute – zum Glück – seltener geworden sind.

Jürgen Kaube gibt naheliegende, gleichwohl wichtige Hinweise zu einer sinnvollen Schulentwicklung, indem er deutlich auf die Notwendigkeit der Vermittlung elementarer Kenntnisse hinweist. Für die Bildungsrepublik Deutschland könnte eine Abkehr von der Kompetenzorientierung in der Schule und auch in der Universität perspektivisch ein echter Gewinn sein.


von Thorsten Paprotny - 08. Juli 2019
Ist die Schule zu blöd für unsere Kinder?
Jürgen Kaube

Ist die Schule zu blöd für unsere Kinder?


Rowohlt 2019
336 Seiten, gebunden
EAN 978-3737100533

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