Isidor "Überdehnte Freundlichkeit, hinter der Abgründiges lauert"
„Der Jud' is wied doa!", riefen die neuen Wiener Wohnungseigentümer, als Walter, der Großvater der Autorin, nach dem Krieg vor seiner ehemaligen Wohnungstüre stand. Sie hatten sich wie damals viele Österreicher im NS bereichert und an „wilden" Arisierungen beteiligt. Ein dunkles Kapitel der österreichischen Geschichte und ganz Europas, aber auch ein Mahnruf an künftige Generationen.
Steile Karriere in Wien
Shelly Kupferberg, die Autorin, ist in Westberlin aufgewachsen und arbeitet als Journalistin. Sie ist auch die Enkelin von Walter, der den Holocaust überlebt hat, und insofern auch mit seinem Onkel Isidor verwandt, den die Nazis enteigneten und ausraubten. Dr. Isidor Geller war ein Lebemann, der aus dem jüdischen Schtetl in Galizien nach Wien ausgewandert war, um dort sein Glück zu versuchen. Tatsächlich gelang es ihm innerhalb kürzester Zeit, ein riesiges Vermögen durch eine Ledermanufaktur und Wertpapierhandel aufzubauen. So konnte er auch seinen älteren Bruder unterstützen, der in eine Art geistige Umnachtung verfallen war. Aber auch einige Freundinnen hatte er; besonders eine wunderschöne Sängerin, die es später in Hollywood zu großem Ruhm bringen sollte, hatte es ihm angetan.
Insgesamt waren es fünf Geschwister, die nach Wien zogen, nur der Vater blieb in Galizien zurück. Mutter Batja kümmerte sich um ihren Enkel Milo und seine Mutter – ihre Tochter – Fejge, Isidors Schwester, die als Hutmacherin in Wien Karriere machte, nachdem Isidor ihr bei der Ausbildung finanziell geholfen hatte. Auch sie hatte Glück gehabt, denn viele jüdische Mädchen wurden damals mit großen Versprechungen aus Galizien, Ungarn oder Böhmen weggelockt, um dann als „Austriacas" in den Bordellen der USA wieder aufzuwachen, wie die Autorin das Schicksal vieler nach dem Ersten Krieg beschreibt. Auch im Österreichischen Staatsarchiv findet die Autorin noch achtzig Jahre später seitenweise Aufstellungen über das geraubte Familienvermögen, das nie zurückgegeben wurde. „Erstaunlich, wie viele Beweise darüber in den Schubladen und Archivregalen schlummern", schreibt sie. Und dennoch gibt es noch heute Menschen, die alles, was damals geschah, leugnen.
Vom Gan Eden in die Gehinnom
„Wäre da nicht der Krieg gewesen, man hätte glauben können, die Welt sei ein Paradies in diesem Sommer 1915. Vor allem wenn man frisch verliebt war." Wien war damals immer noch die sechstgrößte Stadt der Welt und seinen internationalen Ruhm als Kulturmetropole hatte es vor allem den jüdischen Künstlerinnen und Künstlern zu verdanken, die auf der Bühne der Theater oder Volksopern das gesellschaftliche Leben mitbestimmten. In der Leopoldstadt, der „Mazzesinsel", fanden damals viele ihr Zuhause, und Isidor war mitten unter ihnen, auch wenn er lange Zeit kein Mitglied der Kultusgemeinde mehr war. Isidor hatte es geschafft: Kommerzialrat, Berater des österreichischen Staates, Multimillionär, Opernfreund und Kunstsammler und nach zwei gescheiterten Ehen Liebhaber einer wunderschönen Sängerin. Denn irgendwo dort fand er auch seine Ilona, wegen der sich schon einmal ein Mann selbst umgebracht hatte. Die tragische Geschichte der drei Brüder Szávozd ging damals durch alle Gazetten, wie Kupferberg recherchierte. So findet sie auch heraus, dass Louis B. Mayer damals nicht nur eine gewisse Hedy Kiesler „entdeckte", sondern auch 34 weitere Schauspielerinnen, darunter eben auch Isidors Ilona (Massey). Als die Nationalsozialisten auch in Österreich die Macht übernahmen und es zu vielen sog. „wilden", also unkontrollierten, Arisierungen gekommen war, wusste Isidor noch nicht, ob es auch ihn treffen würde. Aus heutiger Sicht kann festgestellt werden, dass es ausgerechnet sein eigener Chauffeur und seine beiden Bediensteten Resi und Mizzi waren, „die ihn ans Messer lieferten", so Kupferberg. Sie hatten offenbar schon Monate vor dem Anschluss eine Auflistung seiner Wertpapiere vorgenommen.
„Die teils überdehnte Freundlichkeit, hinter der auch Abgründiges lauert", schreibt die Autorin über das heutige und damalige Wien im Nachwort, und man kann nur hoffen, dass ihre Geschichte Isidors noch oft weitererzählt wird. In Wien und der ganzen Welt, damit nicht noch einmal passiert, was passiert ist.
Alle Rezensionen von Juergen Weber