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Dieter Henrich: Ins Denken ziehen

Philosophisch leben

Weiträumig zu denken, ist eine Gabe und Kunst, die wenige Philosophen in Geschichte und Gegenwart so beherrschen wie Dieter Henrich. Zeit seines Lebens hat er nicht allein geistige Orientierung in Werken gesucht und Traktate reflektiert, die zum klassischen Bestand der Philosophie gehören, sondern auch das Gespräch mit und die Nähe zu den Künsten gesucht. Matthias Bormuth und Ulrich von Bülow, zwei Weggefährten von Henrich, haben mit ihm Rückschau auf die Stationen seines langen Lebens gehalten. Der Philosoph beschreibt eindrücklich, dezent und sorgsam Eindrücke aus seiner Zeit und spricht über Erfahrungen im Denken. 

Mit Philosophie verbinden viele Menschen genialische Inspiration und tiefgründige Einsichten. Der eine denkt an Platons Ideenhimmel, der andere an die strenge Souveränität von Kants Aufklärungsphilosophie. Einigen mag das wuchtige Pathos, die artistische Sprache und die traurige Einsamkeit von Friedrich Nietzsche in den Sinn kommen. Dieter Henrich zeigt anschaulich und nüchtern, dass Philosophie zunächst Handwerk und Arbeit ist, vor allem auch im Austausch besteht, mit klassischen Werken und mit Zeitgenossen. Henrich entstammt einer im christlichen Glauben beheimateten Familie. Er wurde 1927 in Marburg geboren. Von Kümmernissen und Sorgen berichtet er in Kindheit und Jugend, auch von einer "nihilistischen Erfahrung": "In der Not, die ich in diesen Jahren erlebte, habe ich das Walten des lieben Gottes nicht erfahren können. Es half niemand." Henrich denkt dankbar an seine Eltern zurück. Er fühlte sich "glücklich und geborgen in ihrer einfallsreich sich bezeugenden Liebe". Auch die tiefe Sympathie für den christlichen Glauben bewahrte er sich, wenngleich er die tiefe Religiosität nicht in gleicher Weise geerbt hat. 

In der Zeit des Nationalismus erlebte Henrich die Formen des machtvollen Säkularismus, die "Suggestion einer letztbedeutsamen Haltung", die ihn zutiefst befremdete: "Ich wehrte mich gegen eine politische Religion oder – genauer gesagt – eine bloße Doktrin, die in einer Erhebung durch Unterordnung kulminiert. Dagegen kann ich vielleicht im Blick auf wirkliche Religion sagen: Das Gebet, die Liebe, welche von der Abhängigkeit in Lust und Verlangen unterschieden ist, und die Dankbarkeit – sie alle enthalten Freiheit in sich. Unserer Zeit fehlt vielleicht das Bewusstsein davon, dass es solches geben kann und dass es in vieler Gestalt wirklich war und ist. Die Freiheit ist nicht etwas rein Profanes. Sie hat wesentlich eine metaphysische Dimension. Auch darum kann die Moderne gar nicht als nachmetaphysisch definiert werden." Allein diese Ausführungen zeigen, dass Dieter Henrich sich philosophisch nicht einer vielleicht komplex konstruierten, aber doch seelisch-geistig engen Systematik des Denkens zugehörig weiß. So äußert sich der Philosoph über das Verständnis von Liebe: "Zur komplexen Gestalt der Liebe gehört, dass das Wesen des Anderen nicht mit dem eigenen verschmilzt, sondern sich in seiner Eigenart als unentbehrlich behauptet. Weiter gilt meines Erachtens, dass sich jeder Liebende in dieser Beziehung ganz als er selbst findet. Vertieftes Selbstsein und Liebe sind demnach kein Gegensatz. In unserer, in vielem doch noch immer christlich geprägten Kultur ist die Einsicht in diesen Grundzug der Liebe beinahe verstellt." Dieter Henrich spricht über die wertvollen Erfahrungen, die eine "freundliche Gestimmtheit" gegenüber der Welt ermöglicht. Über die Stationen seines Lebens berichtet er, über Begegnungen mit Martin Heidegger, Rudolf Bultmann und Hans-Georg Gadamer. Letzterer habe Heidegger als Denker bewundert, aber treffend erkannt, dass diesem sowohl Geschmack als auch politische Urteilskraft fehlten. Gegenüber Adornos Denken bleiben Vorbehalte. Henrich spricht auch von einer "rattenfängernahen Rhetorik", die er wahrgenommen habe, "deren suggestiver Wahrheitsanspruch nach Widerspruch zu verlangen schien". 

So wichtig die Wissenschaft auch ist, so liegt in ihr nicht alles begründet. Über die Aufgabe der Philosophie und des Philosophen denkt Henrich nach und formuliert: "Übersicht und kohärente Durchsichten zu gewinnen, ist nur eine der Hauptvoraussetzungen für das Philosophieren. Man muss das Leben und die Schwierigkeit der Lebensführung überblicken. Man muss zugleich hinter alles Geläufige zurückfragen und die Fähigkeit haben, sich bei der Orientierung in den Dimensionen, in die man damit gerät, überlegt zu bewegen; die Mühe, eine Übersicht zu gewinnen, gerne auf sich nehmen. Auch das ist unerlässlich, wenn man ein Lebensproblem begrifflich wirklich zu durchdringen und ihm in Gedanken einen Ort und die Aussicht auf eine Lösung zu geben hat." Anschaulich berichtet Henrich über die Studentenbewegung. Eine erhellende Episode aus diesen nicht einfachen Zeiten wirkt aufschlussreich: "Einmal wurde ich gebeten, im Seminar lediglich auf Fragen zu antworten und die Leitung an jeweils gewählte Studenten abzugeben. Das tat ich sogleich, bis man mich nach einigen, für die Studenten offenbar weniger ergiebigen Sitzungen bat, das Seminar doch wieder zu leiten."

Nach lehrreichen Jahren in Amerika kehrt Dieter Henrich nach Deutschland zurück und lehrt in München Philosophie. Immer wieder deutlich wird in dem Buch, dass er mit großer Wertschätzung und sichtbarer Dankbarkeit über Begegnungen spricht, die ihm neue Einsichten geschenkt haben. Ebenso blieb er zeit seines Wirkens ansprechbar für Studenten und aufgeschlossen für anregende Gedanken, die weitergedacht werden konnten. Philosophie versteht er heute als das "Ausdrücklich-Machen von Denkweisen und deren Voraussetzungen, das selbstkritische Überlegen und darum, die Ergebnisse des Überlegens in eine ausgewogene Art der Untersuchung und Mitteilung zu überführen". Es könnten aber in Anbetracht der Endlichkeit des Lebens "tiefe Ambivalenzen" aufkommen, die sich nicht argumentativ, theoretisch und begründet aufheben ließen, sondern "nur durch eine im Leben selbst zu vollziehende Bilanz einzuhegen oder aufzulösen sind": "In einer solchen Nachdenklichkeit kann sich eine Weise eröffnen, über sich verständigt zu sein, die nur in einem Philosophieren zu erlangen ist. Das muss aber nicht professionell geübt sein. In dem genannten Sinn philosophieren alle Menschen."

Dieter Henrich möchte in seinem wertvollen Gesprächsbuch also nicht die Kluft von Denken und Leben vertiefen, im Gegenteil, er zeigt Möglichkeiten, wie sich ein Verständnis für Philosophie entwickeln kann und eine Verständigung miteinander gelingen kann. Der Philosoph legt mitnichten ein dezidiertes Emanzipations- und Aufklärungsprogramm vor. Er wirbt so behutsam wie sorgfältig dafür, sich in die Weite des Denkens zu begeben, sich vertrauensvoll auch der Kunst zuzuwenden und einander aufgeschlossen, mit Freundlichkeit und Güte zu begegnen. Philosophie kann geistig so anregend, klug und bewegend sein wie dieses ausgesprochen lesenswerte Buch von Dieter Henrich.


von Thorsten Paprotny - 18. September 2021
Ins Denken ziehen
Dieter Henrich
Matthias Bormuth (Hrsg.)
Ulrich von Bülow (Hrsg.)

Ins Denken ziehen


Eine philosophische Autobiographie
Beck 2021
282 Seiten, gebunden
EAN 978-3406756429

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