Henry James, Hanns-Josef Ortheil: In Venedig

Venedig nach Henry James

"Der Mai in Venedig ist besser als der April, doch am schönsten ist es im Juni". Henry James, dessen Großvater ein Vermögen im Salzhandel gemacht hatte und als einer der reichsten Männer Amerikas gestorben sein soll, schrieb Aufsätze, Essays und Bücher sowie Rezensionen vor allem über seine Aufenthalte in verschiedenen Städten Europas. "Ohne Italien gibt es keine Vorstellung vom europäischen Leben, Denken, Fühlen.", schreibt der gebürtige Amerikaner, der immer wieder nach Venedig zurückkehrte und sich oft mit dem Gedanken trug, sich dort niederzulassen, bis sich eine befreundete Schriftstellerin dortselbst erhängte. "Der bloße Gebrauch seiner Augen ist in schon Glück genug in Venedig." Das Venedig das Henry James anfangs kennen lernte war eine Stadt im Belagerungszustand, denn erst 1866 wurde es in das neu entstandene Königreich Italien eingegliedert und der schändliche Zustand der Besetzung erst durch Franzosen, dann durch die Österreicher aufgehoben. Es ist also auch das Venedig John Ruskins, das James sieht und auf den er sich immer wieder bezieht. Hanns-Josef Ortheil meint sogar, dass James’ Beschreibungen Venedigs die "leuchtenden minuziösen Hymnen in den Büchern Ruskins sogar noch übertreffen".

Venedig als Ausweg

"Es sei ein Verbrechen, in Europa zu leben, wenn man das nicht in Italien tue.", so James an einer anderen Stelle, denn auch wenn er nicht nur Venedig besuchte, doch immer wieder dorthin zum Schreiben und Beschreiben zurückkehrte: "I ... have fallen deeply and desperately in love with it." Denn ihm war es wie sonst nur wenigen bewusst, dass man die Stadt nur erfassen kann, wenn man länger dort bleibt und dort auch lebt: "Man wird Venedig nicht gerecht, wenn man es nur kurzbesucht, eilig durchläuft und rasch abhandelt." Dabei suchte Henry James aber nicht das laute, vergnügungssüchtige, karnavaleske Venedig des 18. Jahrhunderts, sondern genau das, das er jetzt erlebte: "...die Momente der Stille, Ruhe und des Zu-Sich-Kommens als die starken Momente der Venedigbegeisterung zu feiern". Auch Tipps für andere Besucher gibt er gerne: Am besten zu besichtigen ist der Dogenpalast übrigens dann, wenn die Touristen essen: zu mittags.

Allein das Wort: Venedig

"Allein das Wort zu schreiben ist eine große Freude. Zugleich erscheint es mir beinahe anmaßend, wollte man dem noch etwas hinzufügen." Nicht nur Goethe hat diesen Topos verwendet, sondern auch Henry James hat ihn entsprechend abgewandelt. "Zweifellos kann man in Venedig auch ohne jede Lektüre glücklich sein - ohne zu kritisieren oder zu analysieren oder anstrengenden Gedanken nachzuhängen." Die Einfachheit des Lebens trotz der schweren Bürde hatte es Henry James angetan: "Es gibt nur wenig, was die Venezianer ihr eigen nennen können, kaum mehr als das bloße Privileg, ihr Leben in der schönsten aller Städte leben zu können." Seine Hymnen auf Venedig sind Legende, etwa wenn er schreibt: "Nirgendwo sonst scheinen Kunst und Leben so voneinander durchdrungen und artverwandt zu sein wie hier. (...) Du betrittst Kirchen und Galerien nicht, um dich vom Leben auf den Straßen abzulenken, sondern weil sie dir eine vorzügliche Nachbildung all der Dinge um dich herum geben."

Hommage an eine Stadt und einen Lebensstil

Von Henry James' Faszination für Venedig zeugen Erzählungen und Romane ("Die Aspern-Schriften", "Die Flügel der Taube") sowie viele Briefen an Verwandte und Freunde. Seine 1909 entstandenen "Italian Hours" werden in der vorliegenden Ausgabe erstmals in deutscher Übersetzung vorgestellt und durch Erläuterungen von Hanns-Josef Ortheil ergänzt. Ein Buch für alle Liebhaber des Besonderen.

In Venedig
Helmut Moysich (Übersetzung)
In Venedig
Begleitet von Hanns-Josef Ortheil
288 Seiten, gebunden
Originalsprache: Englisch
EAN 978-3871620881

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