Ole Johannsen: Imperialer Wandel und ptolemäischer Imperialismus in Syrien

Über Imperien in Syrien-Palästina

Syrien und Palästina sind umkämpfte Regionen im Nahen Osten, in Geschichte und Gegenwart. Ole Johannsen widmet sich in einer ebenso monumentalen wie wegweisenden Studie als Althistoriker den Spuren lange versunkener Reiche und korrigiert gleichzeitig subtil wie kenntnisreich – durchaus auch begriffsgeschichtlich wertvoll für andere Fachwissenschaften – die Verständnisweisen über die Struktur, Gestalt und Ordnungsgefüge von Imperien.

Materialreich und akkurat arbeitet Johannsen die Epoche auf, mit der er sich befasst – und die Dynastie der Ptolemäer wird anschaulich vorgestellt, etwa auch mit Mitteln der Paläographie. Die Geschichte der Antike selbst wird oft verklärt, bis hinein in unsere Zeit, insbesondere in populärwissenschaftlichen Darstellungen, aber auch in unzähligen idealtypisch und klischeehaft vorliegenden Varianten zur Geschichte der Philosophie, in eine Zeit, in der Sklavenhaltergesellschaften, in denen etwa in der hellenischen Welt Kindstötung und Päderastie rechtlich statthaft waren, bestanden. Wer die Antike als Idyll betrachtet, denkt geschichtsvergessen und berichtet im Grunde über mit wissenschaftlichen Versatzstücken erfundene Lebenswelten.

Die „typische Darstellung der ptolemäischen Geschichte“ etwa, mit der sich Johannsen befasst, sei nicht nur, aber wesentlich auch durch den antiken griechischen Historiker Polybios inspiriert. Er arbeitete mit einem „Dekadenzmodell“, das nach eingehender Prüfung der vorliegenden Quellen nicht überzeugend ist. Doch das „geschichtswissenschaftliche Erbe“ hat auch er mit zu verantworten, nämlich dass die Geschichte von Imperien und Nationalstaaten unterschieden wurde. Letztere werden als „politische Organisationsformen“ angesehen, die auf gewisse Weise „natürlich“ seien, während Imperien als „künstliche Gebilde“ vorgestellt würden, die eine „zyklische Geschichte“ aufweisen würden, die entstünden, blühten und nach einer Zeitspanne wieder vergehen, also zerfallen würden. Diese Betrachtungsweise hat sich etabliert, lebt aber auch von zwei Setzungen – dass Nationalstaaten ein langfristiger Bestand zuerkannt würde, während Imperien unter anderem aufgrund ihrer Heterogenität früher oder später untergingen. Gängige Geschichtserzählungen etwa des Römischen Reiches unterstellten Kausalitäten, die aber als Konstruktionen von manchen Historikern und Schriftstellern angesehen werden können. Wer sich um Details nicht kümmert, der versäumt das, was für eine solide Geschichtswissenschaft elementar wichtig ist.

Johannsen benennt treffend den „Drang nach Expansion“ als Merkmal des ptolemäischen Imperialismus, verzichtet aber dankenswerterweise auf einseitige oder summarische Deutungen. Neben dem Verweis auf Diadochenkämpfe in der „imperialen Ursprungszeit“ und erörtert auch die „verflochtenen Imperien“ jener Zeit sowie die geopolitischen Rahmenbedingungen: „Eine Eigenheit, die Imperien idealtypischerweise auszeichnet, ist ihre Exklusivität, ihr Anspruch auf eine universale Weltherrschaft. Da eine solche Realität freilich nie verwirklicht wurde, brach sich diese Anspruchshaltung bei allen realhistorischen imperialen Formationen an einer anders gearteten geopolitischen Realität und im Falle der hellenistischen Reiche, die zeitgleich aus dem Zerbrechen eines größeren imperialen Herrschaftsverbands hervorgingen, war diese Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit zwangsläufig besonders stark ausgeprägt.“ Stabilisiert hingegen wurden die „imperialen Strukturen“ zeitweise auch durch „administrative Praktiken“, durch die „ptolemäischen Kulte“ und das „System der Steuerpacht“. Details wie diese werden hier in herausragender Weise belegt und thematisiert, in gängigen Überblicksdarstellungen bleiben solches in der Regel außen vor. So hebt Johannsen zwar die „Verbreitung ptolemäischer Kulte“, als ein wesentliches, aber in keiner Weise als ein einzig erklärendes Element, die „imperiale Konnektivität“ hervor, mit der zumindest eine „prekäre Kohärenz des imperialen Raums“ bezeichnet wird, mitnichten also eine „hinreichende Voraussetzung“, um den Herrschaftsanspruch der ptolemäischen Könige durchzusetzen.

Ole Johannsen hat die „erste Monographie, die sich schwerpunktmäßig mit der ptolemäischen Herrschaftszeit in Syrien-Palästina befasst“, vorgelegt, eine ebenso reichhaltige wie umfangreiche Studie, die von hoher Bedeutung für die Alte Geschichte ist und eine breite Rezeption von fachkundigen Wissenschaftlern verdient. Die Lektüre dieses Bandes, souverän konzipiert und auch verständlich verfasst, erweckt zudem Ehrfurcht und Staunen, nämlich jenes Staunen, mit dem das Streben nach wissenschaftlicher Erkenntnis beginnt. Johannsens Studie ist ein ausgezeichneter Beleg für die Unverzichtbarkeit detailgenauer geschichtswissenschaftlicher Darstellungen, die ein wichtiges Korrektiv nicht nur zu populären Darstellungen, sondern auch zu Denkmustern darstellen, in denen bestimmende Thesen über Imperien letztlich den Blick auf die historische Wirklichkeit verstellen. Ole Johannsen ist mitnichten also ein eher philosophisch gestimmter Konstruktivist, sondern ein nüchterner, sachkundiger Althistoriker, der mit hoher Professionalität arbeitet. Sein in jeder Weise herausragendes Buch verdient eine breite fachwissenschaftliche Rezeption.

Imperialer Wandel und ptolemäischer Imperialismus in Syrien
Imperialer Wandel und ptolemäischer Imperialismus in Syrien
Konnektivität, Konkurrenz und Kooperation
520 Seiten, gebunden
EAN 978-3506790378

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