Aus dem Koffer geholt
Schon allein der Name Mopsa macht neugierig auf das Buch. Ihn hören wir jedenfalls nicht alle Tage. Mopsa ist der Kosename der Romanautorin. Ihr eigentlicher Geburtsname ist Dorothea. Aber alle nannten sie Mopsa. Sie hat nach ihrem Tod 1954 eine Sammlung unsortierter Blätter hinterlassen, die Jahre später in einem Koffer der Oldenburger Landesbibliothek übergeben wurden. Der Bibliothekar Rudolf Fietz hat die Texte zusammen mit seiner Frau Gisela Niemöller zu einem stimmigen Plot aufgearbeitet. Hauptfigur des autobiografisch gefärbten Romans ist Vivan, und Hauptthema sind ihre schwierigen Beziehungen zu drei Männern vor dem Hintergrund der aufkommenden Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland.
Worum geht es in dem Roman? Vivan wächst als Pflegekind in einer wohlhabenden Professorenfamilie in Berlin auf – zusammen mit Michael, dem Sohn des Professors, der in zweiter Ehe mit einer sehr viel jüngeren Frau, Michaels Stiefmutter, verheiratet ist. Michael ist ein begabter Maler, aber zugleich ein ständig an sich zweifelnder Künstler. Der zweite wichtige Mann im Leben von Vivan ist der vermögende, in Berlin lebende Engländer Christopher. Er ist Michaels Freund und an Vivan interessiert. Als diese später als Reporterin in Paris arbeitet, lernt sie André kennen und lieben. Sie verbringen eine glückliche Zeit miteinander in der Nähe von Marseille. Aber als Vivan von dem Selbstmordversuch Michaels erfährt, kehrt sie „Hals über Kopf“ nach Berlin zurück. Michael erholt sich und zieht mit Vivan zusammen. Doch es ist eine schwierige, von Geldnot geprägte Beziehung. Zudem erwartet Vivan ein Kind, was sie Michael verheimlicht. Sie trennen sich. In großer Angst über ihre aussichtslose Situation reist Vivan nach London, wo sie mit Christopher zusammentrifft. Er kümmert sich um sie, und bald wohnen sie zusammen in Christophers Villa in Brighton. Christopher liebt Vivan, aber sie bleibt auf Distanz zu ihm. Nach einer panikartigen, nächtlichen Autofahrt verliert sie ihr Kind. Michael schließt sich in Berlin einer Widerstandsgruppe an, wird von den Nationalsozialisten verhaftet, brutal zusammengeschlagen und gefoltert. Infolge von Vivans unermüdlichen Bemühungen wird Michael schließlich aus dem Konzentrationslager entlassen und muss Deutschland verlassen. Er fährt nach Paris, wo sich alle vier treffen: Michael, André, Christopher und Vivan …
Das inhaltliche Handlungsgerüst und die Struktur des Romans haben Rudolf Fietz und Gisela Niemöller in beharrlicher Puzzlearbeit aus den losen, vielfach korrigierten Manu- und Typoskripten zusammengestellt, die Mopsa Sternheim ihrem jungen Freund Gert Schiff in einem Koffer hinterlassen hatte. Damit verband die Autorin den Wunsch, dass Schiff einen Verlag zur Veröffentlichung ihres Werkes findet. Der in New York lehrende Kunsthistoriker und gebürtige Oldenburger Schiff konnte diese Bitte bis zu seinem Tod 1990 jedoch nicht verwirklichen. Über familiäre Umwege gelangte das Romanmaterial schließlich in die Landesbibliothek Oldenburg und in die Obhut des leitenden Bibliotheksmitarbeiters und Germanisten Rudolf Fietz. Nach seiner Pensionierung befasste sich Fietz intensiver mit dem Koffermaterial und erkannte die große literarische Bedeutung des als verschollen geglaubten Werkes.
Mopsa Sternheim schreibt in ihrem Roman über emotional bewegende menschliche Beziehungen und Geschehnisse in der aufregenden und politisch aufgeladenen Zeit zwischen den beiden Weltkriegen bis zur Machtergreifung der Nationalsozialisten. Die Sprache des Romans ist kraftvoll und überreich an Metaphern – expressionistisch im Stil der Zeit. Besonders die lyrisch wirkenden und teilweise schwer verständlichen Zeitkommentare, die äußerlich durch Kursivdruck kenntlich gemacht sind und somit nicht direkt zum Handlungsablauf gehören, erinnern bisweilen an die ausdrucksstarke, bilderreiche Sprache in der bedeutendsten expressionistischen Lyrikanthologie „Menschheitsdämmerung“, die Gedichte von Georg Trakl, Gottfried Benn und anderen enthält. Manchmal werden beim Lesen des Sternheim-Textes auch Erinnerungen an Alfred Döblins berühmten Großstadtroman „Berlin Alexanderplatz“ wach.
Sternheims Buch trägt den Titel „Im Zeichen der Spinne“ und verweist damit auf das Hakenkreuz-Symbol der Nationalsozialisten. Das verdeutlichen die folgenden Textauszüge aus dem kommentierenden Teil des Romans: „Horizontale Parallelen, durchkreuzt von vertikalen Parallelen – kein Kreuzworträtsel, sondern Emblem der Epoche, Gitter – gleich riesigen Spinnweben senken sie sich herab, Netze, in denen man Menschen fängt.“ Und an anderer Stelle heißt es: „In hoc signo – Hakenkreuze. Das Zeichen der Spinne, der schwarzen Kreuzspinne auf rotem Feld – Totem des Grauens.“
Die Herausgeber Rudolf Fietz und Gisela Niemöller haben mit der Buchveröffentlichung eine editorische Meisterleistung vollbracht. Nicht nur, weil sie den Roman in der vorliegenden Form aus den hinterlassenen textlichen Bruchstücken entwickelt haben, sondern auch, weil sie im Anhang ausführliche sowie gut lesbare und nachvollziehbare Erklärungen und Erläuterungen zum Romaninhalt, zu ihrer editorischen Tätigkeit und zur Autorin geben – ein schönes und beachtenswertes Lehrbeispiel für sorgfältiges literaturwissenschaftliches Arbeiten.
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