Tommie Goerz: Im Schnee

Die fast heile Welt im fränkischen Dorf

Eine lebenslange Freundschaft verbindet Max und Schorsch, inzwischen beides alte Männer. Eines Morgens erfährt Max vom überraschenden Tod seines Freundes. Die Totenwache in der folgenden Nacht gibt Zeit zum Austausch von Erinnerungen unter Männern und ist für Max Anlass zum Nachdenken.

In einfacher, treffender und klarer Sprache – passend zum Denken des Protagonisten Max – erzählt Tommie Goerz vom Leben auf dem fränkischen Dorf. Gleich zu Anfang erfährt der Leser von den tragischen Ereignissen in Schorschs Leben, vom Vater, der mit seiner Partnerwahl nicht einverstanden war und der Schorschs jüngeren Bruder mit zwei überladenen Hängern am Traktor in den Tod prügelte, vom Suizid von Schorschs zweitem Sohn, dem keiner im Dorf hatte helfen wollen, obwohl sein Kummer mit Händen zu greifen war. Es folgen Geschichten aus der Dorfwirtschaft, von einer auf dem Weg zum Schlachthof ausgebrochenen Sau, vom Dorfpolizisten und vom Ortsvorsteher, bis um Mitternacht die Frauen die Männer bei der Totenwache ablösen und auch die Gesprächsthemen andere werden. Dieser mittlere Teil des Romans beschwört trotz der tragischen Geschichten eine ehemals heile Dorfwelt herauf und schrammt dabei haarscharf am Kitsch vorbei – aber tatsächlich gerade noch diesseits der Grenze. Lediglich bei der Schilderung körperlicher Züchtigungen von Kindern greift Goerz daneben, indem er die teils grausamen Strafen von Max’ Eltern entschuldigt.

Erst ganz am Ende des Buchs erfährt der Leser von dem, was in der alten Dorfwelt nicht heil war, sondern verschwiegen, unter den Teppich gekehrt wurde, so dass sich das gezeichnete Bild ein wenig relativiert.

Die geschilderte fränkische Dorfwelt dieser alten Männer und Frauen müsste zudem erzählerisch um rund fünfzig Jahre zurückverlegt werden, um plausibel zu sein, denn inzwischen dürfte die geschilderte Generation längst dahingeschieden sein.

Passend zur Abschottung der alten – und vom Untergang bedrohten – Welt des Dorfs wird der Ortskern noch von den dort Geborenen bewohnt, das Neubaugebiet hingegen von „Neubürgern“. Der Kontrast zwischen diesen beiden Gruppen, die sich kaum miteinander verbinden, könnte größer kaum sein. Einfach, bescheiden, alt die einen, ihre Häuser wie eine „Wagenburg“ um die Kirche herum versammelt. „Die Neubürger etwas oberhalb hatten ihre Häuser anders gebaut. Schutzlos waren die in die Landschaft gestellt, entlang der Straße und jedes für sich, nach allen Seiten hin offen.“ (S. 161) Entsprechend dem vom Gemeinderat beschlossenen Bebauungsplan, möchte man hier ergänzen. So treffend das Bild von der Wagenburg mit ihrem Zusammenhalt und der Vereinzelung im Neubaugebiet mit dem obligatorischen Drei-Meter-Grenzabstand der Einfamilienhäuser in ihren Baufenstern auch sein mag, in dieser Gegenüberstellung erscheint die Schilderung überzeichnet. Die ersten Häuser in ländlichen Neubaugebieten werden meist nicht von Zugezogenen, sondern den Kindern der Einheimischen gebaut, die nicht mehr in ihren finsteren, alten Elternhäusern leben möchten. Umgekehrt kaufen oft Städter die alten Häuser in den Ortskernen und finden sie idyllisch.

Trotz dieser Kritikpunkte hinterlässt die Lektüre des Romans ein gutes Gefühl – dank der Intensität der Schilderung und der Beobachtungsgabe des Autors.

Im Schnee
Im Schnee
175 Seiten, gebunden
Piper 2025
EAN 978-3492073486

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