I’m Only F**king Myself
„I want to be me, is that not allowed?“, fragte Lola Young in ihrem internationally acclaimed Mega‑Hit Messy 2024 und legt nun, nur ein knappes Jahr später, noch einmal nach: „I’m Only F**king myself“ ist der selbstironische Titel ihres dritten Albums, das gerade als CD/MC/VINYL bei Island/Universal erschienen ist.
Zusammenpacken und abhauen
Die 14 Titel auf ihrem neuesten Werk entstanden alle nach oder während ihrer Rehab. Lola Young befand sich auf einer Kokain‑Entziehungskur, davon handelt nicht zuletzt auch ihr – laut Sir Elton John – nächster Smash-Hit „d£aler“. Darin beschreibt sie die Ambivalenz des Gefühls, sich einerseits endlich wieder clean und frei zu fühlen, sich zu spüren, andererseits aber auch – in selbstironischer Distanz natürlich – die Nostalgie, die sie mit ihrem „Apotheker“ verbindet: „Hey, tell my dealer I’ll miss him“. Avoidance und Addiction sind die Pole, die sich sowohl auf ihr Privatleben als auch ihre Karriere beziehen. Denn Lola Young ist schonungslos ehrlich und nimmt sich kein Blatt vor den Mund.
Das klassische Jugendmotiv, alles zusammenzupacken und abzuhauen – die eigentliche Flucht vor dem Elternhaus und der Umgebung, in der man aufwächst – wird in „d£aler“ zu einem Befreiungsschlag gegen genau denjenigen, der einen scheinbar von „dem allen“ rettete. Denn es ist nicht die Freiheit, die man sich beim d£aler kauft, sondern die Sucht, die in neue, evt. noch viel schlimmere Abhängigkeiten führt. Mit „I’m Only F**king myself“ hat sich Lola Young von genau diesen Zwängen befreit und ein Album geschrieben, das auch anderen die Selbstermächtigung ermöglichen soll, sich aus - welchen auch immer - toxischen Beziehungen zu befreien. Auch wenn das Motiv der Flucht im Vordergrund steht, bedeutet „I’m Only F**king myself“ genau das Gegenteil: hier bin ich und hier bleibe ich. Und wenn überhaupt, dann f***e ich nur mich selbst …
But not like that anymore...
Die Singer‑Songwriterin aus South London hat nicht nur eine unglaublich beeindruckende Stimme, die jedem Vergleich (Adele, Amy,...) standhält, sondern auch einen sehr sympathischen Südlondoner‑Akzent. Früher nannte man das Cockney, die „stiff upper lip“, die auch einen inzwischen zum Großvater des Rock avancierten ebensolchen ehrenwerten Sir ziert. Dieser Akzent kommt sehr frech und tough daher, riskiert tatsächlich die Lippe und ist so direkt und killing wie sämtliche Beats auf „I’m Only F**king myself“. Man kann sich das ganze Album eigentlich wunderbar LIVE vorstellen, denn es haut – besonders bei aufgedrehter Lautstärke – richtig rein. In die Magengrube, genau. Young arbeitete für ihr neues Album wieder mit ihren langjährigen Wegbegleitern Manuka (Conor Dickinson und Will Brown), die schon „Messy“ mitgeschrieben hatte, sowie mit dem Grammy‑premierten Producer Solomonophonic (SZA, Doja Cat) zusammen.
Lola Young hat aber auch mit ihren Lyrics, die sie laut Credits teilweise mit anderen gemeinsam schrieb, sicherlich den Nerv der Zeit getroffen. In „Not Like That Anymore“ gesteht sie sich ihre „snowflake“-Sucht ein und verspricht, es bei ihrem nächsten Mann besser zu machen, also no more damage und so. Doch wenige Zeilen weiter ist alles wieder beim Alten, die Sucht ist wieder da, das Handy verschwunden und die alten Gewohnheiten nehmen wieder überhand. Aber immerhin heißt es da, würde sie sich jetzt nicht mehr f***en, also zu sich selbst ehrlich sein. „At least I’m not fucking myself anymore, not anymore.“ Doch gegen Ende des Songs persifliert sie sich selbst und es heißt nur mehr „And so I’m fucking myself, but not like that anymore“. Also nicht mehr ganz so viel zumindest.
Flucht für einen Tag
„Ich hoffe, es gibt den Hörer:innen das Gefühl, nicht allein zu sein. Ich hoffe, sie fühlen sich empowered und frei“, sagt Lola Young in einem Interview mit Apple Music. Neben „One Thing“, „SPIDERS“, „Post Sex Clarity“, „why do i feel better when i hurt you?“, die alle Hitpotential haben, ist mein persönlicher Favorit allerdings das gitarrenlastige „CAN WE IGNORE IT? :(“. Ein Song, der sehr rau und roh daherkommt, gleichzeitig aber auch sehr energiegeladen und schnell ist. In den Lyrics gibt sie ihrem Therapeuten den Laufpass, weil sie es genauso gut selbst machen kann und als es dann wieder einmal drei Uhr in der Früh wird und „es“ sich zumindest für diesen einen Tag ignorieren ließ, die eindringliche Bitte: „And if you love me/like you say/you’ll let me escape“. Bei Lola Young geht es viel um den einen Moment, die Ausnahme, diesen einen Tag, an dem dann alles erlaubt sein soll und es keine Reue dafür gibt, sondern allein der Augenblick zählt.
Können wir es nicht für einen Tag wenigstens ignorieren, dass wir ein Problem haben und ein letztes Mal noch mit dem Feuer spielen? „I need a little bit of/ something to take/ off the edge“ klingt zwar nicht gerade nach einem erfolgreichen Therapieaufenthalt, denn das Karussell von Sucht und Entsagung (Addiction und Avoidance) setzt unweigerlich nach dem ersten Tag im gewohnten Umfeld wieder ein. Aber es ist ja auch nur für einen Augenblick. Danach gibt es immer noch die Flucht nach vorne wie in „d£aler“: zusammenpacken und abhauen. Mit ihrem dritten Album behauptet Lola Young vor allen Dingen ihren Status: Sie ist gekommen, um zu bleiben.
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