Ihr ganz lieben Zwei

Eine Freundschaft fürs Leben

Die Weggenossenschaft der Ehepaare Lenz und Schmidt erzählt von Freundschaft, von einer Verbundenheit, die weiter reicht als jede philosophische Betrachtung. Die Korrespondenzen von Lilo und Siegfried Lenz mit Loki und Helmut Schmidt sind dezente, leise Charakterstudien, reich an Wohlwollen und Güte, gegenseitigem Vertrauen und humorvollen Momenten. Die Freundschaft wächst und weitet sich bis ins pianissimo des hohen Alters.

Helmut Schmidt sprach bei der Trauerfeier für Siegfried Lenz am 28. Oktober 2014, knapp ein Jahr vor seinem eigenen Tod, und fand bewegende Worte für den verstorbenen Schriftsteller: "Ein Grund unserer Freundschaft liegt vermutlich in der großen Sympathie füreinander. Siggi war ein Mann mit einem großen Einfühlungsvermögen. Er war ein Mensch von großer Freundlichkeit und Bescheidenheit. Für mich war Siegfried Lenz ein Mann ohne von außen erkennbare Schwächen." Lenz' Gattin Lilo war 2006, Loki Schmidt 2010 verstorben. Die Freundschaft der Ehepaare währte fast fünfzig Jahre.

In der Mitte der 1960er Jahre fanden erste Begegnungen statt. Helmut Schmidt erkennt die Sympathie des Schriftstellers für seine politischen Ideen und dankt für alle Zeichen der "sehr freundschaftlichen Gesinnung" ihm gegenüber. Zugleich gibt sich Schmidt als Leser der Romane von Lenz zu erkennen, besonders die "Deutschstunde" hat es ihm angetan und das darin befindliche Porträt des wertgeschätzten Malers Nolde. Schmidt schreibt am 12. Dezember 1968: "Seit meinem 16. Lebensjahr ist Emil Nolde für mich, gemeinsam mit Ernst Barlach, der größte deutsche Künstler dieses Jahrhunderts; seine Einreihung in die NS-Ausstellung sogenannter entarteter Kunst löste bei mir als damals Siebzehnjährigen den Bruch mit dem Nationalsozialismus aus."

Mit hanseatischem Humor, sensibel und feinfühlig, korrespondieren vor allem Siegfried Lenz und Loki Schmidt, über Natur und Literatur. Der Schriftsteller liest ihre Manuskripte und ist besonders auch von ihrem Sprachgefühl angetan. Sie schreibe mit "zarter Präzision" über Botanik. Loki erwidert, schreibend sei sie, die Lehrerin außer Dienst, "so eine Art Wickelkind". Lenz redigiert behutsam, macht Vorschläge und hat ersichtlich Freude daran, die Bücher der damaligen Kanzlergattin im Werden zu begleiten.

Helmut Schmidt zeigt sich dankbar für den Lenz' Äußerungen zum politischen Geschehen, besonders in den Siebzigerjahren. Er sei "fürs Mitdenken" stets dankbar. Die Ehepaare treffen sich fortan regelmäßig, im Sommer am Brahmsee bei den Schmidts oder auf der dänischen Insel Alsen bei Lenz und Gattin. Der Schriftsteller liebt die "Abgeschiedenheit" und mildes Ostseewetter, dank "höflicher Himmelsregie" freut er sich daran. Am Brahmsee indessen kann es, so Loki, manches Mal schon im Spätsommer "herbstlich unerfreulich" sein. Deutschlands Regierungswechsel im Herbst 1982 ist eine Herausforderung, die der Kanzler außer Dienst mit Gelassenheit meistert, auch mit Heiterkeit, darin begabter als seine Frau Loki. Siegfried Lenz indessen wird von Schmerzzuständen geplagt, verbringt etliche Wochen im "Hauptquartier der Melancholie", in Klinik in Bad Bramstedt. Nichtsdestoweniger schreibt er weiter, erfreut seine Leserschaft stets aufs Neue mit Romanen, Erzählungen und Essays.

1985 gründet Helmut Schmidt in seinem Haus die "Hamburger Freitagsgesellschaft", in dem Bemühen, die "Lebenskraft" der Stadt zu stärken: "Mir will scheinen, dazu gehöre auch ein besserer geistiger Zusammenhalt zwischen solchen Menschen, die in unserer Stadt andere beeinflussen." Dazu gehört auch Siegfried Lenz – und von nun an treffen sich zehn Hamburger Bürger regelmäßig im Hause Schmidt, zum Austausch, zu Vorträgen, mitunter tragen auch auswärtige Gäste vor. Lenz muss unterdessen für seine Werke auch manchen Verriss ertragen, darunter von Fritz Raddatz, der über den "Exerzierplatz" in "Die ZEIT" – wie Loki Schmidt empört berichtet – eine "arrogante, hochtrabende und völlig schiefe Besprechung" publiziert. Sie schreibt dem ungnädigen Rezensenten dann einen persönlichen Brief. Helmut Schmidt liest – vor allem nachts – in Lenz' Büchern und schreibt dem Freund: "Ihre Geschichten bereichern mich; ich bestaune Ihre Erfindungskraft und Ihre Darstellung gleicherweise; ich bin Ihnen für diese Geschichten dankbar." So klingen Anerkennung und Lob aus dem Munde des ehemaligen Kanzlers. Siegfried Lenz wird die Worte seines Freundes dankbar aufgenommen haben. Zum Geburtstag des Schriftstellers, dem "lieben Siggi", der weiterhin gesiezt wird, schreibt Schmidt, die "Jahreszahlen" seien "ziemlich gleichgültig", vor allem, "wenn man innerlich kreativ, das heißt jung ist". Trotz aller geistigen Frische nehmen die Krankheiten zu, bei beiden Ehepaaren. Im Winter reist Helmut Schmidt öfter in den Süden, nach Gran Canaria, während Loki zu Hause liest und arbeitet, auch an eigenen Büchern. Ihre Beobachtungen in den Briefen muten ausnehmend literarisch an: "Nun sitze ich an meinem Schreibtisch. Draußen vor dem Fenster versucht die Sonne durch den Nebel zu kommen. Manche Tropfen auf den Ilex- und Ligusterblättern funkeln schon. Und in diesem Augenblick wirft meine schreibende Hand schon einen zarten Schatten. Ein bißchen ist es wie im Nebelwald, von dem ich Euch erzähle." Loki, Lilo und Siegfried duzen einander schon einige Zeit, herzlich und freundschaftlich. Ihre Arbeit für den Naturschutz und die Botanik werden sehr gelobt. Lenz nennt ihr Wirken "segensreich", vor allem, weil das Ziel ihres beispielhaften Mühens nicht nur darin liege, "die kleinen Wunder der Schöpfung zu erhalten, sondern diese Welt auch bewohnbar zu machen". Im Austausch mit Helmut Schmidt, der im Alter zahlreiche Bücher schreibt und oft auf Reisen ist, ob nach Amerika oder China, teilt der sensible Lenz Beobachtungen mit, die ihm im Zeitalter der sogenannten Globalisierung wichtig sind: "Meine Erfahrung zeigt mir, daß der inspirierende Quell der Kultur die heimische Region ist, der überschaubare Ort, die erkundete Nähe. Die Spielregeln der Welt werden an einem norwegischen Fjord sichtbar oder an einem Nest bei Oxford/Mississippi, und wer unendliches Leben in allen Manifestationen vermessen will, der kann es – die Geschichte der Literatur bestätigt’s – in Dublin ebenso tun wie in St. Petersburg oder in Triest." Der "warmherzige Austausch", besonders zwischen Siegfried und Loki, hält an. Auch nach dem Tod seiner Ehefrau Lilo schreibt er weiter, mit großer Mühe bisweilen, den Schmerzen trotzend, auch den seelischen Kümmernissen.

Rührend berichtet Loki Schmidt, knapp drei Jahre vor ihrem Tod, von einem Klassentreffen mit ihrer ersten Klasse von 1940. Einen Schüler, der sie besucht hatte, fragte sie: "War ich eigentlich eine Respektsperson für Euch? Die Frage kam, weil in vielen Veröffentlichungen darüber geklagt wurde, daß die Kinder keinen Respekt mehr vor den Lehrern haben. Er guckte mich groß an und sagte dann spontan: Wir haben keinen Respekt vor dir gehabt, wir haben dich geliebt."

Diese Briefe der Ehepaare Lenz und Schmidt sind kostbar und wertvoll, bergen sie doch einen großen Reichtum an Güte, Menschenfreundlichkeit, Warmherzigkeit und Sympathie, auf norddeutsche Art, hanseatisch und humorvoll zugleich. Die Herausgeberin Maren Ermisch hat die Briefe sorgsam ediert und mit einem kenntnisreichen, klugen Nachwort versehen. Auch der Anhang, der manches bislang Unveröffentlichtes von Lenz und Schmidt enthält, ist jede Exkursion wert – und sehr viel nützlicher, auch in einem guten, sympathischen Sinne alltagstauglicher als jeder gängige Ratgeber über Lebensphilosophie und Lebenskunst. Wer diesen Band liest, wird auf beste Weise geistig angeregt, belebt und bereichert.

Ihr ganz lieben Zwei
Ihr ganz lieben Zwei
Briefwechsel 1965 - 2014
464 Seiten, gebunden
EAN 978-3455014884

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