Zum Inhalt springen
rezensionen.ch

Sue Prideaux: Ich bin Dynamit Dynamit Nietzsche

03. Juli 2020
von Juergen Weber

Wenn ich den tiefsten Gegensatz zu mir suche, die unausrechenbare Gemeinheit der Instinkte, so finde ich meine Mutter und Schwester, – mit solcher Canaille mich verwandt zu glauben, wäre eine Lästerung auf meine Göttlichkeit." Friedrich Nietzsche (1844–1900) wurde mit vier Jahren zur Halbwaise. Seine um ein Jahr jüngere Schwester Elisabeth und seine Mutter Franziska bestimmten sein Leben, obwohl er sich zeitlebens von der sog. „Ketten-Krankheit“ lösen wollte. Als er 1888 dem Wahnsinn verfiel, nahmen ihn Franziska und Elisabeth wieder bei sich auf. Auch das ist seine Tragödie: dass er noch 12 Jahre im Siechtum verbrachte, in der Obhut jener beiden Menschen, vor denen er stets geflüchtet war.

Inspirator einer Generation

Sue Prideaux lässt Nietzsches Biographie mit seiner Freundschaft zu Richard und Cosima Wagner beginnen, denn kaum kann man Nietzsche denken, wenn man nicht auch Wagner sagt. Das große Verdienst von Ich bin Dynamit liegt sicherlich darin, dass die Biographin Nietzsche von dem nationalistischen und antisemitischen Mist befreit, den seine Schwester Elisabeth ihm andichtete. Denn sie war die Nachlassverwalterin geworden und konnte frei über sein Werk verfügen. Gemeinsam mit Bernhard Förster hatte sie in Paraguay die Kolonie „Nueva Germania“ gegründet, ein Geschäftsmodell, das besonders auf der Ausbeutung gutgläubiger Handwerker und Auswanderer beruhte. Elisabeth war nicht nur von der Überlegenheit der „deutschen Rasse“ überzeugt, sondern auch Antisemitin. Auch darin lag ein ewiger Zwist mit ihrem Bruder Friedrich, der sich gegen Vereinnahmungen von dieser Seite zeitlebens wehrte. Viel eher zählte er als Vorbild der „Generation Raskolnikow“, die Ende des Jahrhunderts einen Nietzsche-Kult betrieb, der etwa sogar einen Maler wie Edvard Munch zu seinem berühmten Gemälde Der Schrei inspiriert haben soll, so die Autorin, die schon Biographien zu August Strindberg und Munch verfasst hat. Zu seinem 50. Geburtstag verkauften sich endlich seine Bücher, aber Nietzsche bekam nichts mehr davon mit. Stattdessen finanzierte sich seine Schwester, die „geschäftstüchtige Unternehmerin“, ihren mondänen Lebensstil, indem sie sogar ihre eigene Mutter aus den Nachlassrechten herauszahlte.

Argonaut und Wanderer

Bleiben noch seine scheinbar so frauenfeindlichen Aussagen wie „Wenn du zur Frau gehst, vergiss die Peitsche nicht“ aus seinem Hauptwerk Also sprach Zarathustra. Prideaux recherchierte ein Foto, auf dem Paul Rée und Friedrich vor einen Ochsenkarren gespannt sind, den die darauf eine Peitsche schwingende Lou Salomé zieht. Die drei hatten eine Weile lang in einer Ménage-à-trois eine Beziehung geführt, ähnlich wie zuvor mit Richard und Cosima – rein platonisch selbstverständlich. Von Rée hatte Nietzsche die Kunst des Schreibens in Aphorismen gelernt, den „Réealismus“. Prideaux erzählt auch von Nietzsches vielen Wohnorten und Reisen: nach Genua, Nizza, Turin, Venedig, Bayreuth, aber auch Sils Maria, das er stets liebte – mit seinem „Klumpfuß“ (sein 104 Kilo schwerer Bücherkoffer) im Schlepptau. Der „Argonaut des Geistes“ verlor gegen Ende seines Lebens aber nicht nur seinen Verstand, sondern zuvor schon sieben Achtel seines Augenlichts. Der halbblinde Wandersmann, der früher Spaziergänge in den Bergen von bis zu fünf Stunden absolvierte, ohne mit den Augen zu zwinkern, endete im Rollstuhl auf einer Veranda in Naumburg – genau da, wo er herkam. Doch der Ehrgeiz seiner Schwester brachte ihn noch nach Weimar, in die Nähe der deutschen Genies Schiller und Goethe. Man möchte noch hinzufügen: „höchster Superlativ von Dynamit“, wenn man diese ausgezeichnete und lesenswerte Biographie beschreiben möchte.

Alle Rezensionen von Juergen Weber

Buchcover von Ich bin Dynamit
Sue Prideaux, Thomas Pfeiffer (Übersetzung), Hans-Peter Remmler (Übersetzung)
Ich bin Dynamit
Das Leben des Friedrich Nietzsche
560 Seiten, gebunden
ISBN 978-3608982015