hungern beten heulen schwimmen

Tröstliche Horizonte und abgründige Ausblicke

Lyrik bleibt ein Wagnis, von dem eigenen Ton her, den ein Dichter – und so auch die junge Lyrikerin Sirka Elspaß – auswählen und erproben kann, so dass eine besondere Melodie, mitunter auch artifizielle Momente, entsteht, die verwundert, betört, mitreißt und emporhebt oder ins Schweigen versetzt. So bleibt die Dichtung ein vielstimmiges Konzert, in der Emphase und Leidenschaft ebenso gegenwärtig sind wie gedankenverlorene Träumereien. Bei Sirka Elspaß treten mitunter Ausblicke hinzu, die über den Erfahrungshorizont der Welt hinausreichen.

Über das „beten“ wird gesprochen, ein lyrisches Ich formuliert fast zaghaft, aber nicht verzagt, dass es „sehr schüchtern“ auch glaube, doch an wen? Die Blickrichtung geht nach droben, so als müsse ein jeder „an was“ glauben oder „zu wem“ die Sehnsüchte, zur Not die Tränen hinaufschicken. Was der Himmel ist, darüber mag philosophiert, sinniert und auch geschwiegen werden. Der Vorbehalt, vielleicht auch die Vorsicht bleibt, aber immer finden sich dort „setzkästen für tröstliche metaphern“. Sogleich mag die Leserschaft an fromme Sprüche denken und verstimmt sein, weil die Metaphern, die gut gemeint sind, oft alles andere als tröstend wirken – niemand möchte sie hören, wie die Sinnsprüche auf Trauerkarten oder Verse, etwa von Eduard Mörike, wie es sein mag, wenn die Seele ihre Flügel ausspannte, als flöge sie nach Hause. Die Lyrik der Gegenwart ist zu taktvoll, um aus romantischen Gedankenwelten abgestanden anmutende Verse für diese Zeit fruchtbar zu machen oder variantenreich zu wiederholen. Doch manche Traurigkeit bleibt, auch die Tränen fließen in kummervollen Momenten und Lebensabschnitten. Elspaß` lyrisches Ich fragt sich, ob Gott noch zucke, wenn er angeschrien werde, wenn also eine auf gewisse Weise vehemente, verzweifelte Traurigkeit die Gemüter erfüllt.

Immer wieder wählt die Dichterin die Sprache des christlichen Glaubens, bedenkt katholische Riten und Sakramente, aber niemand kenne den „fahrplan“ für die „messe“. Der geordnete Ablauf mag eingeübt sein. Die Fragen, die aufsteigen und aufscheinen, durchbrechen aber alle Routinen. Ob die „art von feier“ noch zuträglich, tauglich, akzeptiert ist, steht dahin, die Fragen, die existenzieller Art sind, lassen sich nicht beantworten und sind so lange gegenwärtig, bis zu dem Zeitpunkt, wenn bis die Endlichkeit ausgemessen ist und aus der letzten Frage eine endgültige Antwort wird. Dann ist der Zeitpunkt der Ankunft gekommen, der Moment aller Ängste und Sehnsüchte – „wann haben wir es geschafft“. Auf Erden läuten von irgendwoher die „kirchenglocken“ – „es ist sonntag irgendwo“, und manchmal bleibt dieses Geläut ein „freundliches zeichen“ auch im Alltag, inmitten der Prosa des Daseins.
Sirka Elspaß entwickelt und bedenkt das Wesen des Menschen:

 

„ich komme durch du kommst
aus dem zoo ich rufe dich an ich vermisse speziell
das jahr vor unser aller geburt 1963
stellte der bronx zoo in new york sein neustes tier vor
betitelt als das gefährlichste tier der welt im raum
stand ein spiegel“

 

Das gefährlichste Tier, der Mensch, getrieben von Neugierde, begegnet sich, sieht sein Spiegelbild, erschrickt vielleicht, lacht oder ängstigt sich, wenn er nachzudenken beginnt. Wer sich selbst erkennt, so mag philosophisch erwogen werden, schaut in einen Abgrund, in all das, was er verdrängt hat und nicht wahrnehmen will, hier aber wahrnehmen muss. Was in diesem Gedicht uns begegnet, reicht weiter als ein schwergewichtiges Buch über Anthropologie und es ist auch frei von aller Ironie, denn es könnte tatsächlich so sein, dass wir Grund haben, uns vor dem Menschen zu fürchten, zuerst und zuletzt vor uns selbst. Sirka Elspaß erinnert uns daran, dies ernsthaft zu bedenken und zu erwägen. Wenn wir dem zustimmen, sind wir bereit, daraus Konsequenzen zu ziehen – und wenn ja, welche? Bei der historischen Begebenheit, von der das Gedicht berichtet, verharrten viele Zoogäste vor dem Spiegel. Ob sie ihr Leben änderten, wissen wir nicht. Ob wir unser Leben ändern würden, darüber dürfen wir nachdenken.

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Gedichte
80 Seiten, gebunden
Suhrkamp 2025
EAN 978-3518432532

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