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Über die (Un)vereinbarkeit von Familie und Beruf

"Keine Zeit!" ist ein oft vernehmbarer Ausruf. Wer von sich behauptet, er habe keine Zeit, erregt jedoch nicht das Mitleid seiner Mitmenschen, nein, er wird eher als vielbeschäftigte, gefragte Person bewundert, die es sich nicht leisten kann, auf der faulen Haut zu liegen. "Keine Zeit!" ist sozusagen zum Statussymbol geworden. Diese veränderte Wertvorstellung ist ein zentrales Thema in Arlie Russell Hochschilds überaus lesenswerten Studie über berufstätige Eltern in den USA, die 1997 erstmals publiziert wurde, 2002 in einer ersten Auflage auf Deutsch herauskam und für einiges Aufsehen gesorgt hat.

Hochschild hat in einem Zeitraum von drei Jahren die Angestellten von Amerco, ein Unternehmen in den USA, beobachtet und interviewt. Amerco gilt in den USA als "Vorreiter auf dem Weg zu einem ausgeglichenen Verhältnis von Arbeit und Familie". Aus diesem Grund hat sich Hochschild besonderes für dieses Unternehmen interessiert. Doch ein erster interessanter Befund ist, dass die Angestellten zwar über Zeitmangel klagen, die Angebote, von Teilzeit ohne Abstriche über Job Sharing bis hin zu flexiblen Arbeitszeiten, aber kaum nutzen. Die grosse Mehrheit hat eine ganz normale Vollzeitstelle, macht Überstunden und springt auch mal ein, wenn es sein muss, ist also ganz der oder die Musterangestellte.

Zentral in Hochschilds Studie wird angesichts dieses Befundes die Frage, weshalb die Angestellten die familienfreundlichen Angebote nicht nutzen. Den wichtigsten Grund sieht die Soziologin in einer Verschiebung der Bedeutung zwischen Familie und Arbeit. Welche Art der Verschiebung Hochschild meint, wird bereits im Untertitel des Buches deutlich: "Wenn die Firma zum Zuhause wird und zu Hause nur Arbeit wartet." Dieser Wandel wird intensiv seitens der Unternehmen gefördert. Sie offerieren für (vor allem gut qualifizierte) Angestellte diverse Freizeitangebote, die früher eher im Familien- und Freundeskreis wahrgenommen wurden, und in Seminaren und Kursen wird an der Loyalität und Verbundenheit der Arbeitnehmer zu ihrem Unternehmen gearbeitet. Hochschild geht so weit, die Arbeitnehmer als Gläubige zu bezeichnen. Abwegig ist diese Bezeichnung mittlerweile nicht mehr.

Während die Arbeitswelt stetig an Dominanz und Wert gewinnt, nimmt der Stellenwert des Familienlebens ab. In den zahlreichen Interviews, die Hochschild mit Amerco-Angestellten geführt hat und aus denen sie immer wieder zitiert, kristallisiert sich ein bedenkliches Familie-Arbeit-Modell heraus: "In diesem neuen Modell von Familie und Arbeitsleben flieht der müde Vater oder die müde Mutter aus der Welt der ungelösten Konflikte und ungewaschenen Wäsche in die verlässliche Ordnung, Harmonie und gute Laune der Arbeitswelt." Bedenklich ist dies, weil die Funktionen, die die Familie eigentlich hat, z.B. die Erziehung der Kinder, zunehmend delegiert oder schlicht vernachlässigt werden.

Hochschild kann die Ergebnisse ihrer teilnehmenden Beobachtung bei Amerco anhand einer Erhebung überprüfen. Die Befragung von knapp 1500 Eltern, die der Mittelschicht angehören und berufstätig sind, bestätigt, dass die Erkenntnisse, die Hochschild gewonnen hat, nicht Amerco-spezifisch sind, sondern eine generelle Tendenz darstellen: Fast 90% klagen über Zeitnot, keine 10% finden, dass Sie Beruf und Familie vereinbaren können, etwa ein Drittel lässt ihre Kinder 40 Stunden und länger pro Woche fremd betreuen (bei Besserverdienenden steigt dieser Anteil). Auf die Frage, "Kommt Ihnen Ihr Zuhause manchmal wie ein "Arbeitsplatz' vor?", antworteten 85% mit Ja und die Frage, "Fühlen Sie sich bei der Arbeit manchmal so, wie Sie sich eigentlich zu Hause fühlen sollten?", beantworteten 25% mit "sehr oft" oder "ziemlich oft", 35% mit "gelegentlich" und nur 37% mit "sehr selten".

Abschliessend legt die Soziologin dar, was Sie sich nun erhofft. Ihr Wunsch wäre ein allgemeines Umdenken, eine Art grosse "Zeitbewegung": "In Wirklichkeit haben nämlich viele berufstätige Eltern deshalb so wenig Zeit, weil die Zeitanforderungen ihres Arbeitsplatzes Priorität beanspruchen. Weder die Anpassung an diese Anforderungen noch der Rückzug vom Arbeitsplatz tragen zur Lösung dieses Problems viel bei. Es ist die Zeit gekommen, sich diesen Anforderungen entgegen zu stellen und den alten Arbeitsplatz den neuen Arbeitskräften anzupassen. Wie die Geschichte zeigt, ist kollektives Handeln der einzige Weg, einen solch grundsätzlichen Wandel herbeizuführen." Wie Recht Hochschild hat, so utopisch erscheint eine kollektive Zeitbewegung. Die Individualisierung ist weiter im Vormarsch, die Menschen reagieren tendenziell mit dem Verzicht auf Kinder und nicht zuletzt herrscht eine kollektive Angst vor Arbeitsplatzverlust, die, angesichts der ökonomischen Zwänge, lähmend wirkt. Konsum und ökonomische Sicherheit kommen vor Zeitkomfort.


von Jan Rintelen - 27. Juni 2006
Keine Zeit
Arlie Russell Hochschild

Keine Zeit


Wenn die Firma zum Zuhause wird und zu Hause nur Arbeit wartet
Springer VS 2006
305 Seiten, broschiert
EAN 978-3531144689

USA



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