Heraus aus dem Schatten

Islamische Lebenswelten in der Nachbarschaft

Die Diskurse der Zeit kreisen oft um Diskriminierungen, Vorurteile und Identitätsfragen. In der medialen Welt der besten Absichten geraten aber jene Menschen, denen wir alltäglich begegnen, oft aus dem Blick oder verkümmern als Gestalt im Schubladendenken etablierter Denkweisen. Vor Jahrzehnten gab es – auch in der Soziologie und Religionswissenschaft – den Streit um das "Kopftuch", das viele muslimisch gläubige Frauen tragen. Allein diese Zuschreibung zeigt die Stigmatisierung an. Wir sehen die Person nicht mehr, sondern sehen nur noch ein bestimmtes Merkmal. Insbesondere selbsternannte Verteidiger des Abendlandes nutzten das Kopftuch oder treffender gesagt den Hidschāb, um Stimmungen gegen Muslime zu schüren. Dieses Buch, das vier Autorinnen islamischen Glaubens herausgegeben haben, ist ein aufklärerisches Zeugnis nicht nur gegen Islam-, sondern gegen Religionsfeindlichkeit überhaupt.

Der Band soll als "Brückenbauer" dienen, möchte Gemeinsamkeiten jenseits von Religion und Nationalität aufzeigen und für Offenheit gegenüber Mitmenschen werben, die zunächst als fremd, aus nächster Nähe sodann als ungemein sympathisch sich erweisen. Suhila Thabti-Megharia ist in Basel geboren, ihr Vater stammt aus Algerien. Sie sagt von sich: "Es gab bei mir nie eine Zeit, in der ich die Existenz Gottes infrage gestellt habe." Thabti-Megharia berichtet von ihrem Weg mit Gott und legt dar, dass im Islam davon ausgegangen werde, "dass jeder Mensch als Muslim geboren wird". Dies aber ist für die junge Frau nicht Zeichen eines missionarischen Auftrags. Sie sagt weiter: "Im Koran werden wir sehr oft aufgefordert, unseren Verstand zu benutzen, die Umwelt zu betrachten, um dann Gott zu erkennen und Ruhe im Herzen zu finden." Ihre Überzeugung, dass Menschen planen, aber Gott der "beste Planer" sei, habe sich mit der Zeit verfestigt und vertieft.

Insbesondere die Lebenswirklichkeit, die kleine Welt des Alltags, schildern etliche der Frauen, die in diesem Band von ihren Erfahrungen im Glauben berichten, die zugleich verwebt sind mit ihren sehr verschiedenen Lebensgeschichten. Fekrat Dadou erzählt von ihrem wechselvollen Leben, auch von Flucht und Vertreibung, auch von der Trennung von ihrem Mann. Sie scheint sich zu fragen, ob zufällige Begegnungen wirklich zufällig oder unsichtbar gefügt sind. 2012, so berichtet Fekrat Dadou, sei sie in Lörrach mit "Assalamu aleikum" begrüßt worden. Der arabische Gruß öffnete Türen und Herzen: "Die gemeinsame Fahrt nach Freiburg ging wie im Flug vorbei, sie gab mir ihr Visitenkärtchen … und am nächsten Morgen stand ich vor ihrer Haustür mit einer Tüte frischer Brötchen und half ihr, nach einem gemütlichen Frühstück ihr elterliches Haus zu räumen. Nach dem Besuch im Pflegeheim bei ihrer sterbenden Mutter entwickelt sich unsere Freundschaft bis zum heutigen Tage!"

Alia indessen wuchs kulturchristlich in Deutschland auf, in einer säkularisierten Familie, in der der Glaube trotz des Kirchgangs zu Weihnachten keine Rolle spielte. Religion überhaupt bleibt ihr fremd, bis sie ihren Mann kennenlernt, dessen Vater aus Syrien stammt: "Da mein Mann wusste, dass Religion für mich in meinem Leben keinen Platz einnahm, wollte er vor der Verlobung von mir wissen, ob wir unsere erhofften gemeinsamen Kinder islamisch erziehen können." Sie stimmt zu und wird fortan oft gefragt, ob sie konvertiert sei. Diese Fragen regen sie sehr auf. Alia störte sich daran, immer wieder, so sagt sie, sei sie in "Erklärungsnot" geraten: "Es kam darauf an, wer und wie man mich fragte, aber ich empfand es immer als zu intim, grenzüberschreitend und unangemessen." Um Auseinandersetzungen zu vermeiden, verneinte sie lange Zeit die Fragen. Alia beschreibt die Begegnung mit dem islamischen Glauben als eine große Bereicherung, die ihr "viel Liebe, Zufriedenheit und Dankbarkeit" geschenkt habe.

Über den Sinn des Lebens berichten die Musliminnen in diesem Buch ebenso. Janin Bassal erzählt: "Wir Menschen sollten uns tagtäglich daran erinnern, dass alles einen Wert hat. Dass wir lernen müssen, alles zu schätzen. Sei es die halbe Tomate im Kühlschrank, die jetzt nicht mehr so frisch aussieht, die Orchidee in deinem Wohnzimmer, die du zu gießen vergessen hast, oder deine Mutter, die du länger nicht angerufen hast." Janin betont den Wert der Empathie. Sie möchte ein "guter Mensch" sein, im Wissen darum, dass alles, was begonnen hat, auch einmal enden wird. Die Religion kann darin bestärken, dieses zu leben und zu zeigen, insbesondere in der Familie: "Im Islam hat eine Mutter einen besonderen Stellenwert. Ich habe realisiert, dass ich als Mutter immer für mein Kind da sein muss, egal welches Alter es erreicht. … Als Eltern sollten wir verinnerlichen, dass es am allerwichtigsten ist, dass unsere Kinder glücklich und zufrieden mit ihrem Leben sind." Ein schöner Gedanke – und zugleich mehr als ein schöner Gedanke, es ist eine Lebensweisheit, eine Lebensregel, die sicher weit über den islamischen Glauben hinausreicht oder hinausreichen könnte.

Dalal Mahra berichtet von den Vorurteilen und Beschimpfungen, die ihr gegenüber geäußert wurden, weil sie ein Kopftuch trägt. Eine Frau habe ihr zugerufen: "Kopftuchschlampe!", vom Fahrrad aus. Sie spricht offen über ihr inneres Erleben: "Was?! Ich bin schockiert und gelähmt. Verstehe nicht, was da gerade passiert. Ich will mich wehren, etwas sagen. Aber alle starren mich an, als sei ich schuld daran, beleidigt zu werden, als hätte ich etwas verbrochen." Solche vergifteten Beschimpfungen tun weh. Sie zeigen immer nur die Torheit dessen, der sie äußert, aber wer von Beleidigungen getroffen ist, der weiß, dass der Schmerz, dem galligen Spott, dem zynischen Sarkasmus oder auch schlichten Bosheit ausgesetzt zu sein, real ist. Dalal schreibt weiter: "Warum juckt es so viele, dass ich ein Kopftuch trage? Ist es nicht egal, wie jemand aussieht? Ist es nicht viel wichtiger, was für einen Charakter jemand hat? Wie das Herz ist?" Sie hat recht, genau darauf kommt es an. Die junge Frau betont: "Kopftuchmädchen sind tough, cool und stark." Sie zeigt dies mit einem Medien-Startup für muslimische Frauen, um ihnen das Gefühl zu geben, dass sie nicht allein sind: "Kopftuchtragende Frauen haben nicht die gleichen Chancen wie andere Frauen, jedoch ist es die Aufgabe von Politik und Gesellschaft, allen Menschen die gleichen Chancen einzuräumen. Antimuslimischer Rassismus ist ein gesellschaftliches Problem." Julia Hanke betont darum: "Du kannst das Etikett eines Opfers tragen oder den Mantel einer Heldin oder eines Helden." Es könne helfen, den Schmerz zuzulassen, aber wichtig sei auf dem Weg der Selbsterkenntnis, diesen zu überwinden. Für muslimisch gläubige Menschen heiße das, "dankbar zu sein, uns Allah zuzuwenden, bescheiden zu sein, zu vergeben und weiterzumachen, anstatt an dem Schmerz festzuhalten und verbittert zu werden".

Dieses Buch erzählt facettenreich von ganz normalen, mutigen und tapferen Frauen aus der Welt von heute, von Heldinnen des Alltags, die aus und für ihren Glauben leben, nicht gegen, sondern mit anderen. Der Band dient also nicht – und das ist gut so – der Bekehrung, sondern der Besinnung. Ob es vorstellbar wäre, dass auch Christinnen und Christen heute so freimütig und aufrichtig von ihrem Weg im Glauben erzählen könnten? Auch das könnte wichtig und wertvoll sein. Die in diesem Band versammelten Lebenszeugnisse sind – lesenswert, auch für alle, die sich nicht für Religion interessieren. Entscheidend ist: Dieses Buch, das nicht in bekehrender Absicht verfasst ist, möchte Sympathie wecken für unsere muslimischen Nachbarinnen – und das gelingt auf beste Weise. 

Heraus aus dem Schatten
Sara Zorlu (Hrsg.)
Heraus aus dem Schatten
Musliminnen erzählen, wie sie wirklich leben
240 Seiten, gebunden
Patmos 2023
EAN 978-3843614320

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