Politik

Helmut Schmidt vs. Jimmy Carter

Im Herbst 2002 erregte Gerhard Schröder mit seiner Amerikakritik Aufsehen. Seine Aussage, dass Deutschland sich zu keinem Zeitpunkt an einem Militäreinsatz im Irak beteiligen werde, sorgte in Washington für Verstimmungen und belastete die deutsch-amerikanischen Beziehungen nicht unerheblich. Für die Opposition war diese Festlegung ein politischer Affront: Die nach 1945 aufgebauten transatlantischen Beziehungen dürfe man nicht mit Füßen treten, hieß es u.a. An dieser Stelle zeigt sich wohin historische Unkenntnis führen kann, nämlich zu verzerrten und oftmals übertriebenen Äußerungen.

Klaus Wiegrefe, heute Spiegel-Redakteur (Ressort Zeitgeschichte), hat in seiner bei Heinrich August Winkler entstandenen Dissertation ein anderes problematisches Kapitel der deutsch-amerikanischen Beziehungen aufgeschlagen. Genauso wie 30 Jahre später sollte Mitte der siebziger Jahre das Verhältnis beider Staaten zueinander durch eigenständige Positionen Deutschlands belastet werden. Während jedoch Gerhard Schröder und George W. Bush immerhin nach Außen einen gewissen Schein wahrten und zudem am Ende der Regentschaft Schröders ein beinahe wieder entspanntes Verhältnis zu erkennen war, überwarfen sich Helmut Schmidt und Jimmy Carter mit jedem Jahr mehr. An mehreren Punkten entzündeten sich kleine und bisweilen große Scharmützel: Während die Bundesrepublik Deutschland keine Probleme sah, Nukleartechnologie nach Brasilien zu exportieren, waren die USA über dieses Vorgehen empört. Ähnlich verhielt es ich im Umgang mit dem "Feind" der freien Welt, der Sowjetunion. Als diese 1979 beschlossen, in Afghanistan einzuwandern, sah sich Carter nicht in der Lage die Problematik zu erkennen und wirkte seltsam hilflos. Auch bei der Krise in Polen 1980 waren deutsche und amerikanische Interessen beinahe unvereinbar. Hatten die USA und die Bundesrepublik auf diesem Feld bisher harmonisiert, drifteten die Positionen mit Zuspitzung der Krise immer weiter auseinander. Carter schlug sowohl Frankreich als auch Deutschland vor, die Sowjetunion vor einer Intervention zu warnen. Genau das wollte Bonn jedoch nicht, da man Moskau keinen Vorwand geben wollte zu intervenieren, indem eine derartige Krisenplanung durchgeführt würde. Die seit Willy Brandt praktizierte Entspannungspolitik wollte Schmidt im Gegensatz zu Carter nicht aufs Spiel setzen. Carter sprach daraufhin von einer zunehmenden "Finnlandisierung der Deutschen" (S. 368). Hans Apel bezeichnete die Handlungen aus Washington als "chaotisch und dumm". Der Ton in den deutsch-amerikanischen Beziehungen war rau und bisweilen von beiderseitig mangelndem Respekt gekennzeichnet. Viele kleine "Psychokriege", wie z.B. das extra lange Wartenlassen beim Empfang des jeweiligen Gastes, waren Ausdruck der verfahrenen Situation.

Als Carters Präsidentschaft am 20. Januar 1981 endete, ging es mit den deutsch-amerikanischen Beziehungen wieder aufwärts, schlechter hätten sie ohnehin nicht mehr werden können. Allerdings lag die Schuld nicht allein bei Carter. Schmidts überhebliche, arrogante Art und Weise, die der Bundeskanzler nicht immer zu verstecken wusste, hat ebenso zur Eskalation beigetragen.

Klaus Wiegrefe ist nicht umsonst als Journalist beim Spiegel gelandet: Selten hat man eine so gut geschriebene, urteilsfreudige und dennoch wissenschaftlich korrekte Dissertation lesen können. Wiegrefes Urteilskraft ist dabei manchmal auch seine größte Schwäche: Zu deutlich steht er auf Seiten Helmut Schmidts bzw. der Bundesregierung. Jimmy Carter kommt in seiner Darstellung zum Teil etwas zu schlecht weg. Dieser kleine Kritikpunkt ist aufgrund der sonst überragenden Leistung jedoch allemal zu verschmerzen.

Das Zerwürfnis
Klaus Wiegrefe

Das Zerwürfnis


Helmut Schmidt, Jimmy Carter und die Krise der deutsch-amerikanischen Beziehungen
Propyläen 2005
523 Seiten, gebunden
EAN 978-3549072509

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