Gesellschaft

Ein Denkmal für die Heimat

Als im Jahr 1984 im deutschen Fernsehen die Serie "Heimat. Eine Chronik in elf Teilen" gesendet wurde, war dies auf vielfältige Weise ein außergewöhnliches Ereignis. Es war mutig in einer Zeit, in der politisch der Begriff "Heimat" durchaus kontrovers diskutiert und ein ganzes Genre, der "Heimatfilm", ausgebrannt schien, einen derartigen Titel zu wählen. Die Serie zeigt Heimat und Provinz jedoch nicht als kitschige weltfremde Idylle, sondern als realistische, nahezu dokumentarische Dorf- bzw. Familienchronik vor dem Hintergrund des Wandels der Zeiten. Im Mittelpunkt steht das - fiktive - Dorf Schabbach im Hunsrück und dort die Familie um Maria Simon. Ihre Geschichte wird im Zeitraum von 1919 bis 1969 mit einem Epilog, der im Jahr 1982 spielt, erzählt.

Heimat, das ist das Dorf, die Familie und ihr zentraler Ort, die Küche. Die Heimat bietet Geborgenheit und Aufnahme für die, denen Schabbach die "Mitte der Welt" ist. Hier dreht sich meist alles um sich selbst, da können die Weltläufte sein wie sie wollen. "Zweimal war Weltkrieg und das Dorf sieht immer noch ganz genauso aus wie vor hundert Jahren" sagt der Erzähler Glasig und bis zum Wirtschaftswunderwohlstand stimmt das auch. Das Dorf bietet Kontinuität, Neuerungen drängen sich meist von außen auf. Im 20. Jahrhundert häufen sich diese Einflüsse: "Das hört überhaupt nicht mehr auf mit den neuen Zeiten", stöhnt die alte Katharina Simon, Marias Schwiegermutter, deshalb angesichts der Währungsreform 1948.

Heimat kann ebenso Enge und Bedrückung für diejenigen sein, die "anders" sind, die Ideen haben und aus dem Rahmen des alltäglichen Werkens und Lebens herausfallen. Sie flüchten. "Du bist nicht wie die anderen", sagt Maria zu Paul Simon, der sie zwar heiratet, dann aber seine Familie und sein Dorf ohne ein Wort verlässt. Erst nach zehn Jahren meldet er sich aus Amerika als reicher Fabrikant wieder. Auch Hermann, Marias Sohn aus der Affäre mit einem Ingenieur und künstlerisch begabt, ist sich dessen früh bewusst: "Ich bin nicht wie die anderen". Er wird nach dem Abitur das Dorf verlassen.

Autor und Regisseur des Fernsehereignisses ist der 1932 im Hunsrück geborene Edgar Reitz, der sich mit Kurz- und Industriefilmen einen Namen gemacht hatte und dann angetreten war, das deutsche Kommerzkino abzulösen ("Papas Kino ist tot"). Als Dozent an dem von ihm zusammen mit Alexander Kluge gegründeten "Institut für Filmgestaltung" in Ulm beschäftigte er sich mit den theoretischen Grundlagen des "Autorenfilms", der dem Regisseur die beherrschende Rolle bei der Schaffung des Kunstwerks Film zuwies. In mehreren Filmen setzte Reitz das neue Konzept praktisch um, der kommerzielle Erfolg blieb allerdings zunächst aus.

Mit "Heimat" ist es Reitz gelungen, eine Fernsehserie zu schaffen, die das schablonenhafte Zeitschema zugunsten seiner epischen Erzählweise aufbricht. Die einzelnen Teile haben unterschiedliche Längen, zwischen 58 und 138 Minuten. Die Serie zeigt deshalb Geschichte, so wie Reitz sie versteht, als das "Leben der vielen" und als ruhig fließenden Strom der Zeit. Zugleich bringt er die Ästhetik des Films ins Fernsehen: gedreht wurde wie für einen Kinofilm mit 35mm-Filmmaterial. Ungewöhnlich war auch der Wechsel zwischen Schwarz-Weiß- und Farbaufnahmen. Der Großteil der Szenen ist in schwarz-weiß gedreht, nur die, in denen Farbe eine wichtige Rolle spielt, sind auch farbig. Die Rollen besetzte Reitz mit unbekannten Schauspielern und Laiendarstellern. Sie sprechen Dialekt, der die Figuren nicht lächerlich macht, sondern der ihnen Authentizität verleiht.

In Deutschland sahen durchschnittlich 10 Mio. Zuschauer die einzelnen Folgen. Die Resonanz auf die Produktion war aber weltweit groß. Reitz erhielt zahlreiche nationale und internationale Preise und Auszeichnungen. Der große Erfolg ermutigte Reitz zur Fortsetzung, die 1993 in 13 Teilen ausgestrahlt wurde. "Die zweite Heimat. Chronik einer Jugend" spielt in München zwischen 1960 und 1970. Hermann, das "Hermännche" hat seine Heimat, das Dorf Schabbach, verlassen, um Musik zu studieren. In München ist er der dörflichen Enge entflohen und probiert in der Studenten- und Künstlerszene der 1960er Jahre die neuen Freiheiten aus. Sein Leben ist mit dem seiner neuen Freunde und dem historischen Hintergrund verwoben, sie alle erleben Liebe und Leid, gehen ihren Weg und auch so manchen Irrweg. Für einige Zeit flüchtet Hermann zu altvertrautem, heimatlichem Geborgensein zurück, als er die nach München gezogene ehemalige Schulfreundin, "Schnüsschen", heiratet, aber die Ehe scheitert. Ernüchterung tritt nach dem Rausch der Freiheit ein. Im zweiten Teil der Heimat-Saga mischen sich noch mehr Reitz" Erinnerungen und Fantasie, hat er die 1960er Jahre doch selbst bewusst erlebt. Die Folgen sind nun alle knapp zwei Stunden lang. Die langsame Erzählweise setzt einen deutlichen Kontrapunkt zur vorherrschenden Clipkultur. Auch für den zweiten Teil erhält Reitz nationale und internationale Auszeichnungen.

"Heimat 3. Chronik einer Zeitenwende", 2004 gesendet, umfasst in sechs Teilen die Zeit von 1989 bis 2000. Hermann und Clarissa, seine Liebe aus Studententagen, finden sich an jenem geschichtsträchtigen 9. November 1989 wieder, eine Wiedervereinigung der persönlichen Art. Sie beschließen, zusammen zu bleiben und sich am Rhein - nahezu in Sichtweite von Schabbach - niederzulassen. Während Hermann eine Art Versöhnung mit der Heimat schließt, geht für die Bewohner der ehemaligen DDR ein Stück Heimat verloren, Russlanddeutsche kehren in ihre - ihnen unbekannte - "alte Heimat" zurück. Schabbach und die DDR sind sich plötzlich auf gewisse Weise sehr nahe. Und wieder fängt eine "neue Zeit" an. "Neue Zeiten" sind im deutschen Fernsehen schon längst angebrochen. Im Zeichen von Einschaltquoten und seichter Unterhaltung war ein solch ambitioniertes Projekt nur schwer durchzubringen und letztendlich nur gekürzt dem Fernsehpublikum präsentiert worden: eine Kapitulation der Verantwortlichen in den Sendern vor der Mainstream-Unterhaltung und der Mittelmäßigkeit. Auf DVD ist nun glücklicherweise die ungekürzte Fassung zu sehen und zu genießen.

Die von Arthaus 2006 als "streng limitierte und nummerierte Premium Edition" herausgegebene DVD-Box beinhaltet nun die gesamte, 30 Folgen umfassende "Heimat Trilogie", zusammen beeindruckende 3.217 Minuten! Das DVD-Bild von Heimat 1 und 2 ist im 1,33:1 Format, das von Heimat 3 im 1,78:1 (anamorph) Format. Der Ton von Heimat 1 ist Mono Dolby Digital, von Heimat 2 Stereo Dolby Digital und von Heimat 3 Dolby Digital. Auf der Bonus-DVD befindet sich rund 180 Minuten zusätzliches Material: eine einleitende "Anmerkung" des Autors und Regisseurs Edgar Reitz, eine "Dokumentation zur Herstellung" (dabei handelt es sich um drei interessante Dokumentationen über Dreharbeiten und Arbeitsweise von Reitz: "Ein Denkmal für den Hunsrück" von 1982, "Bis zum Augenblick der Wahrheit" von 1987 und "Einer für Schabbach" von 2004), "unbekannte Konzerte" von Hermann und Clarissa, "Videos und Erinnerungen" der Crewmitglieder sowie eine kleine "Fotogalerie". Die aufwändig gestaltete Box stand dem Rezensenten nicht zur Verfügung.

Nachdem es bisher nur die einzelnen Teile, Heimat 1 bis 3, in drei DVD-Boxen ohne jegliches Zusatzmaterial gegeben hatte, ist die Herausgabe einer Gesamtausgabe mit Bonusmaterial eine lobenswerte und willkommene Entscheidung. Zu dem Bonusmaterial der DVD-Box hätten aber sicherlich auch der von Reitz 1980 gedrehte und als Prolog zu nehmende Dokumentarfilm "Geschichten aus den Hunsrückdörfern" sowie der 2006 veröffentlichte Epilog "Heimat-Fragmente. Die Frauen" gehören können. Beide sollen aber zusammen unter dem Titel "Drehort Heimat. Chronik einer deutschen Jahrhundertsaga" 2007 erscheinen, wiederum mit der Bonus-DVD der "Premium Edition", so dass diese Ausgabe quasi als komplette Bonus-Box angesehen werden kann.

Wer einzelne Teile oder die gesamte Heimat-Trilogie schon kannte und mochte wird die Gesamtausgabe zu schätzen wissen. Und wer sie noch nicht kennt: Reitz' Opus Magnum beschreibt einfühlsam und anschaulich das Leben im 20. Jahrhundert. Es kann jedem historisch und am menschlichen Schicksal Interessierten nur empfohlen werden.

Heimat Trilogie
Edgar Reitz

Heimat Trilogie


Arthaus 2006
16 DVDs
EAN 4006680032535

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