Hamburg Mitgefühl, Humor und Menschenfreundlichkeit
Gebürtig aus Masuren, fand der Schriftsteller Siegfried Lenz, der im März dieses Jahres seinen 100. Geburtstag begangen hätte, in Hamburg Obdach, Freunde und eine zweite Heimat. Die hanseatische Metropole, nah genug am Meer gelegen, hat viele Gesichter, beherbergt einen Reichtum an sehr besonderen, ganz normalen Bürgern und denkwürdigen Gestalten, die der leidenschaftliche Menschenfreund und passionierte Erzähler einfühlsam zu porträtieren wusste. Lenz schaute gern hinaus, nicht nur beim Angeln oder in seinem Feriendomizil auf der Insel Alsen in Süddänemark, beobachtete aufmerksam und malte mit Worten liebevoll über Menschen und die Natur. Die Stadt Hamburg bot ihm reichlich Erzählstoff.
Die „listige Heiterkeit“ erwähnt Lenz, als ihm 2001 Hamburgs Ehrenbürgerwürde verliehen wurde, und der verschmitzte Humor eignet sich auch für ein Selbstporträt, das der Schriftsteller nie verfasst hat oder verfassen wollte. Alles über ihn sagen seine Romane und Erzählungen, seine Gespräche mit Freunden, auch seine Reden und Ansprachen, die der skeptische Literat gehalten hat, nicht mit Stentorstimme, sondern leise. Er fand Zuhörer, fand auch Gehör, wenn er im Spätherbst seines Lebens vor der Verrohung im Umgang miteinander und energisch vor Ausländerfeindlichkeit warnte. Siegfried Lenz wusste mitunter verträumt zu schreiben, aber ein entrückter Träumer war er nie, vielmehr ein nüchterner Realist, der es sich nicht nehmen ließ, an den Sinn von Menschenfreundlichkeit zu glauben und auf Güte zu hoffen.
Mit Gespür für die existenzielle Härte und den Mut der Arbeiter schreibt er über die Taucher im Hamburger Hafen. Lenz arbeitet mit Sorgfalt die Konturen von den Seemännern heraus, die sich in die Tiefe vorwagen, meist wortkarg sind, nicht selten über einen spröden Humor verfügen. Auf vielfältige Weise deuten lässt sich die literarische Wahrnehmung, dass die Not die „schönste Zeit“ sei, natürlich von einem erzählerisch stilisierten Ich, das nicht in einer saturierten Behaglichkeit verkümmert, sondern sich beleben lässt, beleben lassen muss, wenn tatsächlich „Armut“ als das „höchste Glück“ erscheint. Der Mangel eröffnete „schöpferische Möglichkeiten“, weckte den Erfindergeist, förderte Begabungen. Der Gedanke mutet verwunderlich an, ist aber nachdenkenswert: „In Zeiten des Überflusses stirbt die Phantasie, nichts wird uns abverlangt an Überlegung, an Abenteuer, an Ungewißheit: wem es an irgend etwas mangelt, der drückt die Klinke des nächsten Geschäfts und deckt seinen Bedarf.“ Ja, der Überfluss setze die Begabungen außer Kraft. Dieses Lesebuch birgt also Anregungen, die inmitten einer Gesellschaft, die um den Überfluss bangt und diesen als Normalität ansieht, wirksam werden können – denn aus dem Mangel, verbunden vielleicht mit Lebensklugheit, erwachsen Möglichkeiten, andere als auf dem Schwarzmarkt, den Lenz porträtiert, doch neue Hoffnungsschimmer.
In einem Hörspieltext begegnet uns erneut der Hamburger Hafen, der als ein „Hort der Geheimnisse“ vorgestellt wird und abseits von „schwellenden, irrtumslosen Statistiken“ sich befindet, von gesunkenen Munitionsschiffen aus Hitlers Krieg ebenso wie von „meerwinderfüllten Dampfern“, die aufs Abwracken warten und von einem „Rendezvous“ mit der Welt auf ihre Weise berichten, Geschichten beherbergen: „Dreh dich langsam zur Seite wie der wandernde Lichtstrahl des Leuchtturms … Dreh dich wie das Radargerät oben am Mast des australischen Dampfers, wende nur deinen Blick, und du wirst eine andere Geschichte sehen …“ Die Phantasie der Leser wandert mit der Lektüre fort, in nahe und in ferne Länder, in kostbar gestaltete Erzählungen und Impressionen.
In Hamburg heiße es, so der Erzähler in dem Hörspiel Die neuen Stützen der Gesellschaft, gehe es um Nettigkeit: „Nettsein ist alles …“ Ältere Leser werden vielleicht die Anspielung auf Axel Springer entdecken, der nach den Verwüstungen des Krieges das Hamburger Abendblatt gründete, ein leuchtender Stern in der hanseatischen Presse, die neu erwachte, und über den dort erzählten Geschichten stand wie ein Motto: „Seid nett zueinander!“ Diese Nettigkeit ist mitnichten Harmlosigkeit oder Einfalt, es ist Ausdruck der Sehnsucht nach einer Art der Begegnung, in der Gutes wachsen, neu erblühen kann. Dazu gehörten auch Plaudereien, sowie, mit ironischer Brechung vorgestellt, der „Klatsch“, ja der „pure Klatsch“, der einfach unverzichtbar sei: „Wo immer sich eine Gesellschaft konstitutiert, entsteht mit Notwendigkeit Klatsch, gossip. Doch er hat beileibe nicht nur eine schwarze und üble Funktion. Klatsch reinigt bisweilen, läutert, stellt richtig und sorgt für guten Wind. Der Klatsch ist das Salz der Gesellschaft.“ Hinzu trete heute für Zeitungsmenschen das „pointierte Denken“, aphoristisch geschürzt. Etwas schwermütig mag sich der Zeitungsleser heute fragen: Gibt es das wirklich noch, die journalistische „Beute des Augenblicks“, die so viel treffsicherer und ausschlaggebender sei als jede „langwierige Deduktion“?
Siegfried Lenz, der journalistisch arbeitete, war ein Freigeist, ein Künstler, sprachmächtig sowieso, der auch nie passgenau in die heutige Presselandschaft sich eingefügt hätte. Die „genaue Genealogie eines Gedankens“ ist immer akademisch, nahezu philosophisch und gelegentlich gewiss auch ein wenig langweilig, nicht anders verhält es sich, wenn so ähnlich anmutende Berichte, moralisierend und belehrend, heute als Journalismus auftreten. Die gewitzte Pointe, das fröhliche Amüsement und die sanfte Ironie, sie alle werden so sehr vermisst. Doch die Leute von Hamburg, ob sie Lena oder Kuddel heißen, mag es nach wie vor geben, an Elbe und Alster, in den Stadtvierteln, und sie mögen „zum Staunen Anlaß“ geben, zumindest durch die „eigensinnige Linse eines Rumglases“ betrachtet: „Heben wir ruhig mal das Glas. Lassen wir zum Beispiel ein Mädchen ins Glas geraten. Ein Mädchen in Rock und Bluse. Sie ist langbeinig – alle Hamburgerinnen sind langbeiniger, als es die Kritiker in London und Paris wahrhaben wollen.“ Milde und humorvoll betrachtet Siegfried Lenz diese nicht ganz realistisch, aber mit sehr viel Herzensgüte geschilderten Menschen von Hamburg. Er lässt seine Blicke durch die Hansestadt schweifen und gewinnt mit seinen literarischen Stücken, ob Erzählung, Ansprache oder Hörspiel, auch die Herzen der Leser von heute.
Alle Rezensionen von Thorsten Paprotny