Grundwissen Circular Economy Circular Economy als nachhaltiges Wirtschaftsmodell
Das Konzept des ökologischen Fußabdrucks zeigt, dass insbesondere in den Industrieländern die Bevölkerung mit dem Verbrauch natürlicher Ressourcen die ökologische Kapazität der Erde seit Langem „übernutzt“. Weltweit verbraucht die Menschheit die natürlichen Ressourcen weit schneller, als die Ökosysteme sie regenerieren können. Würden alle Menschen so leben wie die Bevölkerung Deutschlands, wären ca. 2,8 Erden erforderlich. Nach Berechnungen des „Global Footprint Network“ lag der „Earth Overshoot Day“ 2026 für Deutschland bereits am 10. Mai, der weltweite Tag fiel auf den 30. Juli. Somit besteht kein Zweifel, dass das Wirtschaftsmodell der „Linear- und Wegwerfwirtschaft“ mit der Produktions- und Konsumlogik des „take, make, waste“ sowie dem damit verbundenen steigenden Ressourcenverbrauch und vermehrten Abfall überwunden werden muss.
Der Verfasser macht vor allem deutlich, dass „Circular Economy“ (CE) nicht mit einer verbesserten Abfall- oder Recyclingwirtschaft gleichgesetzt werden darf. Im Unterschied zu dem in Deutschland im Zusammenhang mit dem Kreislaufwirtschaftsgesetz noch weit verbreiteten und populären Begriff der „Kreislaufwirtschaft“ ist die CE deutlich breiter angelegt und versteht sich eher als ein „umbrella concept“, unter dem viele einzelne Maßnahmen bzw. Konzepte zusammengefasst werden. „Im Prinzip kann man hier von einem holistischen Ansatz sprechen: Es geht darum, auf der Grundlage der planetaren Grenzen ein regeneratives System anzustreben bzw. umzusetzen. In diesem Verständnis werden der Ressourceneinsatz und die Abfallproduktion, Emissionen und der Energieverbrauch durch Verlangsamung, Verringerung und Schließung von Energie- und Materialkreisläufen minimiert.“
In den ersten Kapiteln des Bandes werden die theoretischen und konzeptionellen Grundlagen der CE erörtert. Dabei geht es zum einen um die Bedeutung der CE im Kontext des Transformationsprozesses zu einer nachhaltigen Entwicklung und zum anderen um die theoretische Begründung der CE. „Lange Zeit stand die einzelwirtschaftlich ausgerichtete Ökoeffizienz bei der Einsparung von Ressourcen und Energie im Mittelpunkt. Das Konzept der Circular Economy hat jedoch inhaltlich eine viel größere Nähe zur Ökoeffektivität.“ Deshalb ist man in Deutschland und in anderen Industrieländern in zunehmendem Maße um eine Förderung der CE bemüht, die in einem weiteren Kapitel vorgestellt wird. Da noch keine konsistente und übergreifende Strategie existiert, wird anhand von sektoralen Beispielen in der EU, vor allem in Deutschland, der Entwicklungsstand der Wiedergewinnung von Rohstoffen, etwa durch das Recycling von Bau-, Plastik- und Textilabfällen sowie von Photovoltaik-Panels und Traktionsbatterien, aufgezeigt. Eine wesentliche Neuerung der 3. Auflage stellt die Fallstudie zur Textilindustrie dar. Diese Ergänzung ist gut gewählt, da sich Chancen und Herausforderungen einer CE in dieser Branche besonders deutlich herausarbeiten lassen.
Hervorzuheben ist der Blick auf den Globalen Süden. Im Gegensatz zu den Industriestaaten, in denen eine Entwicklung in Richtung einer CE festgestellt werden kann, gibt es in den Ländern des Globalen Südens häufig nur rudimentäre Ansätze. „Daher sind Industrieländer – auch im Eigeninteresse – aufgefordert, Entwicklungsländer beim Auf- und Ausbau einer Abfallinfrastruktur und einer Circular Economy-Industrie zu unterstützen.“ Am Beispiel der Stadt Marrakesch wird eine Bewertungsmethode für die Entwicklung von Abfallbewirtschaftungssystemen vorgestellt. Dies ist ein erfreuliches Beispiel dafür, dass auch in Entwicklungs- und Schwellenländern bereits einige CE-Ansätze in Angriff genommen worden sind.
Es gibt unterschiedliche Denkschulen bzw. Herangehensweisen zur Umsetzung der CE, mit denen sich ein eigenes Kapitel befasst. Der Cradle-to-Cradle-Ansatz geht von der Vision geschlossener ökologischer und technischer Kreisläufe aus, während Unternehmen beim Konzept der Blue Economy aufgefordert werden, Herstellungsverfahren zu entwickeln, die ökologischen Prinzipien folgen. Zudem wird kurz auf die Performance Economy eingegangen. Im Mittelpunkt der beiden weiteren Kapitel stehen einerseits die Maßnahmen zur Umsetzung der CE. Dabei werden strukturelle, ordnungspolitische, ökonomische und kommunikative Maßnahmen unterschieden und die Relevanz der Digitalisierung für die CE unterstrichen. Andererseits werden wichtige Hemmnisse und Grenzen der CE thematisiert.
Das letzte Kapitel fasst die wichtigsten Schlussfolgerungen zusammen, identifiziert den weiteren Bedarf an interdisziplinärer Forschung und formuliert Forderungen an Politik und Gesellschaft. „Perspektivisch ist es im Sinne nachhaltiger Entwicklung unumgänglich, ein internationales Übereinkommen zum Schutz der natürlichen Ressourcen zu vereinbaren, wonach faire Bedingungen der Gewinnung von Rohstoffen festgelegt werden. Weiterhin sollten gemeinsame Ziele zum Aufbau einer globalen Circular Economy vereinbart werden.“
Michael von Hauff, em. Professor für Volkswirtschaftslehre an der ehemaligen TU Kaiserslautern, wurde schon vor Jahren mit dem B.A.U.M.-Umweltpreis „für langjährige herausragende wissenschaftliche Leistungen zugunsten einer nachhaltigen Entwicklung“ ausgezeichnet. Mit dem vorliegenden Band, der sich vor allem an Studierende der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften sowie nachhaltigkeitsbezogener Studiengänge richtet, ist dem Verfasser eine komprimierte und dennoch fundierte sowie praxisnahe und gut verständliche Einführung in das Konzept der CE bestens gelungen.
Alle Rezensionen von Bernd W. Müller-Hedrich