Gregormeister Leuchtend und prachtvoll, aber nicht makellos
Gerüchte und Irrtümer verbreiten sich rasant, und das bereits vor Beginn des digitalen Zeitalters. Narrative Konstruktionen werden so zu letztlich fiktiven Gestalten der Kunstgeschichte. Mitverursacht wurde dies vom romantischen Geniekult, der besonders im 19. Jahrhundert verbreitet war und auch wissenschaftlich tradiert wurde. Ursula Prinz' kunstgeschichtlich akribisch erarbeitete, aufwendig illustrierte, opulente und in jeder Hinsicht gewichtige Dissertation leistet einen wichtigen Forschungsbeitrag über den sogenannten „Gregormeister", der als „nahezu mythische Figur" bezeichnet wird, und die Buchkunst jener Zeit, bedarf aber auch einer behutsamen kritischen Reflexion.
Mit großer Souveränität würdigt die Verfasserin die Kunstwerke, die in diesem Band detailliert vorgestellt werden, und referiert präzise die Forschungsgeschichte, um die schließlich plausible These, dass der „Gregormeister" eher erdacht wurde, als dass er tatsächlich gelebt hätte. Sie vermag dies anhand der Werke anschaulich zu zeigen. Damit löst sie sich aus der „spekulativen Zuschreibungslogik" und entwickelt auch ein „differenziertes Bild der Buchproduktion" im ottonischen Zeitalter. „Gregormeister" sei ein „Notname" gewesen, und die „Hilfskonstruktion des Meistermodells" eine Folge des „nachhallenden Geniekultes", der in der Zeit der Aufklärung begonnen hatte. Damit verbunden ist die Frage, ob die Ähnlichkeiten der Handschriften, die dem „Gregormeister" zugeschrieben werden, auf einen „spezifischen Schulcharakter" schließen lassen. Solches weist Prinz vernünftigerweise ab, da so eine Regelhaftigkeit suggeriert werde, die den „Eigencharakter jedes einzelnen Projekts" verkenne.
Besonders die prächtigen Illustrationen laden die Leserschaft gern zum Verweilen ein, gewiss auch ein Publikum damit adressierend, das allgemein kultur- und kunstgeschichtlich interessiert die verlässliche Deutung der mittelalterlichen religiösen Kunst und die sorgfältig erarbeiteten Kontextualisierungen studieren möchte.
Neben gelegentlichen Tippfehlern – das Verb zugrunde liegen etwa wird durchgängig zusammengeschrieben – fällt auf, dass die theologische Fundierung der Darlegungen nicht ganz dem hohen Reflexionsniveau der kunstgeschichtlichen Betrachtungen entspricht. Unerwähnt bleibt etwa, wenn die Autorin das „bischöfliche Ornat" beschreibt, in dem Papst Gregor der Große dargestellt ist, dass er unter der Kasel, dem Messgewand, eine besondere Dalmatik trägt, nämlich die Pontifikaldalmatik, die die Fülle des dreistufigen Weiheamtes anzeigt. Das Pallium verbindet Prinz durchaus zutreffend mit dem „bischöflichen Idealbild", das Gregor entwickelt hat. Für den Leser sicher interessant wäre gewesen zu erfahren, dass das Pallium den Metropolitanbischöfen vorbehalten ist, also den Erzbischöfen, und dass diese es nur in ihrer eigenen Diözese tragen dürfen, der Papst indessen überall auf der Welt. Zugleich erwägt die Verfasserin nicht, warum auf dem hier vorgestellten „Gregorblatt" der „Notarius", also der Schreiber, zu schweben scheint. Wird hier die Grenzüberschreitung, die sein Verhalten bedeutet, vielleicht sichtbar gemacht? Der „neugierige Schreiber" steht nicht und sitzt auch nicht im „Moment des Innehaltens Gregors", als er den stylus, also den Griffel, nutzt, um „ein Loch in den Vorhang zu stechen und mit eigenem Auge den sakralen Moment der Inspiration zu erspähen". Die Szene hat die Autorin bereits in der Einleitung gedeutet, doch wird der Schreiber „Zeuge des transzendenten Geschehens"? Die Transzendenz selbst kann in diesem Sinne nicht „irdisch" werden, und die „göttliche Inspiration", also durch den Heiligen Geist, bleibt unsichtbar. Die Autorin schreibt ein wenig blumig: „Der Kirchenvater thront vor seinem Pult, versunken in heiligem Innehalten, während die weiße Taube ihm die himmlische Weisheit einflüstert." Dass die „weiße Taube" den Heiligen Geist symbolisiert, hätte erwähnt werden sollen. Die unbestimmte Wendung „himmlische Weisheit" ist zudem ein theologisch untauglicher Begriff für die spirituelle Erfahrung der Führung durch den Heiligen Geist, die dem Kirchenlehrer geschenkt wird. Ähnlich offen bleibt auch, aber damit biblisch korrekt, dass im Codex Egberti nicht gezeigt wird, was Christus schreibt, als er den Pharisäern antwortet, wie sie mit der Ehebrecherin verfahren sollen: „Was Christus auf die Erde schreibt, wird nicht aufgeklärt." Das stimmt, in der Bibel ist es nicht anders. Hätte der Künstler Worte abgebildet, sie wären nicht Aufklärung, sondern nichts als subjektive Interpretation oder Spekulation, und darauf wurde verzichtet, gewiss auch, weil es nicht seine Aufgabe war, hier eine Deutung anzustellen.
Ursula Prinz legt eine herausragende Studie vor und weist überzeugend nach, wie Detailvergleiche zeigen, dass der „individuelle Stil" von den namenlos bleibenden Künstlern, die quasi summarisch als „Gregormeister" bezeichnet wurden, zwar gelegentlich, doch nur sehr selten sichtbar wird. Es gebe in den „zugrundeliegenden Handschriften" sehr wenige „intuitiv gemalte" Momente: „Malerische Elemente wie Gewandfalten oder Inkarnatanlagen folgen einem klaren Muster, und Motive, wie der runde Faltenwirbel am Bauch, sind vorlagenbedingt und kein definitives Indiz für Einzelzuschreibungen. Ein hohes Maß an Stilisierung zeigt sich besonders stark in der Ornamentik, was zum modernen Fehlschluss von einem Individualstil führte. Am wahrscheinlichsten ist es, von einer Künstlergruppe auszugehen, die eng zusammengearbeitet hat und die gleichen Vorlagen nutzte." Diese monumentale Dissertation dürfte künftig als ein Standardwerk der Kunstgeschichte angesehen werden.
Alle Rezensionen von Thorsten Paprotny