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Obamas Amerika. Impressionen aus dem Weißen Haus

Regional marktgängig wie juvenil fröhlich wirkt der deutsche Titel dieses Buches, dem ein beherzter, naiver Charme eigen sein könnte. Der Leser sieht Barack Obamas souveränes, auch verschmitztes Lächeln förmlich vor sich. Wie sollte eine junge Stenographin wie Beck Dorey-Stein dem US-Präsidenten gegenübertreten? Begegnet sie ihm überhaupt? Und wenn ja, dann – bewundernd, ehrfürchtig, dankbar? Die Originalausgabe reduziert die Autorin weder auf den Kose- und Rufnamen Beck, denn das Buch heißt "From the Corner of the Oval", verfasst von Rebecca Dorey-Stein. Das ist weitaus realistischer und treffender, als die anscheinend an "Old Europe" angepasste, publikumsorientierte Übersetzung. Die Autorin, die den Job einer Stenographin im Weißen Haus einige Jahre lang in der Amtszeit von US-Präsident Obama ausgeübt hat, schenkt atmosphärische Beobachtungen und Einblicke vom Leben im Weißen Haus und auch von Reisen mit der "Air Force One".

Dorey-Stein schreibt mit Hingabe, aber nicht aufdringlich. Sie beobachtet, schildert auch Emotionen und anekdotische Erlebnisse. Zuweilen wirkt der Report der Stenographin wie eine Art persönlich getöntes Tagebuch, ein summarisches Porträt ihrer Zeit und ihrer Aufgaben. Staunend entdeckt Rebecca, genannt "Beck", Dorey-Stein den Kosmos "Weißes Haus". Dieses Buch aber ist weder eine politische Analyse noch ein Sensationsroman. Geheimnisse werden nicht verraten – wie erfrischend – und, noch schöner, die auftretenden Personen werden wahrgenommen, eher liebevoll und mit Sympathie geschildert. Sie werden auch nicht mit gehässigen, launigen Kommentaren etikettiert. Beck Dorey-Stein schreibt somit erfrischend, durchaus ungeschmeidig, aber sie verfügt über Stil und, wenn nötig, Dezenz und Zurückhaltung. Sonst hätte sie nicht so viele Jahre in der Nähe des Präsidenten arbeiten können. An den Posten als Stenographin gerät sie eher zufällig, über ein anonymisiertes Bewerbungsverfahren.

Der Arbeitsort 1600 Pennsylvania Avenue in Washington D. C. ist außergewöhnlich. Die Autorin teilt sich mit, manchmal etwas ausschweifend, unbeschwert, humorvoll, fröhlich, aber sicher nicht tantenhaft oder altväterlich – und so fragt der Leser, ob in der amerikanischen Originalfassung wirklich so ausnehmend biedere deutsche Begriffe wie "Techtelmechtel" verwendet werden. Was wird im Weißen Haus von den Angestellten erwartet? Liebesbeziehungen am Arbeitsplatz gelte es zu vermeiden. Dienstliche Angelegenheiten und Privates seien strikt wie geräuschlos zu trennen. Mit einem gewissen Gespür für Ironie enthält die "Leitlinie für aufstrebende Stenographinnen" auch den unverzichtbaren Hinweis: "Das Semikolon stets sparsam verwenden; die Konvention nie in Frage stellen." Die "weibliche Ausstrahlung" sei wichtig, mit einer Bedingung: "aber bitte strikt asexuell".

In der Nähe des Weißen Hauses befinden sich "seelenlose Kneipen", in denen die nach Arbeit suchende Rebecca zunehmend feststellen muss: "Langsam, aber sicher wird mir klar, dass ich generell nicht besonders gut in diese Stadt passe, in der alle ständig so tun, als beherrschten sie etwas, das andere nicht können." Diskretion, Neugierde und Politik bilden eine eigentümliche Symbiose, ein wenig erinnert dies auch an die Atmosphäre an Hochschulen, zumindest vordergründig: Was als ausnehmend bedeutsam oder innovativ vorgestellt wird – etwa in den Geisteswissenschaften –, könnte auch eine gut getarnte Form des vielfarbigen Nichts sein, eine neue Philosophie vielleicht. Die Jobsuche endet im Glückstaumel. Das Weiße Haus gewinnt eine neue Stenographin, und diese entdeckt das "fensterlose Labyrinth des West Wing". Beck Dorey-Stein begegnet also dem Präsidenten, genannt "Potus", das bedeutet: "President Of The United States", zuweilen in Gesellschaft von "Flotus" – "First Lady Of The United States". Der erste Besuch im Oval Office steht bevor: "Meine Händen fangen unkontrolliert an zu zittern. Nur gut einen Meter von mir entfernt sitzt Präsident Obama und nickt mir mit einem schmallippigen Lächeln kurz zu, ehe er sich an die Journalisten wendet. … Das Oval Office ist viel kleiner, als ich dachte, einladender, wohnlicher. Die beiden langen Sofas sehen gemütlich aus, und auf dem Couchtisch steht eine Schale mit perfekten Äpfeln, die darum betteln, verspeist zu werden. Hinter dem Resolute Desk, dem Präsidentenschreibtisch, stehen auf einem Beistelltisch vor dem Fenster gerahmte Fotografien von den Obamas."

Später begegnet Beck Dorey-Stein dem Präsidenten, stets in Begleitung von Bodyguards, überraschend, beim Lauftraining im Fitnessbereich des Weißen Hauses. Immer wieder – und das ist in dem Buch durchgängig spürbar – ist die Person Obama verborgen oder tatsächlich präsent. Die Autorin schildert durchaus angemessen distanziert, aber mit sichtbarer Sympathie den gewinnenden Charme, auch die positive Ausstrahlung von Barack Obama, der mit einer leisen, konzentrierten Souveränität das Amt ausübt. Auch Joe Biden wird beiläufig porträtiert, auch wohlwollend, mit Abstrichen, denn der "Vizepräsident amüsiert sich über seinen eigenen Scherz". Obama erzählt launig, wie er seine Frau Michelle kennenlernte: "Potus fährt fort, erzählt uns, er hätte sie mehrfach gebeten, mit ihm auszugehen, ehe es ihm endlich gelang. Nachdem Michelle versucht hatte, ihn an ihre Freundinnen weiterzureichen, brachte er sie schließlich endlich dazu, wenigstens mit ihm Eis essen zu gehen." Die Geschichte von Barack und Michelle entwickelte sich bekanntlich.

Der Präsident wirkt überzeugend, gewinnend allein durch die Kraft seiner Persönlichkeit, auch auf strapaziösen Auslandsreisen – durch das "berühmte breite Lächeln", aber er kennt auch ein "freches Grinsen". Die Autorin schildert eine Szene aus Indien: "Während eines Arbeitsessens hatte Potus bei gedünsteten Lotusstängeln und Feigen sogar versucht, Hindi zu sprechen – wie immer der Charmeur der Massen. Ja, richtig, die Inder sind zufrieden, doch das liegt ausschließlich am Präsidenten. Er weiß das, doch er bezieht uns trotzdem mit ein. Demut ist das Privileg der wahrhaft Großen." Zunächst verborgen, dann deutlicher treten die Konturen des US-Präsidentschaftswahlkampfs in den Vordergrund, den Donald Trump für sich entscheiden wird. Im Sommer vor der Wahl sagt Michelle Obama: "Das Amt des Präsidenten macht einen nicht zu einem anderen Menschen – es enthüllt, wer man ist." Allein dieser kluge Satz könnte einen Anlass dazu bieten, das auch hierzulande verbreitete amtliche Selbstverständlichkeit neu zu bedenken, mit Blick auf Amtspersonen jeglicher Art: Wer Amt und Person trennt, hat das Wesentliche nicht verstanden. Charakter und Integrität eines Menschen treten deutlicher hervor – oder die Mängel und Schwächen, die ohnehin bestehen, werden unübersehbar.

Beck Dorey-Stein erzählt in ihrem Buch, das freundliche Aufmerksamkeit verdient, leicht, unterhaltsam und auch spannend zu lesen ist, auch von Liebesbeziehungen und Enttäuschungen – das alles gehört zu ihrer eigenen Geschichte. Vor allem aber gibt sie auch einen unverstellten Einblick in die Politik und porträtiert den US-Präsidenten Barack Obama, den sie persönlich sehr verehrt, aber nicht verklärt: "Seine Geduld, seine Leidenschaft, seine Nachdenklichkeit und seine Offenheit sind meine Lehrmeister gewesen. Er lehrte mich, dass man sich nicht dem Stress über den Kopf wachsen lassen darf, um sich nicht zu überarbeiten. Er lehrte mich, die Verantwortung für meine Fehler zu übernehmen, zuzuhören, kampflustig zu bleiben, an die Hoffnung zu glauben und für den Optimismus zu kämpfen." Von Obamas Amerika berichtet Beck Dorey-Stein voller Leidenschaft und Empathie.


von Thorsten Paprotny - 13. Februar 2019
Good Morning, Mr. President!
Beck Dorey-Stein
Sabine Längsfeld (Übersetzung)

Good Morning, Mr. President!


Meine Jahre mit Obama im Weißen Haus
Rowohlt 2018
480 Seiten, broschiert
EAN 978-3499633522

USA



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