Berlin, Mauerstadt, ick liebe dir
Er hat es wieder getan. Der Sänger der deutschen Band Element of Crime, Sven Regener, legt einen weiteren Roman im Proust-Format vor. 480 Seiten Berlin in den 80er-Jahren vor dem Mauerfall. Das steht nicht nur im Mittelpunkt dieses neuen Romans, sondern prägt auch das Lebensgefühl einer ganzen Generation, die inzwischen in die Jahre gekommen ist. Wie schön ist es, einen Blick zurück zu werfen, in die Jugend, als das Leben noch voller Überraschungen war!
Glitterschnitter: Bohrmaschine, ein Schlagzeug und ein Synthie
Natürlich kennen inzwischen alle den Herrn Lehmann, der ja auch als Film und Comic schon ein ordentliches Airplay bekommen hat. Aber im vorliegenden Roman ist diese Prenzlauer Celebrity eigentlich nur eine Randfigur, die morgens das Cafè Einfall von Erwin putzt und sich Gedanken über Milchkaffee macht. "Glitterschnitter" ist nämlich die Geschichte der gleichnamigen Band und nicht die von Lehmann: ein "wilder Roman über Liebe, Freundschaft, Verrat, Kunst und Wahn in einer seltsamen Stadt in einer seltsamen Zeit", wie der Buchrückentext verspricht. Charlie, Ferdi und Raimund sind eine Bohrmaschine, ein Schlagzeug und ein Synthie, die unbedingt auf der Musikmesse Wall City Noise spielen wollen. Wiemer will, dass H. R. ein Bild malt, während Glitterschnitter ihre Musik machen, doch der Künstler will lieber eine Ikea-Musterwohnung in seinem 20m2 Berliner Zimmer aufbauen. Für weitere Verwirrung sorgen dann noch die Leute von der ArschArt-Galerie, die zugerasten Österreicher, die wiederum ganz eigene Pläne haben: ein Wiener Kaffeehaus auf der Berliner Wiener Straße. Ja, und dann gibt es da eben noch Chrissie, die Nichte vom Chef und Frank, die in der Trinkerstube Café Einfall Milchkaffee und selbstgebackenen Kuchen anbieten wollen.
Berlin, Mauerstadt, Hauptstadt
Glitterschnitter wird in einer lakonischen Sprache erzählt, die oft ein paar bayrische oder österreichische Einsprenksel hat. Der Humor ist manchmal tiefgründiger als man vermuten würde und die Punchlines ziehen sich oft über manche Seiten hinweg. Kein anderer hat das Idiom eines Milieus wohl treffender beschrieben als Sven Regener, der sich damit auch zum Chronisten des untergegangenen Westberlins machte. Denn die historisch einzigartige Situation, dass eine Stadt von einem "antikommunistischen Schutzwall", der Mauer, umgeben ist, und sich darin ein eigenes Biotop aus Wehrdienstverweigerern, Arbeitslosen und Künstlern entwickelte, ist weltweit sicherlich einzigartig. In einer (der heutigen) Welt, in der alles zur Einheitskultur verkommt und Vielfalt immer weniger zu finden ist, ist es sicherlich ein dankenswertes Verdienst, das Regener da wieder einmal geleistet hat. Seine literarischen Einfälle sind von einem Humor gekennzeichnet, der das Lebensgefühl der Achtziger treffend einfängt und einem Mut zur eigenen Nostalgie einflößt. In den fünf Kapiteln seines Romans beschreibt er den Weg zum Kulminationspunkt, einem Konzert von Glitterschnitter, und all den Hürden und Würden, die damit verbunden sind. Heute ist Berlin Hauptstadt und man wird das, was Regener beschreibt, nur mehr finden, wenn man mit jenen spricht, die damals dabei waren: Berlin, Mauerstadt, ick liebe dir.
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