Ute Cohen: Glamour

Glamourös leben

Das Adjektiv „glamourös“ verfügt auf gewisse Weise über eine Staubschicht oder über Patina. Möchten heute noch Frauen und vielleicht auch Männer sich glamourös zeigen? Denken wir nicht sofort an Luxus, an fragwürdige Spektakel oder an Fehlformen der Selbstinszenierung? Der missverständliche Begriff Glamour ist grundlos in Verruf geraten. Ute Cohen lehrt zu unterscheiden und plädiert mitnichten für eine neue Affektiertheit des Benehmens, sondern sie verweist auf Schönheit, die aus der Konformität des Zeitgeistes hervorbricht und ebendieser entgegensteht.

Der Begriff Glamour verbindet sich mit einem Repertoire an Vorstellungen früherer Zeiten, mit einer Operndiva vielleicht oder mit exaltiert sich darstellenden Schauspielern, die sehr viel eher einer Welt von gestern zu entstammen scheinen. Indessen, huldigt jemand, der Grace Kelly heute noch bewundert und als zeitlose Schönheit versteht, einer Form von Glamour? Wir können an Anmut, Grazie, Eleganz, Humor und Intellekt, weniger an eine perfekt geschminkte Visage denken. So scheint also der Begriff Glamour, wenn nicht eine negative, so doch eine durchaus problematische Konnotation zu haben. Eine „gewisse Lässigkeit“ etwa, stellt die Autorin fest, schließt zugleich jede „affektierte Geste“ oder gar „moralische Haltung“ aus. Gerade in der haltungsbewussten Gegenwart, in der öffentliche Tugendbekenntnisse mit Politik verwechselt werden, scheint Glamour schon störend zu sein. Cohen schreibt: „Glamour ist elegant und wild, entfaltet sich erst im Widerstreit.“ Wild, so möchte man meinen, darf heute nichts und niemand mehr sein. Glamour steht also außerhalb von Konvention und Schablonendenken. Es sei ein „phantastisches Spiel für Erwachsene“. Erstaunlicherweise bringt die Autorin dies mit der katholischen Kirche in Verbindung, erinnert sich an den Weihrauchduft, der berauschend sei, an das „Blau der Heiligenbildchen“, von dem sie hingerissen gewesen sei. Für Ute Cohen gibt es solche magischen Momente, in denen sich ein „schimmerndes Zwischenreich“ auftut.

Glamour verbindet die Autorin auch noch mit der Welt des Theaters. Doch die Bühnen seien zu „moralischen Erziehungsanstalten“ verkommen, „in denen herrschenden Vorstellungen von Geschlechter- und Sprachgerechtigkeit Genüge getan werden muss“. Es fehle jede „Experimentierfreude“: „Das Groteske und Ungeheuerliche menschlicher Leidenschaft versickert im Schlamm der Angepasstheit. Der Reinheitsfimmel auf der Bühne macht sich auch Backstage bemerkbar. Der Anspruch an gewaltfreies Sprechen wird immer höher geschraubt. Empfindsamkeit, deformiert zu Überempfindlichkeit, sticht Vernunft.“ Es gebe einen „Opferkult“ und eine seit Jahren zelebrierte „Viktimisierung“.

„Höflichkeit zeugt nicht nur von Weltläufigkeit, sondern auch von Großmut. Der Höfliche verzichtet darauf, sein Gegenüber bloßzustellen, und ist bereit, den anderen im hellen Lichte erscheinen zu lassen.“

Bestehen heute noch Räume für Glamour? Glamour sei ein „flirrendes Etwas“, das den Verstand und die Imagination durcheinanderwirbele: „Glamour ist keine Kategorie, die sich im freien Spiel entfaltet, Glamour bricht mit den Spielregeln und verführt. Glamour ist eine Epiphanie, auf die aber keine Konversion folgt. Glamour kennt kein Muss und intendiert keine Bekehrung. Glamour ergreift und entgeistert.“ Im „Gruselkabinett der Tugendtotalitaristen“ ist kein Platz dafür. Jene Zeitgenossen, die sich als die absolut guten, perfekten Moralisten präsentieren, pflegen den „Tugendfuror“: „Schäumende Wut ersetzt den Verstand; Recht und Gesetze werden einem rein individuellen Gerechtigkeitsempfinden unterworfen. Der Trick der Tugendterroristen besteht dabei darin, eigene Bedürfnisse als hehr erscheinen zu lassen.“ Einen hypermoralischen Apostel der Windenergie, so möchte man meinen, können wir uns sehr wohl als exponierten Tugendbold, nicht aber als glamourös vorstellen.

Ute Cohen erinnert an den „süßen Zauber des Glamours“ und wirbt für Höflichkeit, ja sogar für „kokettes Schmeicheln“: „Höflichkeit zeugt nicht nur von Weltläufigkeit, sondern auch von Großmut. Der Höfliche verzichtet darauf, sein Gegenüber bloßzustellen, und ist bereit, den anderen im hellen Lichte erscheinen zu lassen.“ Ja, wie schön wäre es, wenn es mehr höfliche Menschen gäbe. Heute würden diese Gepflogenheiten – und wie angenehm und wohltuend sind sie im Umgang miteinander – durch „moralisierende Begriffe“ ersetzt, etwa „Achtsamkeit“: „Die Moral läuft der Form nicht nur den Rang ab, sondern bringt sie zum Verschwinden.“ 

Glamour sei heute „Rebellion“, eine Lebenspraxis, die gegen Vereinnahmung und Lethargie steht, dem bleiernen Zeitgeist entgegengesetzt. Ute Cohen hat ein anregendes Buch verfasst, dem viele Leser zu wünschen sind, die sich nicht nach einem konsequenten Amoralismus sehnen, sondern von einer Welt träumen, in der Glamour möglich und wirklich ist – und in der zugleich der Mensch spielerisch und ungeniert sich seines endlichen Lebens endlich wieder erfreuen kann.

Glamour
Glamour
Über das Wagnis, sich kunstvoll zu inszenieren
186 Seiten, gebunden
zu Klampen 2025
EAN 978-3987370311

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