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Marco Gallina: Giovannino Guareschi Der katholische Realist

02. August 2026
von Thorsten Paprotny

Kinderaugen leuchteten freudig, wenn Filme der fünfteiligen Reihe „Don Camillo und Peppone“ über Kinoleinwände und später die Fernsehmattscheibe flimmerten. Auch Erwachsene schmunzelten verschmitzt über die herzhaften, humorvollen und auch schlagkräftigen Auseinandersetzungen, die sich der beherzt konservative, eigensinnige und tiefgläubige Dorfpfarrer Don Camillo und sein Widerpart, der kommunistische, aber durchaus gutherzige Bürgermeister Peppone, lieferten. Die beiden gingen ihre Wege, gegen- und miteinander. Don Camillo tat dies unter den Augen des gekreuzigten Herrn Jesus Christus in der Kirche, mit dem er stets Zwiesprache suchte, manchmal etwas widerwillig, ja widerstrebend, aber der einfach gläubige Priester wusste, dass weder er noch die Bürgermeister dieser Welt, und dies zwar von allen Parteien, einmal das letzte Wort über alle und über alles haben werden. Dem Lebensgang des Schriftstellers Giovannino Guareschi, der die unvergesslichen Geschichten aus Italien erzählt hat, geht Marco Gallina in seinem neuen Buch nach.

Don Camillos Welt liegt in der Emilia Romagna, inmitten des „ländlichen Schweigens“, in dem ein ganz normaler, zugleich aber durchaus unkonventioneller Monarchist, der das Grauen des Zweiten Weltkrieges hautnah erleben musste, Don Camillo und Peppone ein Zuhause schenkt, nicht in der Toskana, sondern unter der bisweilen gleißenden Sonne Italiens.

Am Ende seines Lebens wurde der Journalist und Erzähler Guareschi auch mit dem Banner des Königreichs Italien beigesetzt, er habe den Christdemokraten die Heuchelei nicht verziehen, so Gallina, vor allem aber habe er an Gott geglaubt und lebte in der Hoffnung, dass Gott auch mit ihm gewesen sei. Akteuren aller politischen Parteien, von den Faschisten über die Kommunisten bis zu den Nachkriegsdemokraten, misstraute er, später auch dem Reformeifer des Zweiten Vatikanischen Konzils, besonders in der Liturgie. Die „Anpassung an den Zeitgeist“ widerstrebte ihm, wie vielen anderen auch, die schlicht nicht verstanden, warum etwa an die Stelle des Lateins eine neue babylonische Sprachverwirrung treten musste, ebenso wenig, auf heutige Zeit gewendet, warum Laien wie Kleriker sein wollten, als ob der irdische Stand vor den Augen Gottes einen Unterschied machen würde. Die eigene Berufung verfehlen kann jeder, ebenso wie jeder ein Sünder bleibt, ob er an die Wirklichkeit der Sünde glaubt oder nicht, das steht dahin.

Guareschi hielt der Kirche aller Zeiten und aller Orte die Treue. Gallina charakterisiert ihn wie folgt: „Guareschis Blick auf die Gegenwart bleibt ironisch, menschlich. Seine Werte machen ihn jedoch zum Anarchisten: als Monarchist in der Republik, als Antikommunist im kommunistisch dominierten Kulturbetrieb, als katholischer Kritiker in einem christdemokratisch regierten Italien. Er verpflichtete sich keiner Ideologie seiner Zeit.“ Er war ein Unzeitgemäßer, nicht aus Spielfreude, sondern aus einem einfachen Glauben heraus. Wenn Don Camillo dem gekreuzigten Herrn vorträgt, wie die öffentliche Meinung über dieses und jenes denke, denn diese habe doch ein gewisses Gewicht, so vernimmt er die Antwort: „Ich weiß: Es war die öffentliche Meinung, die mich ans Kreuz genagelt hat.“ Der Priester weiß fortan, was er zu tun hat, und stellt alle Bedenken beiseite. Nachfolge heißt Nachfolge, und in diese Wahrheit wächst er sein ganzes Leben hindurch immer tiefer hinein.

Giovannino Guareschi arbeitet, er tut dies aus Not, schlicht um des Geldes wegen, aber er arbeitet gern. Schreiben ist Arbeit, Berufung, manchmal wohl auch etwas wie Schicksal. Der Journalist muss sich mit den Phänomenen der Zeit auseinandersetzen, der Schriftsteller richtet später mit Don Camillo auch den Blick auf die Ewigkeit, ohne Pathos, sondern mit Humor. Die moralische Klarheit gewinnt Guareschi nicht nur durch die Treue zur Kirche, sondern auch mit den Erfahrungen, die er im Lauf seines Lebens sammelt, darunter in Hitlers Krieg. In Deutschland interniert, im Januar 1945, notiert Giovannino Guareschi in seinem Tagebuch – und diese wahrhaft berührende Passage sei in voller Länge zitiert, aus dem italienischsprachigen, leider nicht in deutscher Übersetzung vorliegenden Tagebuch, von Gallina übertragen: „In der Krankenstation ist Hauptmann P. an Hunger gestorben. Achtzehn Monate zuvor, wenige Tage vor seiner Gefangennahme durch die Deutschen in Frankreich, hat er drei Tafeln Schokolade gekauft, um sie seinen Kindern mitzubringen.Diese drei Tafeln folgten ihm auf dem Weg der Deportation und des Hungers, und er bewahrte sie stets sorgsam auf zwischen den armseligen Lumpen seines Sacks. Von Zeit zu Zeit holte er sie hervor, betrachtete sie lächelnd und dachte an seine Kinder. Er ist in der Krankenstation an Hunger gestorben, die drei unversehrten Schokoladetafeln fest in seinen Händen.“

Guareschi wusste, dass die Gottlosigkeit viele Gesichter hat, manchmal begegnet sie ihm in Gestalt eines Nationalsozialisten, manchmal als Kommunist, und manchmal versteckt sie sich auch hinter frömmlerischem Getue oder den Masken modernistischer Kulturchristen. Gallina bezeichnet ihn treffend als „politischen Realisten“, und das verbindet ihn mit Don Camillo: „Don Camillo ist indes nicht zwingend gut, weil er ein Priester ist. Seine Bedürfnisse und sein Temperament, die persönlichen Fehler sind eine durchaus große Hürde. Er ringt mit sich selbst. Aber dass er zuletzt vor Christus niederkniet, rettet ihn.“ Mit Menschen, etwa mit dem Bürgermeister Peppone, müsse verhandelt werden, gegenüber der Doktrin des Kommunismus aber dürfe es kein Verständnis geben. Die „richtige Entscheidung“ ist auch für Guareschi allein die Entscheidung des kirchlich gebildeten Gewissens, und daran weiß sich der Familienvater, der von 1908 bis 1968 lebte, gebunden. Er hätte auch anders gekonnt, aber er wollte nicht anders leben. Guareschi blieb dem Glauben der Kirche treu, ob gelegen oder ungelegen. Marco Gallinas ausgesprochen lesenswerte Biographie erzählt vom katholischen Abenteuer seines Lebens.

Alle Rezensionen von Thorsten Paprotny

Buchcover von Giovannino Guareschi
Marco Gallina
Giovannino Guareschi
Don Camillos rebellischer Vater
208 Seiten, gebunden
ISBN 978-3-98791348-8
Westend 2026