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Siri Hustvedt: Ghost Stories Ein Buch der Trauer und Resilienz

12. April 2026
von Juergen Weber

„Ein Nazisieg war unsagbar. Er konnte nur gedacht werden: Was, wenn wir nicht obsiegen?", lautete die Frage von Siris Mutter während des norwegischen Widerstands gegen Hitler. In seinem letzten Brief, im April 2024, an seinen Enkelsohn Miles schrieb Paul Auster, dass er ihm noch gerne ein Buch mit mehr Briefen geschrieben hätte. Aber er wusste bereits, dass ihm keine Zeit mehr dafür blieb. Und ebensowenig Zeit der amerikanischen Republik. „Was, wenn wir nicht obsiegen?" ist auch die aktuelle Frage angesichts eines entfesselten #47, wie Paul ihn genannt hätte. Ein Vermächtnis.

Die Wahlen im November 2024 brachten einen Mann an die Macht, den Siri Hustvedt, die aus Norwegen stammende Schriftstellerin und Witwe, als „nihilistischen Drang" bezeichnet. Sie lässt ihre Ghost Stories mit dem oben zitierten letzten Brief und einem Gedicht ausklingen und erfüllt somit das Vermächtnis ihres Ehemannes. Neben seinen Briefen an Miles findet sich aber natürlich auch ein Text von ihr selbst, in dem sie sich Gedanken über ihren Verlust macht und ganz einfach trauert. So erfahren die Leser allerhand Privates über das Paar, das 43 Jahre zusammen war. Paul schrieb seine Bücher von Hand und tippte sie alle in seine Olympia-Schreibmaschine, er besaß auch kein Handy und faxte lieber als das Internet zu benutzen. Er wollte in der Bibliothek ihres gemeinsamen Hauses in Brooklyn sterben und nicht im Krankenhaus. Diesen Wunsch konnten ihm seine Frau, ihre gemeinsame Tochter Sophie und ihr Schwiegersohn und Fotograf Spencer Osthandel erfüllen. Sein Sohn David von seiner ersten Ehe und seine Enkelin Ruby allerdings nicht, sie waren ihm in einer wahren Tragödie schon vorangegangen. Trauer ist nicht konstant, schreibt sie, man kann sie tagelang abschotten und dann bläst einen ein Wind um. „Wir fühlen oft, was wir nicht wissen und nicht sagen können." Ihr bereavement führt dann auch zu einer hypnagogen Halluzination, und sie sieht Paul neben sich, als Geist, der noch einmal kommt, sich zu verabschieden. Aber wenn man so lange zusammenlebt, ist dies wenig überraschend und völlig glaubhaft, keine Einbildung, sondern real: ein Moment der Gnade. Sie zieht auch einen Vergleich zu Isolationstanks, die bei vielen Benutzern Halluzinationen auslösen: Nichts verwandelt sich in etwas.

Klebstoff: Wittgenstein und Kaffee

Paul glaubte nicht an das Schicksal. Er glaubte an den Zufall. „Er glaubte, dass Zufälle Leben verändern." Nachdem 18 Verlage seine New York Trilogie abgelehnt hatten, ereilte ihn mit 40 Jahren plötzlich der Ruhm. Aber auch dann blieb er noch standhaft, verkaufte sich nicht für Werbung an Saudi-Arabien oder einen japanischen Rindfleischkonzern, wie Siri erzählt. Er verwehrte sich auch dagegen, dass seine Frau als Anhängsel betrachtet wurde, als „Schal" (ein Insider), indem er offen bekannte, nur durch sie von Jacques Lacan oder M. M. Bachtin gehört zu haben. Dennoch bezeichnete ihn die sexistische Presse oft als Experten auf Gebieten, die er offen seiner Frau zuschrieb.

Ihren Schreibprozess schildert die Schriftstellerin ebenso wie die „Elektrizität ihrer Dialoge", die manche Manuskripte umwarf. Diese Gespräche und Dialoge waren der „Klebstoff" ihrer Beziehung, „Wittgenstein und Kaffee" nannten sie das. „Dies ist das Haus eines langanhaltenden Dialogs über die kleinen Dinge und die großen, eines Dialogs, der nun beendet ist", schreibt sie und kann es dennoch kaum fassen.

Erinnerung und Imagination sind Zwillinge, behauptet sie, oder wie es der dänische Philosoph Søren Kierkegaard in seiner Novelle Wiederholung noch pointierter ausdrückt: „Wiederholung und Erinnerung ist dieselbe Bewegung, nur in entgegengesetzter Richtung, denn das, woran man sich erinnert, ist gewesen, wird rückwärts wiederholt, wogegen man sich bei der eigentlichen Wiederholung nach vorwärts erinnert." Trauer verschärft und dämpft das Bewusstsein zugleich, und die alltäglichen Verrichtungen helfen, den eigenen Schrei zu ersticken. Das „bürokratische Todesgeschäft" hält einen – so absurd es klingt – am Leben, übertüncht die Dissoziation nach einem Schock. „Wie seltsam Zeit ist, was Zeit auch sein mag, aber Erinnerung geschieht immer in der Gegenwart."

Ein Land im Bürgerkrieg

„Paul und ich waren jederzeit empfänglich für das Leben als Komödie." Was Siri am meisten fehlt, ist der Paarhumor, der sie stets komplizenhaft gegen die Unzumutbarkeiten des Lebens verband. Etwa gegen die Politik eines #45. Siri Hustvedt stellt auch einen interessanten Zusammenhang zwischen der Pandemie und der Machtergreifung der Rechten in der Welt her. Auch vor 100 Jahren, in den Zwanzigern, gab es eine Pandemie, die Spanische Grippe, und die Rechten kamen an die Macht. Wiederholt sich auch diese Geschichte? „Das Land kämpfte einen Bürgerkrieg um die Bedeutung des Wir. Wir befinden uns noch immer im Krieg darum, wer wir sind und wie die Geschichte von uns zu erzählen ist." Die bange Frage, was wird aus dem Land werden, lässt sich heute noch nicht beantworten. Aber es wird wohl erst noch viel schlimmer werden müssen, bevor es wieder besser wird.

Siri Hustvedt hat ein sehr persönliches Buch vor dem Hintergrund des Endes der amerikanischen Politik geschrieben und darin auch das Vermächtnis von Paul Auster hineingezogen, der in seinen Briefen an seinen Enkelsohn Miles die Zukunft seines Landes auch in die Hand einer jüngeren Generation legt. Das Private ist politisch, war die Losung der Frauenbewegung der Siebziger, woran auch die Autorin beteiligt war. Sie zeigt in ihrem Buch auch, dass eine gleichberechtigte Partnerschaft möglich ist und der Austausch und Dialog mit dem jeweils anderen das Salz in der Suppe des Lebens sind. Und auch wenn dieser Dialog verstummt, geht diese einzigartige Liebes- und Lebensgemeinschaft alle an. Denn nicht nur die Trauer, auch die Resilienz betreffen uns alle. Ein Buch, das trotz allem Mut macht, nicht aufzugeben.

Alle Rezensionen von Juergen Weber

Buchcover von Ghost Stories
Siri Hustvedt, Uli Aumüller (Übersetzung), Grete Osterwald (Übersetzung)
Ghost Stories
Ein Buch der Erinnerung
400 Seiten, gebunden
ISBN 978-3498007881
Rowohlt 2026