Geschichte

Das Konzentrations- und Vernichtungslagersystem der Nationalsozialisten

Die wohl ausgewiesensten Experten zur Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager, Wolfgang Benz und Barbara Distel (Leiter der KZ-Gedenkstätte Dachau), legen ein längst überfälliges Kompendium vor: In den geplanten sieben Bänden (bis zum Frühjahr 2008 sollen alle Bände vorliegen) werden alle Konzentrations- und Vernichtungslager samt ihrer Außenlager und Außenkommandostellen erfasst und beschrieben. So wird Schritt für Schritt die gesamte Komplexität des NS-Terrorregimes deutlich und seine Totalität fassbar: In kaum einer deutschen Stadt gab es keine Außenstelle eines Konzentrationslagers.

Der erste Band beinhaltet die Organisation des Terrors, d.h. es werden sowohl Organisations- und Verwaltungsstrukturen herausgearbeitet, als auch eingehend die Häftlingssituationen thematisiert. Neben medizinischen Experimenten und Zwangsarbeit wird vor allem auf die Bewachung eingegangen.

In 23 Beiträgen wird das Gesamtspektrum der Konzentrationslagerforschung abgedeckt. Jürgen Zarusky geht in seinem Aufsatz der juristischen Aufarbeitung der KZ-Verbrechen nach. Die Urteile in den jeweiligen Prozessen "fielen angesichts der sich wandelnden gesellschaftlichen und politischen Einflüsse höchst unterschiedlich aus". Trotz großer Mängel in der Aufarbeitung und den damit zusammenhängen Unzulänglichkeiten bei der Ahndung von Verbrechen, "dürfen [...] die enormen Anstrengungen" die von verschiedenen Ebenen unternommen wurden, "nicht in die Vergessenheit rücken."

Der Beitrag von Jürgen Matthäus, neben Christopher R. Browning einer der besten Kenner der Geschichte des Holocausts, ist aktueller denn je: Gerade erst wurde beschlossen, die umfangreichen Bestände des ISD (Internationaler Suchdienst des Deutschen Roten Kreuz) in Arolsen für Historiker zugänglich zu machen. Matthäus moniert zu Recht, dass diese einzigartigen nationalsozialistischen Zeugnisse bisher der Öffentlichkeit aus Datenschutzgründen verschlossen blieben. Ab Herbst 2006 gehört das der Vergangenheit an. Man darf gespannt sein, welche neuen Erkenntnisse sich aus diesen originären Quellen ergeben. Die Forschungen zur Geschichte der Konzentrationslager und Zwangsarbeiter wird durch die Öffnung des ISD-Archivs einen wichtigen Impuls erfahren.

Der dritte Band dieser Reihe behandelt Lager und sämtliche Außenlager von Buchenwald und Sachsenhausen. Das Konzentrationslager Sachsenhausen verfügte über elf Außenlager, davon alleine fünf in Berlin. Die Außenkommandos von Berlin-Lichterfelde, zu denen auch bekannte Stätten wie Neuengamme oder Düsseldorf Stoffeln (aufgrund seiner 13 Eisenbahnbaubrigaden) zählen, komplettieren die Auflistung. Alle Beiträge sind knapp gehalten und konzentrieren sich auf wesentliche Informationen. Durchschnittlich zwei Seiten verwenden die Autoren für ihre Beiträge. Ausnahmen sind Artikel über die größeren Konzentrationslager (Oranienburg etc.).

Das Stammlager Buchenwald, das am 15. Juli 1937 "eröffnet" wurde, hatte 1944/45 bis zu 112'000 Häftlinge, davon rund 38 Prozent "politische Häftlinge". "Erst ab 1944 stieg der Anteil jüdischer Häftlinge wieder deutlich an". Ende Februar 1945 stellten sie mit 36.000 Häftlingen jeden Dritten der insgesamt 112'000 Insassen. Zahlreiche Außenlager, von Abtenroda bis Wuppertal, gehörten dem Lagerkomplex Buchenwald an.

Die vorliegenden Bände (dem Rezensenten lagen Band 1 und 3 vor) verdienen volles Lob. Auf abgesicherter Quellengrundlage und unter Hinzuziehung neuester Forschungsergebnisse werden die Lagerkomplexe verdeutlicht. Wertvoll ist vor allem die detaillierte Beschreibung der zahlreichen Außenlager. So wird deutlich, wie tief Deutschland in den 30er und 40er Jahren auch in den Peripherien vom nationalsozialistischen Terrorsystem durchdrungen war.

Zur Besprechung der Bände 4 und 5

Der Ort des Terrors
Wolfgang Benz
Barbara Distel

Der Ort des Terrors


Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager
Beck 2005
7 Bände à ca. 600 Seiten, gebunden

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