Zwiegespaltenes Volk am Rand Europas
Versuchen Sie mal, jemandem die Schotten zu erklären: ein Volk mit hohem Lebensstandard, doch materiell bescheiden, am Nordrand Europas, aber außerhalb der EU; ausgestattet mit kehligem Dialekt und karierter Kleidung, im Charakter schwankend zwischen stolzem Patriotismus und minderwertigkeitsbeladenen anti-englischen Ressentiments.
In diesem ersten Satz stecken einige Halbwahrheiten, doch manches trifft sicher zu. Um die Schotten exakter zu definieren, können Sie es auch mit einer wissenschaftlicheren Herangehensweise probieren; es gibt da einige Eckdaten.
Politisch besteht seit 1707 die Union mit England und Wales zu Großbritannien (GB), später um den Norden Irlands zum Vereinigten Königreich (UK) erweitert. Das brachte Schottland, nach zahl- und verlustreichen Kriegen im Mittelalter wie in der frühen Neuzeit, gerade als Teil des kolonialen Empire wirtschaftlichen Wohlstand. Aktuell gestaltete sich letzterer vielleicht üppiger, wäre man in der EU verblieben oder würde man dem UK Lebewohl sagen und wieder unabhängig werden.
Ökonomisch hingen die Schotten (und Briten) dem Wirtschaftsliberalismus von Adam Smith an. Gerade den Schotten schwante bald, dass der Markt vieles, jedoch längst nicht alles richten würde – mit dem Ergebnis, dass die beiden mit Abstand stärksten Parteien nördlich des Grenzflusses Tweed, Scottish National und Labour, linksgerichtet sind, während die den bevölkerungsreichen Süden Englands dominierenden konservativen Tories bei den Wahlen zum britischen Parlament oft nicht mal einen einzigen schottischen Wahlkreis zu erobern vermögen.
In religiöser Hinsicht haben sich die jeweils protestantischen Briten und Schotten seit jeher in ihrer Auslegung der Reformation unterschieden: Während in England vom Bischof abwärts eine streng hierarchische institutionelle Kirche herrscht, haben im durchlässigen, von unten nach oben ausgerichteten schottischen Presbyterianismus die Laien recht viel zu sagen.
Freilich haben sich die Kanten im Lauf der Zeit abgeschliffen. Längst gehören Engländer wie Schotten mehrheitlich keiner Kirche mehr an, und spätestens die siegreichen Weltkriege des 20. Jahrhunderts haben die Beziehungen der Schotten zu den Engländern entspannt. Wäre da nur nicht der vermaledeite Brexit: Noch nie seit 1707 schien Schottland einem Austritt aus der Union so nahe! Andererseits gab es bereits vor elf Jahren eine Volksabstimmung, mit knapper Mehrheit für einen Verbleib; trotz des Brexits und gewaltigen Auftriebs für die Sezessionisten verharrt die Stimmung nach wie vor bei fifty-fifty.
Sie ahnen es bereits, mit all diesen Argumentationen kommen wir nicht so recht ans Ziel. Versuchen wir es doch mit dem allgemeingültigsten aller Mikrokosmen, dem Fußball: Sie werden niemals einen Schotten (und auch keine Schottin) finden, der (oder die) b e i d e Glasgower Fußballklubs mögen, Rangers und Celtic, oder auch beide Edinburger Traditionsvereine, Hearts und Hibernian. Die Rivalität lässt sich nicht auf den Gegensatz protestantisch versus katholisch reduzieren, hinter ihr steckt vor allem eine historisch entwickelte, gelebte und – nicht nur, aber auch – von der Religion geprägte Kultur.
Vielleicht steckt die Erklärung Schottlands und der Schotten im Zwiegespaltenen: Die einen finden, man lebt ganz gut in GB und im UK, hat von der gemeinsamen Politik, Wirtschaft und Religion profitiert und zählt nun schon seit Jahrhunderten zu den wohlhabendsten und gebildetsten Völkern Europas. Die anderen sehen das nicht so: Sie wähnen die schottische Eigenart in Sprache (dabei sprechen weniger als ein Prozent Gälisch), Kleidung (die weniger alltäglich als symbolisch und vielmehr Ausdruck eines im 19. Jahrhundert künstlich wiederbelebten Nationalismus ist) und Lebensart (in nur scheinbar authentischer Anlehnung an die Kultur der Highlands, in Wahrheit jedoch Folklore, zumal neun Zehntel der Bevölkerung in der Metropolregion der Lowlands zwischen Glasgow und Edinburg und im Nordseeküstenstreifen mit den Polen Dundee und Aberdeen leben).
Hmmm, reichlich kompliziert und widersprüchlich, das Ganze! Am besten, Sie nehmen dreizehn Euro in die Hand und kaufen sich die Geschichte Schottlands. Ihr Autor, Michael Maurer, emeritierter Kulturhistoriker der Universität Jena, kennt sich nicht nur bestens darin aus, sondern bringt das Wesentliche auf den Punkt - in einfachem Stil und verständlicher Sprache. Am liebsten würde man nach der Lektüre spontan losfahren und alles vor Ort überprüfen, müsste nicht, verdammter Brexit, vorher ein Reisepass beantragt und ein überaus lästiger bürokratischer Behördenparcours bewältigt werden.
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