Geschichte der baltischen Länder Widerborstige Heiden, hartnäckige Sänger
Estland, Lettland und Litauen wurden allesamt erst 1918 souveräne Staaten. Ihre Selbständigkeit büßten sie bereits 1940 wieder ein, als sie Teil der Sowjetunion wurden. Mit deren Zusammenbruch zu Beginn der 1990er Jahre erlangten alle drei ihre Eigenstaatlichkeit zurück. Nicht zuletzt aus dieser gemeinsamen historischen Erfahrung wird das Trio als die baltischen Staaten wahrgenommen. Doch so viel haben sie gar nicht gemeinsam: Die Esten sehen sich als Teil Skandinaviens, auch weil ihre Sprache dem Finnischen nahe verwandt ist. Lettland – vor allem sein westlicher Teil Kurland – stand seit dem späten Mittelalter unter starkem deutschen Einfluss; zudem war Riga eines der bedeutendsten Zentren des Kaufmannsbundes der Hanse. Litauen schließlich war über Jahrhunderte der zweite Teil einer politischen Konföderation mit Polen.
Die Litauer, fand gegen Ende des 11. Jahrhunderts der Chronist Adam von Bremen, seien sehr gute Menschen, von denen viel Lobenswertes gesagt werden könnte – wenn sie nur Christen wären. Das mit dem Christentum war für die baltischen Heiden so eine Sache. Christen waren beispielsweise die Schwertbrüder unter dem Rigaer Bischof Albert. Der hatte es auf ihr Land und die Seelen der Besitzer abgesehen. Wer die Kriegszüge überlebte und in Gefangenschaft geriet, hatte bei Albert die Wahl: einen Kopf kürzer oder Kopf unter Wasser. Die Litauer entschieden sich in der Regel für letzteres: Die Taufe ließ sich später wieder abwaschen.
So blieben die Litauer das letzte heidnische Volk Europas. Im Jahr 1236 konnten die lästigen Schwertritter dann endlich besiegt werden. Doch von Süden drängte bald die Nachfolgeorganisation, der Deutsche Orden. Livland hieß das weltliche Konstrukt unter geistlicher Herrschaft, welches das heutige Lettland und Estland umfasste und in dem eine nur zahlenmäßig überlegene einheimische Bevölkerung von einer fremden, in der Regel dem Adel entstammenden Elite dominiert wurde. Auf dem Land herrschten die Ritter in ihren Burgen, in den überwiegend deutsch besiedelten Städten – von denen Riga und Reval eine große Rolle in der Wirtschaftsorganisation der Hanse spielten – hatten die Bischöfe das Sagen.
Das südlichste baltische Land brach als erstes das Joch des Ordens, als sich der litauische Herrscher Vytautas mit einem anderen christlichen Volk verbündete, den Polen. Als Gegenleistung musste sich Vytautas zu deren Religion bekennen, mit einer Taufe, die sich nicht mehr abwaschen ließ. Die Kompromisstaktik hatte Erfolg: Nach der Schlacht von Tannenberg (polnisch: Grunwald; litauisch: Žalgiris) war der Deutsche Orden nicht mehr das, was er früher einmal war: eine Großmacht im nordöstlichen Europa. Dafür blühte das Doppelkönigreich Polen-Litauen auf.
Bis eine neue Macht aus Skandinavien sich einmischte: Nach dem ein Vierteljahrhundert dauernden Livländischen Krieg gegen Russland stieg Schweden zur neuen Hegemonialmacht an der Ostsee auf. 1582 wurde Livland einverleibt, nur das Herzogtum Kurland blieb unter polnischer Oberhoheit. Im Großen Nordischen Krieg (1700 bis 1721) wurden die Karten neu gemischt: Livland kam zu Russland. Nach der dritten Teilung Polens geriet auch Kurland unter die Herrschaft des Zarenreichs, das bis zum Ersten Weltkrieg und der darauffolgenden Unabhängigkeit Estlands, Lettlands und Litauens die baltische Region dominierte.
Wird den Litauern eher eine bellizistische Neigung nachgesagt, verbindet man den nördlichen Nachbarn (und die Letten tun dies auch selbst) mit seiner Sangesfreude. Ohne die lettischen Volkslieder, die Dainas, hätte das lettische Volk womöglich nie zu sich selbst gefunden. Die Dainas waren wichtig für Sprache, Kultur und Nationalbewusstsein eines Volkes, musste man sich doch gegen übermächtige Schweden, Deutsche, Russen, Polen und Litauer abgrenzen und gegen sie behaupten.
Die lange Tradition, die in der Phase unter dem Sowjetkommunismus nach dem Zweiten Weltkrieg verschüttzugehen drohte, lebte gegen Ende der Periode wieder auf. «Was dann zwischen 1987 und 1991 auf den Straßen Tallinns, Rigas und Vilnius' geschah», erinnert sich der Historiker Detlef Henning, «als zuweilen jeweils ein Drittel [der Einwohnerschaft] der Völker zu machtvollen und friedlichen Demonstrationen zusammenfand, ist, an den Größenordnungen gemessen, in der Geschichte wohl einzigartig.» Die Singende Revolution war ein Meilenstein zur Wiedererlangung der Souveränität Lettlands. Nicht minder trug am 23. August 1989 die 600 Kilometer lange Menschenkette zwischen der nördlichsten und der südlichsten baltischen Hauptstadt, Tallinn und Vilnius, zur Renaissance der drei Staaten in der Region bei. Selbstverständlich wurden auch an diesem Tag Dainas gesungen.
Präzise und in der gebotenen Knappheit immer konzise und doch nie ermüdend führen die Historiker und Nordosteuropaexperten Norbert Angermann und Karsten Brüggemann durch ein Jahrtausend Geschichte am nordöstlichen Rand Europas. Esten, Letten, Litauer werden in der Schweiz oder in Deutschland kaum wahrgenommen, verdienen es aber, dass sich intensiver mit ihrer Geschichte und Kultur befasst wird – nicht erst seit der Bedrohung durch Wladimir Putins Russland. Der vorliegende Band wird, kleiner Ausgleich, dem gerecht. Und weckt hoffentlich Interesse nach mehr!
Alle Rezensionen von Ralf Höller