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Serge Ragotzky: Geoökonomie Politik, Macht und Märkte

02. Mai 2026
von Bernd W. Müller-Hedrich

„Unter Geoökonomie wird die Umsetzung geopolitischer Strategien durch den Einsatz wirtschaftlicher Instrumente zur Erreichung politischer und wirtschaftlicher Ziele verstanden. Sie analysiert, wie Staaten wirtschaftliche Ressourcen, Handel und Finanzinstrumente einsetzen, um Einfluss in internationalen Beziehungen zu gewinnen.“

Ausgehend von diesem Verständnis für eines der zentralen Schlagworte der gegenwärtigen internationalen Politik legt Serge Ragotzky, Professor für BWL und Finanzmanagement an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen, ein Werk vor, das sich primär mit dem Handeln von Staaten im Kontext geopolitischer Realitäten und ökonomischer Machtverhältnisse auseinandersetzt. Die sechs Kapitel des Buches befassen sich vor allem mit folgenden Schwerpunkten:

Kapitel 1 „Einführung“ erläutert die Grundlagen der Geoökonomie und macht deren hohe Relevanz für außen- und wirtschaftspolitische staatliche Entscheidungen deutlich. Diese wiederum haben Auswirkungen auf Unternehmen, weil sie sowohl deren Beschaffungs- als auch Absatzmärkte mit allen damit verbundenen Chancen und Risiken betreffen. Zudem sind geoökonomische Analysen auch für institutionelle und private Investoren wertvoll, weil sie wichtige Hinweise auf mögliche Änderungen bei der Asset Allocation geben können. Als die vier Pfeiler der geoökonomischen Macht gelten die Herrschaft über Schlüsselindustrien und die Kontrolle über Transportwege sowie der Zugang zum Kapitalmarkt und die Soft Power, d. h. die Fähigkeit eines Staates, gewaltlos durch kulturelle und ideologische Mittel Einfluss auf andere Länder auszuüben.

Kapitel 2 „Lehren aus der Geschichte“ geht der Frage nach, was Staaten ausmacht und wie sie entstanden sind. Hierzu werden ausgewählte Meilensteine der westlichen Staatenformation sowie ihrer kolonialen Expansion unter Berücksichtigung politischer und ökonomischer Aspekte nachgezeichnet. Am Ende des Kapitels steht ein aktueller Vergleich westlicher Staaten mit den BRICS-Nationen.

Kapitel 3 „Staatliche Macht und Macht im Staate“ untersucht, wie (insbesondere westliche) moderne Staaten organisiert sind und von welchen Wertvorstellungen sie geprägt sind und welche gesellschaftlichen Gruppen sowie Organisationen die Geschicke der Nationen bestimmen. Dabei geht es vor allem auch um die Fragen, wie die Macht der Staaten legitimiert wurde bzw. wird und welche Rolle Eliten im staatlichen Machtgefüge spielen. Ein besonderer Fokus liegt auf der Herkunft, Prägung und Konsens dieser Eliten, deren Denken und Handeln die geoökonomischen Aktionen einzelner Staaten prägen.

Kapitel 4 „Wichtige geoökonomische Machthebel“ setzt sich mit den zentralen ökonomischen Strategien und Instrumenten, die den Staaten zur Durchsetzung ihrer politischen Ziele zur Verfügung stehen, auseinander. Zuerst wird der Ideenwettstreit zwischen Freihandel und Merkantilismus – anhand der Politik des französischen Finanzministers Jean-Baptiste Colbert sowie der Schriften der Ökonomen Adam Smith, David Ricardo und Friedrich List – referiert sowie die Entwicklung der Handelsabkommen und der Zölle (GATT und WTO), einschließlich der Zollkriege der USA unter Donald Trump, beschrieben. Danach geht es vor allem um die Kontrolle über strategische Industrien und Transportwege sowie über das globale Finanzsystem. Dabei werden auch angrenzende Themen, wie Demographie und Bildung sowie der globale Kampf um Technologien und Talente (als Teil der Soft Power), aber auch die militärischen Fähigkeiten, in die Betrachtungen einbezogen.

Kapitel 5 „Geoökonomische Positionen einflussreicher Staaten und Bündnisse“ thematisiert die internen Strukturen und relativen Machtpositionen ausgewählter Staaten bzw. Staatengruppen, welche in einer multipolaren Welt prädestiniert sind, eine entscheidende geoökonomische Rolle zu spielen. Dabei handelt es sich um die USA, die EU, China, Russland und Indien. Einige weitere Staaten, welche mindestens eine regional hervorgehobene Position einnehmen können, etwa Deutschland, Frankreich, Großbritannien oder Japan, werden zusätzlich betrachtet. Im Wesentlichen geht es dabei um die Frage, wer von diesen Akteuren über die effizienteren Hebel, die strategische Weitsicht und das Durchsetzungsvermögen zur Verteidigung oder Verbesserung ihrer geoökonomischen Position verfügt.

Kapitel 6 „Zusammenfassung und Ausblick“ komprimiert zum einen die Ergebnisse der Analysen in den einzelnen Kapiteln. Der Autor macht dabei u. a. deutlich, dass die unipolare Weltordnung de facto längst einer multipolaren Struktur gewichen ist. Nach seiner Auffassung „zeichnet sich ein amerikanisch-chinesischer Dualismus ab, mit den Vereinigten Staaten als Führungsmacht des Westens und der Volksrepublik Chinas als dominierender Kraft des zunehmend abgekoppelten Gegenpols.“ Zum anderen wird postuliert, dass ein Weltstaat, den manche Angehörige der globalen Elite präferieren würden, zwar auf Dauer kommen mag, aber aktuell noch keineswegs in Sichtweite ist.

Das vorliegende Buch leistet einen wichtigen Beitrag zum Grundverständnis geoökonomischen Handelns in der realen Welt. Es überzeugt durch seine klare methodisch-didaktische Strukturierung und durch die Auswahl gelungener Beispiele sowie durch den gut verständlichen Stil, der das Verständnis auch für komplexe Zusammenhänge ermöglicht. Somit eignet sich das kompakte Werk vor allem für Studierende der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften (in Bachelorstudiengängen) sowie zur Lektüre für Wirtschaftspraktiker, welche geopolitische Aspekte bei ihren globalen Unternehmensentscheidungen berücksichtigen müssen.

Alle Rezensionen von Bernd W. Müller-Hedrich

Buchcover von Geoökonomie
Serge Ragotzky
Geoökonomie
Finanzmärkte und wirtschaftliche Ressourcen als Hebel staatlicher Macht
232 Seiten, broschiert
ISBN 978-3-38114661-1
UVK 2026