Genderzwang Aufklärung über das Phänomen „Gendersprache“
Die Sprachkultur gehört zu den kostbarsten und auch gefährdetesten menschlichen Schöpfungen, als Medium der freundlichen Verständigung, als Zauberland der Lyrik, als hohe Kunst in der Literatur und als feinsinniger Weg zur Beschreibung der Welt. Auch die Grammatik der Gefühle findet Raum und Resonanz in wohlgeordneten Satzgefügen. Nicht nur die „Ritter von der eigenen Meinung“ (Wilhelm Busch) und geschwätzige Bescheidwisser vermögen der Sprache Gewalt anzutun, auch politische Verformungen können sichtbar werden, durch Ideologien und Weltanschauungen jeglicher Art sowie auch durch die grotesken Angriffe auf das generische Maskulinum. Fabian Payr und Dagmar Lorenz sehen sogar durch die scheinbar geschlechtergerechte Sprache die Freiheit des Sprechens bedroht und positionieren sich sprachwissenschaftlich wie politisch gegen den „Genderzwang“.
Wer über Sprache nachdenkt und kritische Reflexionen hierzu anstellt, nimmt sogleich auch Bezug auf das politische Leben in Deutschland und sieht sich als Fernsehzuschauer oder Radiohörer einem Sammelsurium von politischen Korrektheiten ausgesetzt. Viele Journalisten artikulieren sich auch so verstiegen, dass das vermeintlich richtige gesinnungspolitische Bewusstsein hörbar wird und in verschachtelten Sätzen jede mitgeteilte Nachricht überlagert oder koloriert. So wird aus „Guten Abend, meine Damen und Herren“ vielleicht ein „Guten Abend, liebe Zuschauende“. Wer in Deutschland lebt, vermag zwar nicht aus der Zwangsgemeinschaft der Gebührenzahler des öffentlich-rechtlichen Rundfunks auszutreten, ist aber nicht genötigt, die Mitteilungsorgane sich anzuhören, deren Mitarbeiter die deutsche Sprache genderpolitisch und -gerecht transformiert haben. Der sogenannte „ÖRR“ sei der „reichweitenstärkste Verbreiter von Gendersprache“. Das Gendern werde kritiklos übernommen und reiche bis ins Kinderfernsehen, sodann versehen mit moralisierender Attitüde und pädagogischer Belehrung.
Ist vielleicht derjenige Bürger, der nicht gendert, auch ein moralisch bedenklicher Zeitgenosse? In dem Band findet sich ein Hinweis auf eine Anweisung des Hessischen Rundfunks, der 2021 das Gendern zur „zeitgemäßen und inklusiven Sprachform“ erklärt habe: „Die Botschaft: Ein zeitgemäßer, nicht diskriminierender Sprachgebrauch beinhaltet Gendersprache.“ Dadurch entsteht zugleich Druck auf die Mitarbeiter, die mehrheitlich nicht fest angestellt sind. Wer sich den Gepflogenheiten nicht anpasst, also auf „sprachkonformes Verhalten“ verzichtet, könnte rasch das „Wohlwollen der Auftraggeber“ verlieren. Dasselbe gilt für die Evangelische Kirche in Deutschland, die eine geschlechtergerechte Kommunikation anweist und ohnedies, so die Autoren, besonders durch ihre „Offenheit für queere Themen“ bekannt ist. In den katholischen Bistümern besteht noch keine Einheitlichkeit, aber der führende Funktionärsverband, das „Zentralkomitee der deutschen Katholiken“, und das Internetportal katholisch.de verwenden den Genderstern. Nicht also der Glaube oder wenigstens das Ringen um die Gottesfrage, so ließe sich erwägen, eint Christen in Deutschland und die Kirchen, in denen sie beheimatet sind, heute: „Was die beiden großen christlichen Kirchen in Deutschland in ihrem Sprachgebrauch verbindet, ist die Ablehnung des inklusiven Maskulinums.“
Besonders ernst sei die Lage im Bildungswesen. Die Autoren weisen zwar darauf hin, dass etliche Bundesländer zwar den Gebrauch von Gendersonderzeichen untersagt hätten, aber dass sendungsbewusste Lehrkräfte oft sehr engagiert seien, „ihren Schülern die angeblichen Vorzüge der Gendersprache nahezubringen“. Die „Bildungsstätten“ würden „gegendertes Deutsch“ als „Sprachnorm“ vermitteln: „Außerdem wird durch die Vielzahl konkurrierender Genderpraktiken verhindert, dass Kinder einheitliche Rechtschreib- und Grammatikregeln erlernten – und dies in einer Gesellschaft, die zunehmend von Einwanderung geprägt ist.“ Illustrativ und bedenklich zugleich erscheint der Erlebnisbericht einer Referendarin, die an ihrem Studienseminar und von ihren Ausbildern erlebte, dass sie den „Unterstrich“ verwenden solle, also „Schüler_innen“ schreiben müsse, auch auf Arbeitsblättern, die für den Unterricht an einer Grundschule verwendet werden sollten: „Die Lehrerin fühlte sich während des Referendariats unter immer größeren Druck gesetzt. Man habe sie darauf hingewiesen, dass sie durchfallen könne, wenn sie die Gender-Vorgaben nicht beherzige.“ Aus der illustren Welt der Universität, vornehmlich in den Sphären der Geistes- und Sozialwissenschaften, werden auch Beispiele gegeben. Ein Sprachwissenschaftler teilt mit, dass „keine Ausschreibung, kein Projektantrag, keine Drittmitteleinwerbung noch eine Chance hätte, wenn man sich diesen Zumutungen des Zeitgeistes verweigern würde“.
Sprache ist Politik. Die Nutzung oder die Vermeidung von Gendersprache sei, so die Autoren, stets ein „politisch interpretierbares Statement“. Nur wer schweige, könne einer Positionierung entgehen. Wer dieses erhellende, teilweise durch sehr anschauliche Beispiele auch verstörende Buch studiert, wird vielleicht die eigene Sprachsensibilität überdenken und für sich erwägen, ob er sich der Herrschaft dieser Sprache zumindest im privaten Gebrauch auf jede nur denkbare Weise entzieht und weiterhin behutsam, zugewandt und in aller Freiheit aus Liebe zur Sprache die grammatisch korrekte Äußerung der Demutsgeste gegenüber dem politischen Mainstream vorzieht.
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