Zum Inhalt springen
rezensionen.ch

Peter Peter: Gelato Durch Italiens Eisdielen

24. April 2026
von Juergen Weber

„Die italienische Eisdiele ist ein unverzichtbares Element deutschen Soziallebens geworden", schreibt Peter Peter und bedankt sich sogleich mit einem herzlichen „Grazie!" Gelatieri, gelatori und gelatai (Eismeister, Gefrierer und Eisverkäufer) sorgen alljährlich und teilweise ganzjährig für die köstliche Erfrischung. Aber was ist eigentlich der Unterschied?

Der Triumphzug des „gelato" im Abendland

Dass „Icecream" nichts mit gelato zu tun hat, dürfte sich inzwischen rumgesprochen haben. In Italien wird der Unterschied noch mit einem hinzugefügten „artigianale" verstärkt. Denn es ist eine echte Handwerkskunst und Kulturtradition, die Jahrtausende zurückreicht. Das Sammeln von Schnee für Erfrischungen ist eine jahrtausendealte Kulturtechnik, die sich von der Seidenstraße über Persien bis nach Griechenland verbreitete. Kaiser Nero wird als Erfinder der Granita gefeiert, und Sorbetto persisch-arabischen Ursprungs war dem Abendland auch schon bekannt. Bis das Christentum jede Art von Speiseluxus und sogar die Veröffentlichung von Speiserezepten unterband, Eisgetränke ächtete, sodass sie Jahrhunderte von der europäischen Tafel verschwanden, wie Peter Peter in seiner neu erschienenen Gelato-Monographie berichtet.

Aber in der Renaissance begannen findige Gourmets, Salz, Zucker und Milch mit Früchten und Schnee zu vermischen und dem Adel zu kredenzen. Ausgeklügelte Eishäuser und Eisbarone sorgten für die Verbreitung einer kulinarischen Köstlichkeit, die aufgrund mangelnder Kühlschränke mit einigem Aufwand verbunden war. Eiskeller fanden sich in deutschen Schlössern oder in Versailles, ghiacciaie (Eishäuser) versuchten das kostbare Gut so lange wie möglich zu kühlen. Ausgerechnet ein Sizilianer eröffnete im Pariser Quartier Latin das noch heute älteste Lokal der Gastronomiegeschichte, das Procope, in dem das Who's who der damaligen Geistesgeschichte verkehrte. „Eis schmeckt köstlich. Schade, dass es nicht verboten ist", soll der Enzyklopädist Diderot damals geäußert haben. 250 Limonadiers soll es damals allein in Paris gegeben haben. „Pfirsich Melba" und „Birne Helene" gehen auf Auguste Escoffier zurück, und bald verbreitete sich das romanische Kulturgut auch im Norden, in Deutschland.

Von Wien aus durch Italiens Gelaterien

Überliefert ist der Begriff „Eisdiele", der sich auf den Umstand bezieht, dass eilends improvisierte Podeste gezimmert wurden, sodass die kindliche Kundschaft vor den Verkaufsfenstern schon selbst bestellen konnte. Der ambulante Verkauf in Eiswagen sollte damit unterbunden und die Eisverkäufer den Konditoren gleichgestellt werden. Dies führte alsbald zu einer Kombination aus beiden – Eis, Espresso und Kuchen –, und die Gelateria ward geboren!

Nach seiner Tour de Force durch die Geschichte des Eises besucht der Autor einige Stationen der besten Eisgeschäfte in diversen italienischen Städten. Und siehe da! Unter dem Zwischentitel „Durch Italien" findet sich tatsächlich als erste Stadt die ehemalige k. u. k. Donaumetropole Wien, Hauptstadt eines multiethnischen Reiches, wovon auch Norditalien einst ein Teil war. Peter Peter vermutet sogar, dass der ureigenste Wiener Ausdruck Schanigarten nicht auf „Jean" zurückgehe, sondern auf Gianni Taroni, den Mann, der das Eis am Wiener Hof einführte. Heute wird eines der besten Wiener Eisgeschäfte von der Familie Molin-Pradel geführt, die ehemals aus dem Zoldotal nach Wien eingewandert war. Sie betreiben auch die Manifattura del Gelato in der Wiener Seestadt, wo man u. a. erfährt, dass „Stanitzel", das Wiener Wort für Eistüte, auf cartoccio (Kartusche oder Papiertüte) zurückgehe. Weitere Stationen auf seiner Reise „Durch Italien" umfassen das Zoldotal, Bozen, Mailand, Venedig, Florenz, Turin, Bologna, Rom, Neapel, Pizzo Calabro, Reggio di Calabria und schließlich Sizilien, wo das Gelato durch die Melange unterschiedlichster Kulturen (Normannen, Griechen, Araber etc.) einst entstanden war.

Für alle diejenigen, die es einmal selbst ausprobieren wollen, hat Peter Peter auch eine Menge an ausgewählten Rezepten und viele zeitgenössische Bilder sowie Songtexte in seinen Fließtext eingeschmuggelt – so bekommt man jetzt schon Appetit auf den Sommer und ein weiteres gelato. Heute auch mal zwei?

Alle Rezensionen von Juergen Weber

Buchcover von Gelato
Peter Peter
Gelato
Italienische Eiszeiten
160 Seiten, gebunden
ISBN 978-3-80311392-4
Wagenbach 2026