Edith Stein: Geistliche Texte

Edith Stein – Mystik und geistliche Orientierung

Bei seiner zweiten Apostolischen Reise nach Deutschland sprach Papst Johannes Paul II. im Müngersdorfstadion in Köln im Rahmen einer feierlichen Messe Edith Stein, mit dem Ordensnamen Schwester Teresia Benedicta a Cruce, selig und zeugte persönlich die tiefe Verbundenheit mit der einst säkular orientierten Jüdin, die zum Katholizismus konvertiert war, als Karmelitin lebte und im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau am 9. August 1942 ermordet wurde. Die junge Philosophin war geprägt von Edmund Husserls Phänomenologie, ehe sie sich mehr und mehr auf einen mystischen Weg orientierte und, wie der damalige Papst, spirituell auf den Spuren von Johannes vom Kreuz dachte. Mancher Theologiestudent staunte über das geistige Hochgebirge ihrer philosophischen Traktate, doch Wege zur geistlichen Vertiefung bieten die beiden Bände, die Wege zu Gott aufzeigen, einfach gläubigen Christen Orientierung schenken und zur Meditation sowie zum Nachdenken heute anregen.

Notizen aus Exerzitien finden sich in diesen Büchern ebenso wie sehr persönliche, würdigende und wertschätzende Gedanken zu Weggefährten und Wegbegleitern. Die gelehrte Ordensschwester spricht auch zu ganz einfachen Gläubigen und Suchenden, und verfügt über eine oft kleine, verständnisvolle Hörerschaft seinerzeit, eine tief berührte Leserschaft heute und vielleicht zu allen Zeiten, in denen Menschen von der Sehnsucht nach Gott berührt sind. Dabei meidet Edith Stein ebenso pathetische Verklärung wie frömmlerische Stilisierung.

In Verbundenheit schildert sie etwa den Lebensgang der bis heute verehrten Elisabeth von Thüringen, eine Heilige, „deren Erinnerung sich auch außerhalb der Kirche erhalten hat“. Die Verfasserin verzichtet also auf idealisierende Klischees, stellt nüchtern und traurig fest, im Jahr 1931, knapp zwei Jahre vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten, dass das „arme deutsche Volk“ wenig wisse von seiner „wirklichen Geschichte“, von „Heiligkeit“ und vom „geheimen Wirken Gottes“, auf das Edith Stein ganz und gar gläubig vertraut. Elisabeth von Thüringen hielt dem „Wirbelsturm des Hoflebens“ stand, ging zu den Armen, besaß ein „leidenschaftliches Übermaß“ an Liebe und leidet an der „Hartherzigkeit und Selbstsucht der Besitzenden“. Nach dem Tod des Gatten verlässt sie die Wartburg, unter der Grimmigkeit und dem Eigensinn seiner Brüder leidend. Die „Schwester der Armen“ führt ein „fröhliches Leben“. Edith Stein legt dar, in der Sprache ihrer Zeit, aber frei von aller Verklärung: „Es ist keine plötzliche Verwandlung, was sich hier vollzogen hat. Still und stetig ist es gewachsen, was jetzt rasch der Vollendung entgegengeht. Wundersam war der sichtbare Lebensweg dieses Menschenkindes, der in einem ungarischen Königsschloß begann und in einer Lehmhütte in Marburg endete, wundersamer Gottes Walten, das sie geleitete und ihre Seele formte, bis sie der Himmelskrone würdig war. Ein Wagnis ist es, von den Geheimnissen Gottes den Schleier lüften zu wollen. Doch der Finger des Allerhöchsten schreibt das Leben seiner Heiligen, damit wir es lesen und seine Wunderwerke preisen.“ Nichts anderes habe Elisabeth getan, „als daß sie Ernst macht mit dem Glauben“.

Die Berufung einer Ordensfrau, vielleicht auch auf eigene Weise eines Weltchristen, sieht Edith Stein darin, vor dem „Angesicht des lebendigen Gottes“ zu stehen, in Nüchternheit und Dankbarkeit, so den Schmerz auszuhalten, als Passionsgemeinschaft mit Christus zu begreifen, und hierfür wie für alle Freuden dankbar zu sein. Wir müssen uns also den Christen als betenden Menschen vorstellen, der sich getragen, von Gottes Güte geborgen weiß, auch wenn er vieles, was er in den Zeitläuften erfährt, nicht versteht, nicht verstehen kann und nicht verstehen muss. Edith Stein, die kluge Philosophin, schreibt: „Und wenn heute ein Mensch gläubig wird, so geschieht es, genau wie damals, weil der Herr ihm begegnet: sei es im Wort des Evangeliums, sei es im Leben und Wirken derer, die dem Herrn nachfolgen und ihn in sich tragen, sei es in der geheimnisvollen Macht, die uns in die Kirchen hineinzieht und vor dem Tabernakel auf die Knie zwingt. Und wer auf einem dieser Wege den Herrn gefunden hat, der fragt nicht mehr nach den Beweisen.“

In einer wissenschaftsgläubigen Welt erscheint der gläubige Christ oft unverstanden, wie ein Fremder, wie jemand, der die Schlösser, ob Königspaläste, Universitäten oder Wirtschaftsunternehmen, nur als vorübergehende Phänomene ansieht, wie ein Gelehrter, der glaubt und gläubig weiß, dass er mit seinen akademischen Titeln und Ämtern sterben, aber nicht damit auferstehen wird.

Edith Stein denkt über Liebe nach und sieht im „Verschenken seiner selbst“ einen Akt der Freiheit. Wer sich selbst besitze, könne sich verschenken, und verschenken könne sich allein, wer Person sei. Die Liebe sei „unser wesentlichstes Sein“. Als Person vermögen wir zu lieben, auch wenn wir nicht mit der Liebe identisch würden: „Liebe und Sein deckt sich bei uns nicht schlechthin, Gott dagegen ist die Liebe.“ Aber der Mensch ist berufen, auch begabt, dem Gott, an den er glaubt, immer ähnlicher zu werden, der Liebe in sich immer weiteren Raum zu schenken. Die „mystische Wirklichkeit“ hilft dabei, der Dienst am Nächsten, die Feier der heiligen Messe. Die „persönliche Zustimmung“ sei wesentlich, denn „Gott erlöst uns nicht ohne uns“. Der Mensch zeigt seine Teilhabe daran in einem Akt der Freiheit, wenn er sich auf den Weg des Glaubens begibt.

Realistisch und zugleich gottergeben kennzeichnet Edith Stein die Situation der Zeit: „Die Welt steht in Flammen. Der Brand kann auch unser Haus ergreifen. Aber hoch über allen Flammen ragt das Kreuz. Sie können es nicht verzehren. Es ist der Weg von der Erde zum Himmel.“ Die Philosophin, die zur Ordensfrau und Märtyrerin wurde, schrieb kurz nach dem Eintritt in den Kölner Karmel: „Ich bin jetzt an dem Ort, an den ich längst gehörte.“ Vielleicht darf man annehmen, dass Edith Stein dies zu allen Zeiten ihres Lebens war, von Anfang an bis in die Finsternis ihrer Sterbestunde im Konzentrationslager hinein. Ihre geistlichen Schriften laden ein zur Vertiefung und Betrachtung, zum stillen Nachdenken über den Lebensgang von Schwester Teresia Benedicta a Cruce, über den Weg von uns selbst in dieser Welt – und, wer daran zu glauben wagt oder einfach daran glauben möchte, auch darüber hinaus.

Geistliche Texte
Geistliche Texte
263 und 405 Seiten, gebunden
2 Bände (ISBN 978-3451026393, ISBN 978-3451026409)
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