Gebrauchsanweisung für Bier „Wir Mitteleuropäer sind das Bier“
Nach Gebrauchsanweisung fürs Zugfahren legt der tschechische Schriftsteller, Drehbuchautor, Dramatiker und Musiker Jaroslav Rudiš nun einen Ratgeber zum Thema Bier vor: Von Ale bis Pils, Weizen, Stout und alkoholfrei ist alles dabei. Zudem natürlich ein paar Zitate aus seinen vorhergegangenen Romanen und dem Zugfahren, seiner (zweit)liebsten Beschäftigung.
Das beste Bier der Welt
Der Autor reiste für seine Recherchen nach Pilsen, Budweis und Bamberg, ins heilige Bierdreieck Mitteleuropas, aber auch nach Belgien und Irland, Italien und sogar Island. Auf seinen Reisen trifft er passionierte Biertrinker und Biererzähler, Hopfenbauern, Bierbrauer und Biersommeliers und muss natürlich auch allerhand Erzeugnisse des goldenen Saftes „verkosten“. Wer im „Böhmischen Paradies“ geboren und aufgewachsen ist, dem braucht man über Bier erst mal nichts zu erzählen. Als Universität seines Lebens bezeichnet er heute noch ein kleines Lokal, das er als Gymnasiast besuchte. Der Mann hinter der Bar, Lobos, war alles in einem: Arzt, Apotheker, sogar Priester und Engel. „Wir Mitteleuropäer sind das Bier“, lautet sein politisches Bekenntnis, „wir sind Geschichten, die das Bier erzählt und die auch ich in diesem Buch erzählen möchte“. In Pilsen erzählt er uns von der Mlíko, eigentlich das tschechische Wort für Milch, aber in diesem Fall meint er ein Schaumglas voll Bierschaum. Auch das eine böhmische Spezialität! Das Wichtigste aber sind das Wasser, der Saazer Hopfen und das Pilsner Malz, die Hefe, die Kupferpfannen und die Zeit. Vor allem nämlich darf man Bier nicht zu sehr bewegen, schreibt er. 2042 wird das Pilsner dann 200 Jahre alt.
Biergenuss als Bildung
Aber Jaroslav Rudiš wäre kein guter Ratgeber, wenn er gleich beim – meines bescheidenen Erachtens nach – besten aller Biere, dem Pilsner Urquell, verbleiben würde. „Gutes Bier ist zur einen Hälfte Wissenschaft und zur anderen Hälfte Kunst“, weiß man auch in Budweis und dem Rest der Welt. Sogar in Belgien, wo Jaroslav Rudiš fast etwas Mitleid erntet, weil es bei ihm zu Hause ja nur ein Bier gebe: Lager. So verklickert ihm das jedenfalls ein belgischer Bartender. Und überraschenderweise findet Rudiš sogar über das belgische und englische Bier schöne Worte, auch wenn ihm Hašek, von dem das eingangs gewählte Zitat stammt, dies wahrscheinlich niemals verziehen hätte. Die Vorzüge des englischen Bieres sind schnell erklärt: Von Berlin aus braucht man mit dem Zug nur zweimal umzusteigen, so Rudiš. Aber er lobt natürlich die englische Bierkultur, die Pubs, die Live-Musik, keine Frage, schließlich ist der Autor fern von jedem Bier-Chauvinismus. So besucht er etwa auch Island, Deutschland, Österreich und die Schweiz, um sich einen guten Eindruck von den Brauereien und Zügen der Welt zu verschaffen. Drübergestreut werden Anekdoten von anderen Schriftstellern, die dem Biergenuss ebenfalls nicht abgeneigt waren. Darunter findet sich bestimmt auch ein gutes Bier für jeden Geschmack – oder um gerade diesen neu zu entwickeln und zu „bilden“. Nicht nur den Gaumen, sondern auch den Erzähler …
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