Jaroslav Rudiš: Gebrauchsanweisung für Bier

Auf ein Glas mit Jaroslav Rudiš. Oder zwei. Oder auch drei.

Es gibt wenige Orte in Europa, in denen Jaroslav Rudiš noch kein Bier getrunken hat. Vielleicht Mönchsambach? Doch dazu später. Rudiš lebt in Berlin und schreibt auf Deutsch, obwohl er Tscheche ist. Das schaffen nicht viele. Als Tscheche hat Rudiš ganz gewiss einen Riesenvorteil gegenüber anderen, die Bier trinken und darüber schreiben. Tschechien hat unglaublich viele Biere, und davon viele unglaublich gute.

Rudiš stammt aus Turnov, einer Stadt am Eingang des Český ráj. Das Böhmische Paradies ist so schön wie die Sächsische Schweiz. Das gilt leider nicht für Rudiš’ Heimatstadt, außer man mag grau: Turnov ist womöglich noch eine Ecke hässlicher als Pirna oder Sebnitz. Gut, dass gleich in der Nähe die Brauerei Svijany ist, zum Schöntrinken. Der Weg von Turnov zum Paradies beträgt zwei, drei Bier. Sein erstes hat Rudiš genossen, als jemand es ihm versehentlich übergekippt hat. Das war knapp eine Stunde nach seiner Geburt. Damit hat er den meisten Biertrinkern etwas voraus.

Die Tschechen – und hier sind die Tschechinnen ausdrücklich eingeschlossen – trinken nicht nur mit Inbrunst ihr pivo. Sie reden auch gerne darüber. Am liebsten tun sie es in einer Kneipe. Die gibt es in jeder seriösen Ortschaft. Manche sind nur von Berufstrinkern besucht, andere von Touristen, und wiederum andere von Touristen, die sich gerne mit Berufstrinkern mischen und die im Lauf des Abends ertrunkene Akzeptanz dankbar zurückzahlen, indem sie dem Lokal ihrer Anerkennung das Prädikat „Kultkneipe“ verleihen.

Rudiš kennt alle Kultkneipen in Prag. Die womöglich anerkannteste heißt U vystřelenýho oka, Zum ausgeschossenen Auge. Sie liegt im Stadtteil Žižkov, der wiederum nach dem Volkshelden Jan Žižka benannt ist, welcher zur Zeit der tschechischen Reformation im erfolgreichen Krieg gegen die katholischen Habsburger sein zweites Auge verlor (wo er das erste nur eingebüßt haben mag?). Das Wirtshausschild zeigt Žižka als Karikatur rücklings auf dem Pferd sitzend; ein Auge verhüllt durch eine schwarze Binde. Das Glasauge daneben blinzelt dem Betrachter tückisch entgegen. In der Hand hält Žižka einen Kelch. Oder ist es ein Krug?

Rudiš kennt alle Kneipen in Prag und auch im übrigen Tschechien. Und weiß zu jeder eine Geschichte zu erzählen – etwa welcher Schriftsteller wo regelmäßig gebechert hat. Sogar von Franz Kafka weiß er es. Der Frühverstorbene und zeitlebens Kranke war nicht unbedingt für seine Liebe zum Bier bekannt (übrigens auch nicht zum Fußball, obwohl er öfter hingegangen ist, zum DFC Prag). In seinem letzten Lebensjahr hat er beides doch noch entdeckt, die Liebe und das Bier, in einem Städtchen namens Siřem. Zürau, so hieß es einmal auf Deutsch, liegt ganz in der Nähe von Žatec, früher Saaz, mitten in einem der weltgrößten Hopfenanbaugebiete. Natürlich wurde in Zürau Saazer Bier ausgeschenkt, und wer in Siřem auf Kafkas Spuren wandelt, sollte, meint nicht nur Rudiš, unbedingt den Abstecher nach Žatec machen und sich sämtliche vier Sorten des in der dortigen Brauerei ausgeschenkten pivo gönnen.

Rudiš kennt alle Kneipen in Prag und im übrigen Tschechien und auch an der Grenze zu Polen. Im ostböhmischen Náchod, schreibt er, „gehe ich nur mit Josef Škvorecký und seinem Roman spazieren.“ Das opus magnum des hierzulande eher unbekannten, in Tschechiens Achtundsechziger-Generation meistgefeierten Autors heißt Feiglinge und spielt, wie alle Romane Škvoreckýs, im ausgedachten Städtchen Kostelec, hinter dem sich freilich sein Heimatort verbirgt. Die unbestritten bedeutendste Lokalität im fiktiven Kostelec ist eine Kneipe, Port Arthur, die im realen Náchod auch heute noch existiert. „Der Bierhafen von Port Arthur ist so einfach eingerichtet“, findet Rudiš, „dass man kaum glauben kann, sich an einem der bekanntesten Orte der Weltliteratur zu befinden.“ Und weiter: „Die Menschen aus der Stadt treffen sich an den alten Holztischen mit den Literaturmenschen, die wegen Škvorecký nach Náchod gepilgert sind. Vor allem schlagen hier Tschechen auf, aber auch Polen, Slowaken, Ungarn und Deutsche.“

Rudiš kennt alle Kneipen. Punkt. In seinem Buch mit dem knappen, aber alles sagenden Titel ist er in gefühlt achtundsechzig Ländern unterwegs. Der Schweiz widmet er ein eigenes Kapitel. Sie hat es verdient, dank Amboss, Baar und Chlösti (kurz für Klosterbrauerei, St. Gallen) und des restlichen eidgenössischen Bier-&-Brauereien-ABCs. Das Kapitel über die Schweiz ist nicht so lang wie jenes über Deutschland, das sich über fast hundert Seiten erstreckt. Insgesamt ist dies alles höchst amüsant geschrieben und macht sofort Lust, zum nächsten Bahnhof zu eilen (der Autor ist nicht nur Bier-, sondern ebenfalls Eisenbahnliebhaber und hat auch schon eine Gebrauchsanweisung fürs Zugreisen verfasst) und eine Fahrkarte hin zu einem der im Bierbrevier geschilderten zünftigen Orte zu lösen.

Was aber ist mit Bamberg, Frankens Gerstengetränkmetropole? Klar, Rudiš kennt auch dort die Kneipen. Und die Brauereien. Es sind ihrer immerhin noch vierzehn, Tendenz stabil; entgegen dem langjährigen Trend in Deutschland und selbst in Bayern. Nur Franken hält dagegen: In der vom Schutzpatron Gambrinus offenbar wieder gesegneten Region steigt die Brauereiendichte seit nun drei Jahren kontinuierlich.

Bleiben wir in Bamberg, das erst ganz am Ende des Buchs behandelt wird; eventuell der Schwierigkeit geschuldet, ausgerechnet im fränkischen Rom der dortigen reichen Auswahl an Bieren und großen Anzahl von Brauereien gerecht zu werden. „Was das Bier angeht, ist Bamberg mein Sehnsuchtsort“, bekennt Rudiš. Ausführlich widmen mag er sich nur den Häusern Spezial, Fässla und Schlenkerla; die (zugegeben, subjektiv) wesentlich besseren Brauereien Mahr, Keesmann und Greifenklau werden gerade mal in einem Satz abgefrühstückt.

Apropos Rom: Jedes Jahr im Sommer ist ein echter Römer im Frankenbierland unterwegs. Matteo de Angelis klappert mit dem Drahtesel so viele Brauereien ab, wie die Pedalen hergeben. Sein Ziel: die besten von ihnen auf das jährlich (im April) stattfindende Frankenbierfest in Rom einzuladen, das er mitorganisiert. Sein Lieblingsbier zurzeit: Mönchsambacher aus dem Hause Zehendner. Von Greifenklau zur Zehendner sind es keine fünfzehn Kilometer. Die Mönchsambacher Brauerei kommt in Rudiš’ Buch nicht vor, das römische Frankenbierfest schon. Wer weiß, vielleicht sind sich Rudiš und de Angelis dort schon begegnet?

Gebrauchsanweisung für Bier
Gebrauchsanweisung für Bier
256 Seiten, broschiert
Piper 2025
EAN 978-3492277723

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