Christoph Bruns: „Für Gott, die Kirche und das Vaterland“

Über Jesuiten und ihr Wirken in Hildesheim

Die niedersächsische Stadt Hildesheim verfügt über eine Reihe von geschichtsträchtigen, sehenswerten Baudenkmälern, auf gewisse Weise regionalen Monumenten der norddeutschen Kirchengeschichte, vom Hohen Dom Mariä Himmelfahrt, in dessen Kreuzgang sich der berühmte 1000-jährige Rosenstock befindet, über das Michaeliskloster und die Andreaskirche bis hin zur Pfarrkirche Sankt Godehard. Der Historiker Christoph Bruns hat sich in seinem Buch dem Mariano-Josephinum, dem heutigen katholischen Gymnasium, eingehend, gründlich und kenntnisreich gewidmet und in seiner Studie besonders die Prägung der Schule durch Jesuiten und die ignatianische Spiritualität aufgezeigt.

Ignatius von Loyola, der Gründer des Jesuitenordens, lebte in der „radikalen Nachfolge Christi“. Mehrere Jesuitenkollegien wurden zu seinen Lebzeiten gegründet, im 16. Jahrhundert bemühte sich das Hildesheimer Domkapitel energisch um die „Stärkung der katholischen Konfession“ in der Stadt, und zwar zu einer Zeit, in der öffentliche Gottesdienste allein im Dom gefeiert werden durften. Die Jesuiten, gewiss auch der ihnen zugeschriebene missionarische Geist und Schneid, sollten das katholische Leben in Hildesheim erneuern und beflügeln. In der Reformationszeit war ihr Wirken am Domhof ein wesentlicher Beitrag zur „Rettung des Bistums“. So übernahmen die Jesuiten nicht nur Dienste als Lehrer an der Schule, sie wirkten auch in der Seelsorge eifrig mit, in Hildesheim und weit darüber hinaus.

Der Jesuitenprovinzial Petrus Canisius (1521-1597), in der katholischen Kirche seit 1925 als Heiliger verehrt, legte besonderen Wert auf die Bildung. Ihm sei, so heißt es, ein Kolleg ohne Kirche lieber als ein Kolleg ohne Bibliothek. Den wechselvollen Weg der Jesuiten zeichnet Bruns sorgfältig nach und stellt sodann die Spiritualität der Jesuiten vor, unter besonderer Berücksichtigung der „Geistlichen Übungen“ des Ignatius von Loyola, der zunächst als Soldat diente, schwer verletzt wurde und sich dann entschloss, die „Laufbahn im Dienst des irdischen Königs“ zu beenden, um allein dem „himmlischen König“ zu dienen und die „größere Ehre Gottes“ zu suchen. In dem Exerzitienbuch, der „spirituelle Anker der Gesellschaft Jesu“, zeigt Ignatius, wie jeder Christ seinen je eigenen Weg in der Nachfolge Christi finden kann, und dies in der „Gemeinschaft der Kirche“.

Am Hildesheimer Jesuitengymnasium wurde die ignatianische Spiritualität gelehrt und gepflegt. Die Schüler sind vor allem betende Menschen. Ohne das Gebet bleibt alle Bildung fruchtlos. Die Ausrichtung auf Lobpreis Gottes ist wesentlich. Das Barockportal ziere noch heute, so Bruns, die Giebelfront des historischen Gebäudes – für Gott, die Kirche und das Vaterland. Der „Sinnhorizont ihrer christlichen Bemühungen“ sei damit abgesteckt gewesen. Die Jesuiten hatten auch erkannt, dass die Priester Wissenschaft und Frömmigkeit in sich vereinen und so glaubwürdig unterrichten sollten. Die jesuitische Pädagogik stellte den Menschen in den Mittelpunkt, teilte das „optimistische Menschenbild des Humanismus“ und „wollte den Einzelnen dazu befähigen, in sich alle ihm von seinem Schöpfer geschenkten intellektuellen und moralischen Kräfte zu entfalten und auf ihr letztes Ziel, den dreifaltigen Gott, hinzuordnen“.

Den Jesuiten ging es um die „ganzheitliche Formung der Persönlichkeit“ auf kirchlichem Fundament. Das schloss Veranstaltungen mit weltlichem Charakter nicht aus, berühmt war auch das Schultheater der Einrichtung. Die Aufführungen besuchten auch protestantische Schüler. Die jugendlichen Lutheraner waren begeistert, wurden aber 1607 von den Oberen ihrer Schule für die Teilnahme an einer Theateraufführung „hart bestraft“.    

Gelehrt wurde vornehmlich nach der scholastischen Methode, orientiert an den Schriften des Kirchenlehrers Thomas von Aquin. Wenn Themen behandelt wurden, die Thomas nicht erörtert hatte, sollte stets die Lehre der Kirche in den Blick genommen werden. Was damit nicht übereinstimmte, wurde als untauglich für die Bildung angesehen. Zunehmend wurde versucht, das Erbe der Scholastik „im Geist eines christlichen Humanismus aus der Heiligen Schrift und der Theologie der Kirchenväter zu erneuern“. Die Nachfolge Christi war das maßgebliche Ziel in der ignatianischen Spritualität. Jeder Mensch sei berufen, ein Freund und Jünger Jesu, auf gewisse Weise also ein „Jesuit“ zu sein und die „irdische Wirklichkeit“ mit Blick auf sein letztes Ziel, die Gemeinschaft mit Gott, relativieren. Die „Wahrheit der Vernunft“ stehe für die Jesuiten „niemals im Widerspruch zur Wahrheit des Glaubens“.

Christoph Bruns lädt seine Leserschaft auch noch zu einer Entdeckungsreise anhand zahlreicher, klug kommentierter Bildquellen ein, so dass die Geschichte des Mariano-Josephinum und der Jesuiten in Hildesheim auch sinnreich anschaulich wird. Insgesamt erweist sich dieser Band als ein Zeugnis der regionalen Kirchen- und auch Bildungsgeschichte, ist für sich genommen lesens- und bedenkenswert, insbesondere für alle Leser, die mehr über die Spiritualität und das Wirken der Jesuiten in der Bildung erfahren möchten. Wegweisend mag dabei der Gedanke des heute emeritierten Hildesheimer Weihbischofs Nikolaus Schwerdtfeger sein, der ehemals selbst Schüler des Gymnasiums war, und staunend im Geleitwort bemerkt, wie die „ignatianische Prägung“ bis in die Gegenwart fortwirke: „Das bedeutet nicht zuletzt, sich nicht mit einem Vielwissen zu begnügen, sondern die Wirklichkeit auch von innen her zu vernehmen und zu verkosten suchen.“

Christoph Bruns macht auf vorzügliche Weise die Spiritualität und Pädagogik der Jesuiten vor einem historischen Horizont von Bildung anschaulich und gegenwärtig. Auch darum ist sein kluges Buch sehr zu loben. Es spricht über die Geschichte des Bistums Hildesheim und spricht zugleich in unser Heute hinein.

„Für Gott, die Kirche und das Vaterland“
„Für Gott, die Kirche und das Vaterland“
Spiritualität und Pädagogik der Jesuiten im Spiegel des Gymnasiums Mariano-Josephinum in Hildesheim (1595–1773)
196 Seiten, broschiert
Georg Olms 2023
EAN 978-3487166551

Gottesbeweise und Gottesglaube

Sebastian Ostritsch widmet sich in seinem neuen Buch den Wegen der vernünftigen Gotteserkenntnis.

Serpentinen

Edith Stein – Mystik und geistliche Orientierung

Edith Stein verbindet philosophische Klarheit mit tiefer Mystik: Ein stilles, nüchternes Werk über Glauben, Freiheit und Liebe.

Geistliche Texte

Wege zu Gott

Recktenwalds Buch lässt sich als Einladung zum Glauben an Gott in der Welt von heute verstehen.

Am Ende wartet Gott

Das badische „Klösterreich“

Das „Badische Klosterbuch“ wird wegweisende, bleibende Bedeutung haben als Standardwerk regionaler Kirchengeschichte.

Badisches Klosterbuch

Münchens „Alter Peter“ leuchtet

Dieser liebevoll verfasste, trefflich illustrierte Band lädt dazu ein, in Sankt Peter zu verweilen, im „Alten Peter“, und gläubige Katholiken fühlen sich zugleich daran erinnert, dass sie ganz in Rom zu Hause sind.

Kath. Stadtpfarrkirche St. Peter - München

Kants Autonomieverständnis – postmodern gedeutet

Der Fundamentaltheologe Striet legt ein eminent philosophisches Buch vor, an dessen Thesen, Reflexionen und Standpunkten man sich in gutem Sinne reiben kann.

Unausweichliche Autonomie