György Dalos: Für, gegen und ohne Kommunismus

Ein Kommunist, der sich für nichts schämen muss

György Dalos, 1943 geboren, wuchs im kommunistischen Ungarn auf – und fand das ganz okay. Nicht so gut fand er den Einmarsch der Sowjetunion und der mit ihr verbündeten Staaten des Warschauer Pakts, die mit dem Reformkurs der ungarischen kommunistischen Partei unter Imre Nagy nicht einverstanden waren. Nagy hatte es abgelehnt, die Volksbewegung in Ungarn so zu betrachten, wie der große Bruder in Moskau sie sah: als Konterrevolution. 

Später erklärte Ministerpräsident Nagy sogar die Neutralität Ungarns, was gleichbedeutend mit dem Austritt seines Landes aus dem Warschauer Pakt war. Anfang November 1956 erfolgte die Invasion, Ungarn musste sich unterwerfen und ins östliche Militärbündnis zurück, Nagy endete vor einem Erschießungskommando. János Kádár, ein früherer Weggefährte, folgte Nagy ins Amt. Dalos war dreizehn und sein Bild vom neuen Regierungschef nicht gerade positiv: 

„Er jonglierte zwischen Moskaus Gunst und den von ihm selbst geweckten Erwartungen der ungarischen Gesellschaft.“ Letztere waren so niedrig nicht: Ungarn gewährte seinen Bürgern im Vergleich zu anderen Warschauer Paktstaaten doch einige Freiheiten, unter anderem das Recht, ins Ausland zu reisen. Auch deswegen galt Ungarn auch im Westen als lustigste Baracke hinter dem Eisernen Vorhang. Doch wirklich lustig war es nicht, auch nicht liberal und sogar, wie Dalos feststellen musste, immer weniger sozialistisch. 

Eine wie auch immer geartete Opposition war in Ungarn nicht geduldet; auch keine Opposition von links. Dalos und seine Mitstreiter nannten sich „Ungarische Revolutionäre Kommunisten“ und repräsentierten „die linke Peripherie der Intellektuellenszene“: „Kádár ging es um die Macht, mir um das seelische Heil“, stellt Dalos klar. Die Revolutionäre Kommunisten warfen Kádár und den Funktionären der ungarischen KP Opportunismus vor, immer wieder, auch öffentlich; dafür zahlten sie mit Ausreise- und zeitweiligem Berufsverbot. Letzteres war in Dalos‘ Fall noch schlimmer, da er ohne Einkommen sehr viel Zeit und Energie für das tägliche Brot aufwenden musste. Selbst im sozial abgefederten Ungarn bekamen Arme nichts geschenkt. 

Fast ein Vierteljahrhundert blieb Kádár an der Macht, danach wurden er und sein System von der rasanten Entwicklung nach dem Fall des Sowjetkommunismus hinweggespült. Dalos war da längst ins Ausland übergesiedelt, zunächst nach Wien, dann nach Westberlin. „Jetzt bin ich ein alter Mann“, resümiert Dalos in seinem autobiografischen Buch Für, gegen und ohne Kommunismus, „betrachte mit wachsender Skepsis die kaputte Welt und zweifle an meiner Fähigkeit, über irgendetwas ein relevantes Urteil zu sprechen.“

Dalos tut es dennoch. Die letzten beiden Kapitel seines Buchs sind der Zeit nach 1990 gewidmet. Sie zeigen einen keineswegs verbitterten, seinen Überzeugungen treu gebliebenen Dalos, dessen Blick meist nach vorn gerichtet ist. Seine Kritik an den bestehenden Verhältnissen, vor allem auch an der Art und Weise, wie Politik heute betrieben wird (seit Kádár scheint sich da wenig verändert zu haben), wirkt sehr authentisch, da ihr Urheber im Herzen Kommunist geblieben ist, trotz zahlreicher bitterer Erfahrungen mit dessen dogmatischer Auslegung. 

Nach 1990 war der Kommunismus – etwa vom damaligen US-Präsidenten Ronald Reagan – für tot erklärt worden; der Westen und die Freiheit hätten gesiegt. Ein Blick auf die ehemaligen Warschauer Paktstaaten dreieinhalb Jahrzehnte später zeigt eine andere Wirklichkeit: Der Kapitalismus hat gesiegt. Ob es den dort lebenden Menschen heute besser geht als früher? Um diese Frage zu beantworten, liefert Dalos‘ Buch die eine oder andere wertvolle Handreichung. Fazit: Erkenntnisgewinn + Lesevergnügen = uneingeschränkte Leseempfehlung.

Für, gegen und ohne Kommunismus
Elsbeth Zylla (Übersetzung)
Für, gegen und ohne Kommunismus
Erinnerungen
312 Seiten, gebunden
C.H.Beck 2019
EAN 978-3406741036

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