Verharren im Klischee

D e n  Bauernkrieg gab es nicht. Es handelte sich um eine Vielzahl regionaler Aufstände, kaum miteinander koordiniert, über einen Zeitraum von mehreren Jahren. Neben Bauern spielten Städter eine tragende Rolle. Der Historiker Peter Blickle prägte daher den Begriff der „Revolution des gemeinen Mannes.“ Auch diese Bezeichnung greift zu kurz: Eine Umkehr der Gesellschaft fand nirgends statt. Am weitesten gedieh der Aufstand in Tirol. 

Als dieser am 9. Mai 1525 ausbrach, waren die Bewegungen in Süd- und Mitteldeutschland bereits auf dem Rückzug. In der Schlacht von Frankenhausen geriet der Anführer der Thüringer Empörung, Thomas Müntzer, in Gefangenschaft. Ende Mai wurde der radikale Reformator und, mit seiner Rechtfertigung des Kampfes gegen die Obrigkeit, Luther-Gegner vor den Toren Mühlhausens enthauptet. 

Zwei Monate später scheiterten die Allgäuer Aufrührer, ohne dass ihr Memminger Programm verwirklicht wurde. Immerhin hatten die Zwölf Artikel zwei Dutzend Auflagen erfahren, mit 25'000 gedruckten Exemplaren. Blickles Historikerkollege Friedrich Winterhager stufte sie als „antifeudalistischen Beschwerdekatalog“ ein: Privilegien der oberen Stände sollten beschnitten, der Klerus als Macht abgesetzt, die Leibeigenschaft aufgehoben, Pfarrer künftig von der Gemeinde gewählt und Frondienste und Abgaben reduziert werden. Doch fehlten, auch das streicht Winterhager heraus, die Vorschläge zur Umsetzung der Ziele. Die bestehende Ordnung wurde – vom Ausschalten des Klerus einmal abgesehen – nicht angetastet.

Ganz anders, wenn auch mit Verspätung, entwickelte sich der Aufstand jenseits der Alpen. Auslöser war die geplante Hinrichtung des freien Bauern Peter Passler nach einem jahrelangen Streit mit dem Brixner Fürstbischof Sebastian Sprenz um Fischfangrechte. Passler beging Straftaten, um sein vermeintliches Recht durchzusetzen; Sprenz wollte mit dem harten Urteil ein Exempel statuieren. Bereits auf dem Richtblock festgeschnallt, wurde Passler in letzter Minute dem Henker entrissen.  

Statt sich davonzumachen, versammelten sich Passlers Befreier auf einer Wiese vor den Toren Brixens. Sie stürmten das nahe Kloster Neustift und anschließend zahlreiche weitere Burgen und Klöster. Ihre Beschwerden fassten sie in einem Programm zusammen, das sie dem Tiroler Herrscher Erzherzog Ferdinand, dem jüngeren Bruder und späteren Nachfolger des Habsburgerkaiser Karls V., unterbreiteten. Das Neustifter Programm enthielt ähnliche Forderungen wie die Zwölf Artikel, war aber wesentlich umfangreicher und radikaler.

Tiroler Bauern waren in der überwiegenden Mehrheit nicht leibeigen. Der Freiheitsbrief von 1342 garantierte ihnen, wie auch den Bürgern, ein Mitspracherecht auf Landtagen, wenn auch weniger stark im Vergleich zu Adel und Klerus. Nun sollten Bauern, Bürger und Adel gleichgestellt und der Klerus als Stand beseitigt werden. Für das überwiegend ländliche Tirol mit mehrheitlich bäuerlicher Bevölkerung bedeutete dies de facto eine Umverteilung der Macht auf künftig drei Säulen; der Tiroler Landesfürst als Souverän, dem mit den bäuerlichen Gerichten und den freien Städten ein Gegengewicht geschaffen wurde. Die Rolle des Adels blieb praktisch auf das Militärische beschränkt; aller geistliche Grundbesitz, vor allem die Klöster mit ihren umfangreichen Ländereien, ging in die Hände der Dorfgemeinschaften über.

Auf einem außerordentlichen Landtag in Innsbruck, am 12. Juni feierlich eröffnet, wurden alle diese Punkte verhandelt. Geistliche Amtsträger waren nicht zugelassen, die Bauern nach Anzahl der Delegierten klar in der Überzahl. Dennoch brachten die vierzig Tage nicht jene Veränderungen, die sich die radikalen Vertreter erhofft hatten. Das lag an der geschickten Verhandlungsführung Ferdinands.

Anfangs war der Erzherzog arg in die Defensive gedrängt. In Brixen, einem eigenständigen Fürstbistum mit Stimme auf den Reichstagen, das aber komplett von Tirol umgeben war, herrschten, nachdem Bischof Sprenz verjagt worden war, die rebellischen Bauern und Städter. Auch sie hatten ihre Vertreter nach Innsbruck gesandt. Am Ende gelang es Ferdinand, die Opposition zu spalten. Im Landtag verlief die Trennlinie nicht mehr entlang der Stände, sondern mittendurch – und das, obwohl die Oppositionellen ihr vordergründiges Ziel erreicht hatten: Die formale Gleichstellung der beiden unteren mit den bislang privilegierten Ständen. 

Nun taten sich neue Gräben auf: Statt oben gegen unten hieß es jetzt reich gegen arm. Während wohlhabende Bauern und Bürger von den Beschlüssen des Landtags profitierten, bescherte dieser landlosen Bauern, Tagelöhnern, städtischen Arbeitern oder Handlangern keine ökonomischen oder sozialen Verbesserungen. Auch sah der Landtagsabschied vor, die besetzten Schlösser und Burgen an die vorherigen Eigentümer zurückzugeben. Mittelfristig plante Ferdinand, den Klerus gesellschaftlich zu rehabilitieren. 

Von den etablierten Bauern und Bürgern kam kein Einspruch. Wohl aber von den Radikalen: Sie weigerten sich, enteignete kirchliche Güter und Residenzen an die früheren Eigentümer zurückzugeben. Im Unruheherd Brixen residierte als Nachfolger Sprenz‘ ein bürgerlicher Machthaber bäuerlicher Herkunft: Michael Gaismair, Sohn eines Bergbauern aus Sterzing, hatte er in seiner Karriere als Grubenschreiber im Bergbauzentrum Schwaz, im Dienst des höchsten Beamten Tirols, Leonhard von Völs, und in der fürstbischöflichen Kanzlei Sprenz‘ sämtliche Stände durchlaufen. 

Mit dieser Erfahrung ausgestattet, hatten die Brixner und Tiroler Aufständischen Gaismair zu ihrem Anführer gewählt. In der Folge überwarf er sich, trotz zeitweisen Einlenkens, mit Erzherzog Ferdinand und landete im Gefängnis. Bald schon gelang Gaismair die Flucht, die ihn am Ende ins Schweizer Exil führte. Von dort aus setzte er seinen Widerstand fort und suchte sich neue Verbündete. 

Den Winter verbrachte Gaismair eingeschneit im Graubündner Bergort Klosters. Dort verfasste er ein theoretisches Konzept, das allen seinen künftigen Aktionen zugrunde liegen sollte. Sein Verfassungsentwurf (Titel: „Das ist die Landesordnung, so Michel Gaismair gmacht hat im 1526. Jahr“) sah eine Republik Tirol vor. Eine solche Staatsform gab es bereits, in der Schweiz. Doch strebte Gaismair nicht nur eine Gesellschaft frei von Ständen, in der kein „Unterscheid der Menschen, also daß einer höher oder besser weder der ander sein wölle“ an, sondern eine Gemeinschaft von Gleichen, in der es fürsorglicher und gerechter zugehen sollte als in den Nachbarländern, die Eidgenossenschaft eingeschlossen.    

In Gaismairs Programm fließen, noch bevor es diese Begriffe gab, Grund- und Menschenrechte ein. Soziale Gerechtigkeit statt herrschaftlicher Privilegien, basisdemokratische Repräsentanz statt elitärer Hierarchien, Gleichheit vor dem Gesetz statt ständischer Vorrechte, genossenschaftliches Wirtschaften statt (früh)kapitalistischer Ausbeutung, Garantie der persönlichen Freiheit statt Abhängigkeit und Fremdbestimmung sind weitere Eckpfeiler. Tirol sollte ein autarker Staat werden, dessen Selbstversorgung die Bauern und dessen Wohlstand die Bergarbeiter garantierten.  

Gaismairs Werk ist um so bemerkenswerter, da es von einem Autodidakten stammte. Es mag Helfer gegeben haben, aber diese sind nicht verbürgt und nirgendwo namentlich aufgeführt. Als Vorlage stand Gaismair lediglich die Bibel zur Verfügung, wie Luther sie übersetzt hatte. Gaismair, dem die institutionelle Kirche ein Greuel war, sah Gott als höchste Instanz an, „darauf wir genzlich vertrauen sollen, dann er ganz wahrhaftig ist und niemand betrügt.“ Dies legt den Umkehrschluss nahe, dass Kirche und klerikale Amtsträger es nicht mit der Wahrheit hielten. 

Anders als Luther, der seine Thesen nicht politisch interpretiert haben wollte, leitete Gaismair aus der göttlichen eine weltliche Gerechtigkeit ab. Jeder durfte nur so viel besitzen, wie er oder sie in Eigenarbeit bebauen konnte. Es sollte kein unproduktives Eigentum geben. Land, das nicht bebaut wurde, würde der Dorfgemeinschaft zur Verteilung an Bedürftige zufließen.

Später gelang es Gaismair, den Aufstand im Salzburger Land fortzusetzen. Nach wechselvollen Gefechten unterlag er schließlich den Heeren des Schwäbischen Bundes, die bereits die Erhebungen in Süddeutschland niedergeschlagen hatten. Am Ende floh Gaismair mit dem Rest seiner Mannschaft, immerhin in geordneter Formation, nach Venedig. Er trat in den Dienst der mit Habsburg verfeindeten Republik ein und setzte den Kampf gegen Ferdinand und die wiederetablierte alte Ordnung in seiner Heimat fort. Die Aussöhnung der katholischen Mächte Habsburg und Venedig als Reaktion auf den Expansionsdrang des Osmanischen Reichs machte diese Pläne zunichte. 

Den Aufstand in Tirol oder anderswo im Habsburgerreich neu zu entfachen, vermochte Gaismair nicht. Nach einem vergeblichen Versuch, in der Schweiz neue Kämpfer zu rekrutieren und diese gegen Tirol zu führen, zog er sich als Privatier in die Gegend von Padua zurück. Dort, auf venezianischem Hoheitsgebiet, fiel Gaismair am 15. April 1532 einem von Ferdinand inszenierten Mordanschlag zum Opfer.

Gaismairs Landesordnung, ihrer Zeit weit voraus, blieb – von der Englischen Revolution einmal abgesehen – für Jahrhunderte der fortschrittlichste Verfassungsentwurf in Europa. Selbst aktuell kann Gaismairs Modell als Kritik an einer globalisierten, auf marktwirtschaftlichen Prinzipien basierenden und rein an individuellem Gewinnstreben orientierten Wirtschaftsordnung gelesen werden. 

Alle diese Aspekte finden in der gängigen, extra zum 500-jährigen Bauernkriegejubiläum erschienenen Literatur (etwa Lyndal Roper, Für die Freiheit. Der Bauernkrieg 1525, S. Fischer, 672 Seiten, die frau besser hätte nutzen können) kaum Beachtung. Eine positive Ausnahme bildet allein das hervorragende Buch von Robert Rebitsch, Rebellion 1525. Michael Gaismair und der Aufstand der Tiroler Bauern, Athesia Tappeiner Verlag, das sich mit der Hälfte der Seiten des Roperkonvoluts begnügt. Rebitschs Titelheld wird von Roper – da fasst sie sich mal kurz – nur am Rand erwähnt: Gaismair, „der wohl nicht viel vom bäuerlichen Leben verstand“, sei der Sohn eines Hüttenmeisters gewesen. Na bitte, so geht es doch auch!

Für die Freiheit / Rebellion 1525
Für die Freiheit / Rebellion 1525
Der Bauernkrieg 1525 / Michael Gaismair und der Aufstand der Tiroler Bauern
672 / 376 Seiten
S. Fischer, ISBN 978-3-10397475-1 / Athesia-Tappeiner, ISBN 978-88-6839-800-2
2025

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