Kunst

Ermittlungen nach Gefühl

Als die zwei Kleinkriminellen Grégoire und Vincent in Vargas’ neuem Krimi "Im Zeichen des Widders" einem glatzköpfigen alten Mann die Tasche aus der Hand reißen, wissen sie noch nicht, dass dies ihr letzter Coup ist. Ein Blick in die Tasche offenbart den Grund und lässt Vincent sofort das Grauen in Mark und Bein fahren: vier Haarsträhnen, eine Ampulle mit einer dunkelroten Flüssigkeit, ein Tierschädel, eine Filmdose mit Zahnsplittern, einige okkulte Bücher und Schriften sowie 30.000 Francs befinden sich darin. Entweder die Tasche eines Spinners oder aber die eines Wahnsinnigen, Besessenen. Das mit dem Spinner hat sich schnell erledigt, so dass die Büchse der Pandorra - nun einmal geöffnet - schnell den Schrecken in die Welt der beiden Halbstarken bringt. Über Vincent geht der Sturm des Bösen erbarmungslos hinweg, Grégoire findet ihn am nächsten morgen erstochen in seiner Wohnung. Panisch nimmt er das Geld an sich, alarmiert die Polizei und versucht, unterzutauchen.

Die Kriminalromane der 59jährigen Fred Vargas, die als Archäologin in Paris lebt, wären nicht halb so faszinierend und tiefgründig, hätten sie nicht ein recht außergewöhnliches Ermittlerpärchen erfunden. Zum einen ist da der mürrische, in sich gekehrte und so gar nicht zur Polizei passende Kommissar Jean-Baptiste Adamsberg, der geradezu unfähig, qua Indizienermittlung zu Resultaten zu kommen. Der außergewöhnliche Kommissar setzt vielmehr nach einem ungewissen Gefühl Einzelheiten und Details zusammen, die ihn zunächst von Ort zu Ort und schließlich zum Täter führen. "Sie wissen genau, dass ich nie an was Bestimmtes denke. Vielmehr denken die Dinge an mich.", erinnert Adamsberg noch einmal in diesem Krimi an seine besondere Ermittlungstechnik. An seiner Seite steht Leutnant Danglard, den man ohne Flachs als ein notorisch alkoholisiertes wandelndes Lexikon bezeichnen kann. "Danglard, sagt ihnen das … etwas?" ist eine oft verwendete Phrase des Kommissars an seinen Assistenten, der ihm mit seinem Wissen hilft, die Puzzleteile zusammenzufügen. Adamsberg ist das intuitive Genie, Danglard der allwissende Bürokrat.

Im Laufe der inzwischen fünf deutschsprachigen Adamsberg-Romane und einiger kürzerer Geschichten haben sich der Kommissar und sein Adjutant zusammengefunden. Kein Tatort-Kommissarenpaar funktioniert in all seinen Unzulänglichkeiten und Ticks derart perfekt, wie Danglard und Adamsberg. Adamsberg käme ohne Danglards Wissen nicht zum Ziel und dieser ohne seinen Chef wohl lediglich bis zur nächsten Kneipe. Dass es dennoch in fast jedem Roman zu einem Streit zwischen beiden kommt, gehört schon dazu, wie die Beziehungskrise in die Partnerschaft.

In Vargas’ Kriminalfällen lockt ewig das Mythische, das Spirituelle, der Kult. Immer wieder bedient sich die Pariserin dabei ihrer archäologischen und historischen Kenntnisse, die meist die Grundlage des Meuchelns und Mordens im Land des savoir vivre darstellen. Auch in ihrem nun auf Deutsch erhältlichen Krimi "Das Zeichen des Widders" führt sie ihre Leser in die dunkle Welt des Okkultismus. Dies unterstützen die düsteren Zeichnungen ihres Freundes Edmond Baudoin, der aus dem romanesken Entwurf von Fred Vargas einen lesenswerten Comic gemacht hat. Seine unruhige Strichführung, die eine chaotische und zugleich wohlgeordnete Atmosphäre schafft, passt zu den Charakteren von Adamsberg und Danglard, die das geordnete Chaos quasi personifizieren.

In "Das Zeichen des Widders" erinnert die Leiche des jungen Vincent Adamsberg an noch ungeklärte Ritualmorde, die sich in der Vergangenheit in Paris ereigneten. Stets fand sich das Muster eines Widderkopfes an den Leichen wieder, so dass der unbekannte Serienmörder schlicht den Spitznamen "Der Widder" erhielt. Selbst mit viel Fantasie ist dieses Muster bei Vincents Leiche kaum auffindbar, es sei denn, man heißt Adamsberg und wird von der Eingebung geküsst. Und so machen sich Adamsberg und Danglard auf die Suche nach dem Widder, der inzwischen längst dem jungen Grégoire auf der Spur ist, um sich sein Geld zurückzuholen. Es beginnt ein Wettlauf mit der Zeit. "Fliehe weit und schnell" lautet der Titel eines später verfassten Vargas-Romans, der auch hier seinem Namen alle Ehre machen würde.

Fred Vargas und Edmond Baudoin ist mit dem schon im Jahr 2000 in Frankreich erschienenen Krimiadaption ein beeindruckender Comic gelungen. Zu den schriftstellerischen Qualitäten der Pariser Autorin muss kaum mehr ein Wort verlieren, der Name Vargas spricht inzwischen für sich - nicht umsonst ist sie mit Literatur-Preisen überschüttet. Baudoin hat es vermocht, dem Comic die richtige Atmosphäre zu verleihen und die unzähligen Mengen an Dialogtexten kreativ und abwechslungsreich in die Bilderfolge einzubringen, ohne dabei nur eine Romanillustration zu schaffen. Text und Bild ersetzen sich nicht, sondern ergänzen sich und schreiben Vargas’ düsteren Stil in einer anderen medialen Dimension weiter. Immer wieder werden längere Passagen als Text präsentiert, was die comicale Lektüre jedoch nicht im Geringsten stört, sondern die dann wieder einsetzenden Bildpanel viel stärker betont. Baudoins Comic - und als solches sollte man dieses Buch begreifen - lebt von dem grafischen Aufbau der Seite, der wohl durchdacht und komponiert ist. Hier zeichnet niemand einem Roman hinterher, sondern Baudoin strickt den Plot selbst mit und weiter in seinen Zeichnungen. Text und Bild begegnen sich in "Das Zeichen des Widders" auf Augenhöhe, ebenso wie dies Autorin und Zeichner tun können.

Warum allerdings der herausgebende Aufbau-Verlag nicht erkennen möchte, dass es sich hierbei um einen Comic handelt und stattdessen "Das Zeichen des Widders" als Roman-mit-Illustrationen-von unter die Leute zu bringen sucht, ist nicht einleuchtend. Als wenn die Astérix-Bände jemals als Enzyklopädie der europäischen Kulturgeschichte im Sachbuchregal gestanden hätten. Leute, dieser Krimi ist ein Comic und zwar ein verdammt guter!

Das Zeichen des Widders
Fred Vargas
Fabrice Baudoin

Das Zeichen des Widders


Aufbau 2008
222 Seiten, gebunden
EAN 978-3351032500

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