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Schmökern in Hohlers Geschichten-Sammelsurium

Der Titel "Das Kurze. Das Einfache. Das Kindliche" ist Programm. Nicht nur was den Inhalt des vorliegenenden Buches, sondern allgemein das Schreiben von Franz Hohler betrifft. Hohler, dem im November 2009 der Ehrendoktortitel der Universität Fribourg zugesprochen worden ist - die Dankesrede Hohlers ist im vorliegenden Buch nachzulesen - überzeugt anhand kurzer und präziser Texte, die sich einprägen, Kinder und Erwachsene in Gedanken begleiten. Wer kennt sie nicht aus der eigenen Schulzeit, die Geschichte vom Granitblock im Kino oder die Erzählung der Made, die nach Hongkong auswandert und von da aus Grüsse an die Zurückgebliebenen verschickt. Geschichten, die sowohl Kinder als auch Erwachsene begeistern, denn:

"Wo hört das Kinderland auf, wo fängt das Erwachsenenland an? Wie verschieden sind die Sprachen, die dort gesprochen werden? Brauchen wir Dolmetscher und Übersetzerinnen? Wir alle, auch wenn wir es manchmal vergessen, sind Grenzgänger zwischen den beiden Welten, und die Literatur ist voller Geschichten, die in beiden Ländern verstanden werden."

Die Texte, Ansprachen und Geschichten lesen sich gut und gern, unterhalten grossartig, geben Denkanstösse - und dennoch: Manchmal (insbesondere bei den drei Poetik-Vorlesungen, gehalten 2003 an der Universität Zürich) wünschte man sich eine theoretisch besser fundierte Argumentation. Viele Textbeispiele stammen von Hohler selbst, was, wie bereits erwähnt, zwar durchaus unterhaltsam und interessant, anhand deren jedoch kein konkretes Bild der drei "Poetik-Kategorien" zu fassen ist. Über das Einfache zu sprechen ist nicht zwangsläufig einfach. Die von Hohler selbst gestellte Frage, wie man als Schreibender zum Einfachen kommt, wird (leider) nur ansatzweise beantwortet: "Manchmal geht es nur darum, etwas festzuhalten, das man gesehen oder gedacht hat oder das einem erzählt wird. […] Aufschreiben, was man sieht, aufschreiben, was man hört, aufschreiben was man erlebt. Wir erleben ja selten groβe, verschlungene und verwickelte Abenteuer, sondern einfache Geschichten."

Der Untertitel "Ein Gedankenbuch" ist treffend schön, denn das ist die Textsammlung wirklich, ein Sammelsurium von Ideen, Überzeugungen und Gedanken, die zum Schmökern einladen und auch nicht unbedingt der Reihenfolge nach gelesen werden müssen. Die Ansprachen zu verschiedenen Themen und Anlässen (Matur-Feier, Rede zu Peter Bichsels 65. Geburtstag, Bettagspredigt, etc.) sind alle mit der persönlichen Hohler-Marke versehen, die einem als Leser das Gefühl gibt, mit Hohler am heimeligen Kaminfeuer zu sitzen, wo dieser aus dem Leben erzählt. Hohlers Spontaneität und Offenheit lassen schmunzeln. Genauso die wunderschöne Direktheit der jungen Hohler-Leserschaft, welche Freude und Frust in Briefen an den Autoren (welche von diesem wiederum beantwortet werden, denn: "Wenn man Kinderbriefe nicht mehr beantworten kann, ist man ein armer Hund") ausdrücken. Hohlers persönlicher Klassiker unter den Kinderzuschriften etwa lautet: "Die beiden Tschipo-Bücher sind meine Lieblingsbücher. Ich bin froh, dass Sie noch nicht gestorben sind, dann können Sie noch einen dritten Band schreiben." Dem stimmen wir gerne zu.


von Regula Portillo - 20. November 2010
Das Kurze. Das Einfache. Das Kindliche.
Franz Hohler

Das Kurze. Das Einfache. Das Kindliche.


Ein Gedankenbuch
Luchterhand 2010
192 Seiten, broschiert
EAN 978-3630621890