Frankfurt als geistige Lebensform Über Adorno, Habermas und andere Frankfurter Berühmtheiten
Über Lübeck als geistige Lebensform dachte Thomas Mann nach, mit leichtem Humor, tiefem Ernst und im Bewusstsein der wechselvollen Geschichte seiner Vaterstadt. Der Weltbürger blieb sein ganzes Leben lang der alten Hansestadt an der Trave verbunden. Frankfurt, der Metropole am Main, geschichtsmächtig und geschichtsträchtig, widmet Stefan Müller-Doohm ein besonderes Porträt, zeichnet Begegnungen nach, ruft die Denker der Frankfurter Schule, des Instituts für Sozialforschung, ins Gedächtnis und berichtet aus seiner Zeit.
Wer an Frankfurt denkt, dem kommen rasch der Römerberg, das Städel-Museum und Johann Wolfgang von Goethe ins Gedächtnis, andere nennen sogleich die Namen von Theodor W. Adorno, Max Horkheimer und auch Jürgen Habermas, die auf je eigene Weise die Philosophie und Soziologie in der Bundesrepublik Deutschland, aber auch das politische Leben oft auf verborgene Weise beeinflusst haben.
Der Waldorf-Schüler Müller-Doohm kehrte sich von dem „weltanschaulichen Dogmatismus“ ab, den er hautnah erlebte, erinnert sich aber dankbar an einen Deutsch- und Kunstlehrer, der in den höheren Klassen eine vierwöchige Reise nach Norditalien durchführte. Zu der Anthroposophie Rudolf Steiners schien auch dieser Pädagoge eine skeptische Distanz gewahrt zu haben. Mit großer innerer Teilhabe folgte der Student Müller-Doohm den Poetik-Vorlesungen, die jeweils Adorno eröffnete, mit Vortragenden wie Ingeborg Bachmann, Heinrich Böll oder Marie Luise Kaschnitz. Frankfurt war eine Stätte der „kulturellen Ereignisse“. Von der Faszination, die von Horkheimer und Adorno ausging, berichtet der Autor, die als „Repräsentanten der Kritischen Theorie“ wahrgenommen wurden: „Von einer Frankfurter Schule war zu jener Zeit noch keine Rede.“ Es blieb ihm auch „Adornos Negativismus“ gegenwärtig, ebenso seine Rede über das „Scheitern der Vernunft“. Die Hoffnung jedoch auf einen Wandel zum Besseren gab er nicht auf. Müller-Doohm erzählt: „Adorno war bereit, den Elfenbeinturm des Philosophieprofessors zu verlassen, um in der Rolle des öffentlichen Intellektuellen Zeitereignisse auf unkonventionelle Weise zu kommentieren und zu analysieren.“
Ganz gewiss verfügte Adorno auch außerhalb der Universität über eine Hörer- und Leserschaft, doch die filigranen, mitunter verspielten Reflexionen, die er anstellte, zeigten vielleicht nicht nur sein Charisma, wie Müller-Doohm ausführt, sondern auch seinen kultivierten Eigensinn, der gewiss mit der „begrifflichen Präzision im Denken und besonders im Schreiben verbunden“ war, dem es aber doch an hoher Einfachheit mangelte. Zuweilen changiert Müller-Doohms Wahrnehmung zwischen Verehrung und Verklärung der Gestalt des Philosophen: „Das rhetorische Moment von Philosophie war Adorno ganz wichtig, und es war unmittelbar eins mit dem Inhaltsmoment. Ich verstehe Adorno so, dass der sprachliche Ausdruck von Philosophie selbst ein Moment philosophischer Erkenntnis ist.“ Auch Jürgen Habermas, der eher spröde denn ingeniös formulierende Philosoph, wurde für Müller-Doohm ein wichtiger Impulsgeber. Beiläufig bemerkt er zudem, dass in den 1960er Jahren noch akademische Freiräume bestanden hätten, ebenso auch, „dass damals Studierende noch Bücher gelesen haben“. Einige Studenten dürften das auch heute noch tun.
Besonders das Nachdenken über Adorno beschäftigt Müller-Doohm. Immer wieder fragte sich der Denker, ob die Demokratie in Deutschland mehr sei „als eine importierte bzw. von den Siegermächten dekretierte Staatsform“: „Die ökonomische Prosperität liefere die sekundäre Motivation, sich mit den Anforderungen der Demokratie zu arrangieren.“ Die Zustimmung also entsprach womöglich nicht einer inneren Überzeugung. Erwogen werden darf aber, dass nach dem Furor des Zweiten Weltkriegs und dem NS-Regime die deutsche Ruinenlandschaft tatsächlich eine wirtschaftliche Belebung brauchte, wenngleich über die Verfassung in jenen Jahren nicht mit derselben Intensität und demselben Respekt wie zu späteren Zeiten gesprochen wurde. Es mag sein, dass Adornos Analyse zutreffend ist, dass eine „opportunistische Zustimmung“ gegenüber der freiheitlich-demokratischen Grundordnung bestand, wenngleich die Furcht vor dem „faschistischen Potential“ zwar in historischer Perspektive persönlich verständlich, aber auch als übertriebene Besorgnis erscheint.
Müller-Doohm würdigt die Korrespondenz zwischen Thomas Mann und Adorno. Dessen musikphilosophische Expertise schätzte der Romancier bei der Abfassung des Doktor Faustus sehr, ohne das Ausmaß, so der Autor, in vollem Umfang als „Berater“ zu würdigen. Doch Adorno nutzte den Kontakt nicht weniger: „Von dem Vertrauensverhältnis seitens des Weltautors war Adorno gewiss geschmeichelt. Aber dieses Vertrauen war für den Philosophen auch Mittel zum Zweck: Eine einmalige Gelegenheit, für seine Konzeption avantgardistischer Musik ein Auditorium zu finden.“
Zum Lebensraum Frankfurt gehört nun auch der in Starnberg lebende und am Main lehrende Jürgen Habermas, dessen Spätwerk sich der Autor widmet. Habermas gestehe religiösen Menschen zu, dass sie sich von „religiösen Gewissheiten“ als „Teilnehmer am öffentlichen Meinungs- und Willensbildungsprozess“ leiten lassen. Er verlange aber eine „Art Entdogmatisierung der Praxis des religiösen Glaubens“, die „säkular begründete Entscheidungen“ anerkennen müssten und eine „vom Wissen geleitete Einstellung“ sich aneignen sollten – „und zwar zu konkurrierenden Weltanschauungen, säkularen Wissensbeständen und zur politischen Praxis“. Dessenungeachtet lässt sich hier aber durchaus bemerken, dass gläubige Katholiken etwa den § 218 des Strafgesetzbuchs, in dem die Abtreibung geregelt ist, durchaus als gesetzlich bindend anerkennen müssen, deswegen aber noch nicht ihre Überzeugung von der Unbedingtheit des Lebensschutzes preisgeben werden. Das zu respektierende staatliche Gesetz ist also kein taugliches Korrektiv für die religiöse Gewissheit, ebenso gilt dies für eine parlamentarische Mehrheit. Ein gläubiger Mensch muss sich – wie jeder andere und wie jeder ungläubige Zeitgenosse – an die herrschenden Gesetze halten. Er ist aber so frei, eine philosophisch imprägnierte Belehrung aus dem Geist der Säkularität abzulehnen und in aller Freiheit jenes, was im Mantel des Wissens auftritt, zu bezweifeln.
Stefan Müller-Doohm stellt in seinem anspruchsvollen, lesenswerten Buch über Frankfurt und seine neuere Geschichte Persönlichkeiten und Denkwege vor, die eng mit der Kritischen Theorie verbunden sind und zum Nachdenken anregen. Auch Bemerkungen zur Kunst und Kunstgeschichte werden die Leser in diesem Band mit Freude entdecken, im Ganzen aber dominiert die philosophische Reflexion, verknüpft mit pointierten Episoden über die neuere geistige Geschichte der Stadt und ihrer prominenten Gelehrten.
Alle Rezensionen von Thorsten Paprotny