Manfred Sommer: Frank Cappa. Gesamtausgabe

Frank Cappa. Gesamtausgabe

„Nenn mich einfach, compañero!“ Endlich sind die zwischen 1982 und 1988 entstandenen Comics über Frank Cappa in einer Gesamtausgabe beim Berliner Avant-Verlag erschienen. Das wahrhafte Comic-Fest versammelt Geschichten des spanischen Comickünstlers Manfred Sommer über den fiktiven Fotojournalisten Frank Cappa und kann – analog zum Autorenkino – durchwegs als Autorencomic bezeichnet werden. So genial sind sie!

Die Zeit zersetzt alles … sogar Eisen

Die Namensähnlichkeit mit dem Kriegsreporter und MAGNUM-Mitbegründer Robert Capa ist durchaus beabsichtigt. Capa hatte das ikonisch gewordene Foto vom fallenden Bürgerkriegssoldaten in Spanien geschossen, das damals vom US-amerikanischen Magazin LIFE veröffentlicht wurde und große Resonanz erfuhr. Ähnlich wie Capa ist auch der fiktive Frank Cappa heimatlos geworden, weil er als Findelkind eines schwarzen Soldaten in Europa schließlich aus der neuen Heimat Utopia, Kanada, aufgrund einer unglücklichen Liebe fliehen musste. In einer der hier vorliegenden Geschichten („Willkommen“) kehrt er als bereits erfolgreicher Reporter in seine Heimatstadt Utopia zurück, um ein Abendessen mit seinen Freunden zu organisieren. Aber er stößt nicht nur bei seiner Ex, die ihm vorwirft, ihr Leben zerstört zu haben, auf Ablehnung, sondern auch bei einigen seiner ehemaligen Freunde.

Wir erfahren aber auch, dass sein Vater ein schwarzer Sklave war, der auf Seiten der Yankees gekämpft hatte. Ob er daher seinen Mut nimmt – nur mit seiner Kamera bewaffnet – in die gefährlichsten Kriegsgebiete der Welt vorzudringen, mag seinen unerschrockenen Charakter erklären helfen. Der Krieg interessiert ihn, weil er die Menschen in Extremsituationen bringe, „die alles verwandeln und alles Gute und Schlechte aus einem Menschen heraufbeschwören“, erzählt er Captain Mogun in „Der letzte Afrikaner“. Mit wenigen Worten erklärt er auch den Hass eines Söldners auf Journalisten wie seinesgleichen und beweist seine humanistische Ader und sein Credo.

Dass die Kolonialgrenzen in Afrika und anderswo willkürlich gezogen wurden, nützte vor allem der Waffenindustrie, denn diese beliefert Stammeskrieger aller Couleur und verdient daran. In „Opfer und Helden“ setzt er dem Vater eines verwundeten Soldaten, einem Alltagshelden, ein Denkmal und untermauert seine Einstellung gegen die Schrecken des Krieges. Aber er spricht auch mit einem zum Tode Verurteilten, dem er in seiner letzten Nacht der Freund ist, den dieser immer gebraucht hätte.

Sein Humor ist ebenso hardboiled wie sein journalistisches Handwerk. Als etwa Kommandant Kovacz durchdreht, bietet er ihm eine Runde Russisches Roulette an. Oder als er sich von einer Geliebten namens Corinne trennt, schmiegt sich ein schwarzes Kätzchen zwischen seine Beine und beweist damit den Humor Manfred Sommers: Auch harte Männer haben eben ein Herz für Kätzchen …

Empowerment zur Selbstkontrolle

Nicht alle Geschichten spielen im Krieg. Da wären etwa „Jangada“ und „Carnevale“, die beide poetische Züge aufweisen und das Leben auch in Friedenszeiten mit einiger Melancholie in dennoch bunten Farben malen. In der einen verliert eine Frau ihren Mann an das Meer, in der letzteren verliert Cappa eine von ihm gerettete Selbstmörderin an den Krebs. In „La Caza“ geht es um eine Jagd im brasilianischen Dschungel, wo es noch echte Menschenfresser geben soll.

In „Stadt der 3000 Freuden“ schenkt Cappa einem Jungen, der zur Prostitution gezwungen ist, einen ganzen Tag Menschlichkeit und am Ende etwas Geld, das dieser gut anzulegen weiß. Ohne Sarkasmus zeigt Sommer am Ende, wie dieser einen Touristen mit einem (neu gekauften) Messer überfällt. Heutzutage würde man das dann wohl Empowerment zur Selbstkontrolle nennen.

Besonders erschütternd ist auch die Geschichte aus dem nicaraguanischen Bürgerkrieg, „Somoza und Gomorrha“, die zeichnerisch etwas von den anderen Abenteuern abweicht. „Nenn mich einfach, Compañero!“, ruft er seinem sandinistischen Kommandanten, den er als Fotojournalist begleiten darf, zu. Denn ein „Gringo“, nein, das will er nicht sein. Das Drama um einen Inzest zweier Revolutionäre widmet er den Korrespondenten Bill Steward und Ken Luckoff, die halfen, „den grausamen und sinnlosen Tod durch ihr Interesse und ihr professionelles Engagement zum Sturz der Diktatur in Nicaragua beigetragen zu haben“.

In „Der Süßwasserhai“ haut ihn eine Kollegin übers Ohr, indem sie sein brisantes Filmmaterial zuerst veröffentlicht, und in „Viet-Song“ wird er selbst zum Privatmenschen mit Ginger. Er erzählt von seinem Lehrer, dem Journalisten Jack Weldon, und davon, wie er in seiner Anfangszeit einer buddhistischen Selbstverbrennung beiwohnen musste. In „Spion und Verräter“ sitzt Frank Cappa in Kriegsgefangenschaft und empfängt die Gnade eines Feindes, die er zuvor selbst spendete. Aber dieser muss einen hohen Preis dafür zahlen.

Eine der letzten Geschichten führt ihn sogar nach Afghanistan, „In der gelben Wüste“, wo er mit viel Humor die unterschiedlichen Stammesriten beschreibt. Alles in allem also ein Comic, wie man ihn sich nur wünschen kann: voller Abenteuer, Reisen und viel Humor, aber dennoch mit Tiefgang. Fabulös und packend gezeichnet, ganz so, als wäre man selbst dabei gewesen.

Eine „Ausgabe für Feinschmecker“, wie es Weggenosse Carlos Giménez in seinem Vorwort schreibt: „Noch nie wurden Comics mit so viel Kraft, so viel Poesie, so viel Menschlichkeit erzählt.“ Aussehen würde Cappa wie „eine Mischung aus Robert Redford“, schreibt wiederum Eduardo Martínez-Pinna im zweiten Vorwort, „und einem Richard Burton mit traurigem Blick sowie dem kantigen Kinn von Charlton Heston“. „Entwurzelt wie die Vagabunden aus John Steinbecks Früchte des Zorns“ dürfte Frank Cappa in den Geschichten von Manfred Sommer die Herzen neuer und alter Comicfans mit dieser prächtigen Gesamtausgabe des Avant-Verlags wohl spielerisch (erneut) erobern!

Frank Cappa. Gesamtausgabe
Maximilian Lenz (Übersetzung)
Frank Cappa. Gesamtausgabe
Text und Zeichnungen: Manfred Sommer
352 Seiten, gebunden
Originalsprache: Spanisch
Avant 2025
EAN 978-3964451453

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