Expressionistisches Berlin
Gebäude als gebaute Utopie und die Vielfalt der expressionistischen Vorstellungswelt stehen im Mittelpunkt dieser außergewöhnlichen Publikation des Hirmer Verlages, der mit dieser Publikation sein angestammtes Terrain erfolgreich erweitert.
Mit Metropolis ist in vorliegendem Fall natürlich hauptsächlich Berlin - die deutsche Hauptstadt - gemeint, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts für Aufbruch, Moderne und Fortschritt in den Disziplinen Malerei, Literatur, Musik, Bildhauerei und Architektur stand, bis in den Dreißiger Jahren all das ausgelöscht wurde, was Berlin unter anderen Städten hervorgehoben hatte. 120 Abbildungen zeigen Architektur u. a. von Otto Bartning, Richard Brademann, Carl Theodor Brodführer, Emil Fahrenkamp, Fritz Höger, Erich Mendelsohn, Hans Heinrich Müller, Hans Poelzig, Otto Rudolf Salvisberg, Eugen Schmohl, Max Taut. Der vorliegende Fotoband im praktischen Mitnahmeformat dokumentiert in zeitgenössischen Fotografien und Zeichnungen 120 Bauten in Berlin und Umgebung. Ein detaillierter Index und übersichtliche Karten vervollständigen das Nachschlagewerk
Moderne auf Abruf
Hans Kollhoff erläutert in seinem Eingangsessay zu vorliegender "opulenter Dokumentation expressionistischer Architektur" warum gerade dieses Unternehmen in der heutigen Zeit so wichtig ist und Expressionismus als "Wirklichkeitszertrümmerer" in Gottfried Benn’schem Sinne noch lange nicht ausgedient hat. "Die Expressionisten standen nicht im Widerspruch zur klassischen Architektursprache, sie teilten mit ihr ja die tektonische Herkunft alles baukünstlerischen Tuns, wenngleich sie einer Sehnsucht nach archaischer Ursprünglichkeit gegenüber einem Prozess unendlicher, ins Dekadente zu kippen drohender Verfeinerung den Vorzug gaben", schreibt Kollhoff und spürt den "Rhythmus des erregten Kollektivismus" und die "Linie des Freiheitsdrangs" in den berühmtesten expressionistischen Bauten.
Christoph Rauhut weiß - in seinem Beitrag - sehr wohl, dass Berlin zu Beginn des 20. Jahrhunderts eigentlich noch gar keine Metropole war, zumindest verglichen mit London, Paris und Wien, sondern höchstens ein "primus inter pares" unter den deutschen Städten. Nach dem Weltkrieg und der Eingemeindung zählte Berlin aber schon vier Millionen Einwohner und wurde alsbald zum Medien-, Kino-, Literatur-, Theater- und Musikzentrum und auch das Zentrum der Architektur der jungen Weimarer Republik. Rauhut macht vor allem zwei architektonische Strömungen jener Zeit aus: die eine als Funktionalismus im Bauhaus repräsentiert, die andere als Expressionismus in der "Gläsernen Kette". Die neuen Anforderungen der Zeit wie etwa Parteizentralen und Konsumtempel, Bahnhöfe und Filmtheater seien eher von letzterer Bewegung gestaltet und geformt worden, so Rauhut, als konkretes Beispiel für expressionistische Unternehmensarchitektur nennt er etwa die BEWAG.
Die "Schönheit der großen Stadt" (August Endell) ist in dieser Publikation in 120 farbigen Abbildungen auf 320 Seiten zu bewundern. Ein Stadtplan im Anhang und das Format der Publikation laden dazu ein, die Monumente der Moderne bei einem Stadtspaziergang einfach selbst zu bewundern und mit eigenen Aus- und Einblicken zu vergleichen, die möglicherweise auch sehr inspirierend wirken können.
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