Sieben Kategorien der Feigheit
„Ah, die Idioten! Wenn die wüssten, was wir wirklich getan haben!“ Die Linzer Psychiaterin und Primarärztin für forensische Psychiatrie, Heidi Kastner, ist eine gefragte Gutachterin in aufsehenerregenden Kriminalfällen und hat auch am Neuromed-Campus des Kepler-Universitätsklinikums in der Abteilung für Forensische Psychiatrie gezeigt, dass sie alles andere als feige ist. In ihrem neuen Buch – nach „Dummheit“ (2021) und „Wut“ (2014) – legt sie mit „Feigheit“ ein neues, ebenso amüsantes Werk zu den Todsünden der Postmoderne vor.
Kurzweilig und humorvoll geschrieben teilt die Autorin ihr Thema in sieben Kategorien auf: Feigheit in Zivilcourage, Beziehung, Verbrechen, politischer Korrektheit, Toleranz, Politik und in der Geschichte von Männern und Frauen. Als Gegenteil der „andreia“ (Tapferkeit) hat die „feigja“ vor allem die Bedeutung, dem Tode geweiht zu sein, und das schon bei den alten Germanen, vor allem natürlich in Bezug auf das Militärwesen. In der modernen Welt wird der Begriff allerdings vor allem im zivilen Bereich verwendet, etwa als unterlassene Hilfestellung bei mangelnder Zivilcourage. Der sog. Genovese-Effekt, auch Bystander-Effekt genannt, geht auf einen besonders traurigen Fall zurück. Als nämlich die 28-jährige Kitty Genovese am 13. März 1964 vor ihrer Wohnung von einem unbekannten Fremden molestiert wurde, sahen dies insgesamt 38 Personen aus ihrer Wohnung, doch nur einer reagierte. In diesem Zusammenhang spreche man auch vom „Problem der pluralistischen Ignoranz“, wie Kastner erklärt, nach dem Motto: „Wenn die anderen nichts machen, warum soll ausgerechnet ich?“
Kulturelle Aneignung und Feigheit im Alltag
In Beziehungen spricht man von Feigheit, wenn man sich mit dem Phänomen des „Ghosting“ beschäftigt, also dem wort- und erklärungslosen Verschwinden aus dem Leben einer Partnerin oder eines Partners. Geradezu inflationär werde die Ausrede auf „den Druck der Hochleistungsgesellschaft“ gebracht, wenn jemand zu feige sei, sich mit dem eigenen Versagen konfrontieren zu wollen, kontert die Autorin. Feigheit könne zu einer „mächtigen Triebfeder für alle Arten von Verbrechen werden“, die durchaus auch Unternehmer erfassen könne und nicht nur normale Kriminelle. Ob sich diese Täter wieder resozialisieren ließen, bezweifelte allerdings schon Montaigne, zitiert Kastner: „Die Feigheit ist unauslöschlich; wer einmal mit diesem Makel behaftet ist, ist es für immer.“ Im Zusammenhang mit der politischen Korrektheit wird der Leser mit dem Thema kulturelle Aneignung konfrontiert, als das Konzert einer weißen Dreadlockträgerin mit diesem Argument von einem Veranstalter abgesagt wurde. Auch das war feige. Denn was wären wir ohne die Melange verschiedener Kulturen? Langweilig!
Keine falsche Toleranz gegenüber der Feigheit
„Beschleunigung ist nicht mehr gleichgesetzt mit Vorankommen: Man läuft ständig im Hamsterrad.“ Der ständige Optimierungszwang und die Profitmaximierung führen zwangsläufig auch zur Suche nach Schuldigen. Manche Parteien wollen sich zum Sammelbecken dieser Unzufriedenen machen, die stets anderen die Schuld für ihr eigenes Scheitern geben. Aber wenn sich Christ- oder Sozialdemokraten nicht schnell um diese Menschen bemühen, dann ist das – richtig – auch feige! Im Kapitel „Politik und Feigheit“ wird die Autorin dann sogar ziemlich drastisch und zeigt, welche Auswirkungen uncouragiertes Verhalten, aka Feigheit, in der hohen Politik haben kann. Chamberlains Appeasement-Politik bedeutete, „das Krokodil zu füttern, damit es dich zuletzt frisst“. Lord Halifax soll so etwas Ähnliches zu Chamberlain bezüglich seines Umgangs mit Hitler gesagt haben. Viel realistischer fiel da das Urteil von Daladier über das Münchner Abkommen gewesen sein: „Ah, die Idioten! Wenn die wüssten, was wir wirklich getan haben!“
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