Literatur

Wer treibt hier sein Spiel mit wem?

Nikolaev ist ein großzügiger und gutmütiger Mann. Die landläufigen Klischees gegenüber Angehörigen der Russenmafia treffen auf ihn nicht zu.

David Caine ist spielsüchtig. Der begnadete Mathematiker verlor seinen Job als Dozent, als er wegen seiner epileptischen Anfälle seine Vorlesungen nicht mehr halten konnte. Führte er jahrelang ein geheimes Dasein als Spieler, bestreitet er jetzt seinen Lebensunterhalt aus kleinen Gewinnen. Dabei "spielt" er nicht Karten, sondern berechnet blitzschnell die Wahrscheinlichkeit für die nächste Karte und versucht so, die Gewinnchancen zu maximieren.

Heute hat er das Blatt des Jahres. Es ist fast unmöglich zu verlieren. Sein Hirn rast, eine Berechnung jagt die andere, Chancen werden kalkuliert. Da wird ihm plötzlich schlecht: unverkennbare Anzeichen eines beginnenden Epilepsieanfalls. Doch er wehrt sich mit allen Kräften. Er kann nicht verlieren. Er puscht den Einsatz in schwindelerregende Höhen. Er kann nicht verlieren. Ihm ist schlecht, einer Ohnmacht nahe. Die Mathematik ist auf seiner Seite. Er kann nicht verlieren - und doch. Murphys Gesetz bewahrheitet sich wieder einmal: "Wenn etwas schief gehen kann, dann geht es auch schief". Sein Gegner dreht die letzte Karte um und - er hat verloren und wird ohnmächtig.

Nikolaev ist ein großzügiger und gutmütiger Mann. Die landläufigen Klischees gegenüber Angehörigen der Russenmafia treffen auf ihn nicht zu. Es sei denn, man schuldet ihm 12'000 Dollar …

Das gehaltene Versprechen

In "Null" von Adam Fawer wird Mathematik endlich das, was uns unsere Mathematiklehrer immer versprochen, aber nie gehalten haben: spannend. In seinem actionreichen Wissenschaftsthriller benutzt Fawer mathematische Theorien, um seinen Plot zu untermauern und glaubwürdig zu machen. Durch seine gerade für Laien absolut verständlichen Erklärungen gelingt ihm dies auch problemlos. Diese Erläuterungen werden von ihm an dramaturgisch prädestinierten Stellen eingesetzt und zählen zu den ruhigeren Momenten im Buch. Solche Verschnaufpausen sind auch bitter nötig. Denn David Caine stolpert nach seiner verlorenen Pokerpartie von einer Katastrophe in die nächste. So taucht sein Zwillingsbruder Jasper, der seit Jahren wegen schizophrener Schübe in psychiatrischen Anstalten einsaß, unangemeldet auf. Den "Schock" des Wiedersehens hat Caine noch nicht ganz verwunden, da erhält er schon "Genesungsbesuch" von Nikolaevs Schlägern, welche die erste Rate kassieren kommen. Und dann hat Caine auch noch das Gefühl, ständig Déjà-vus zu erleben.

Fawers Figuren sind leider nicht ganz frei von Klischees: So gibt es die toughe, bildschöne aber einsame Agentin, den skrupellosen Wissenschaftler, den wahnsinnigen Bruder, den brutal-hirnlosen Agenten, den liebevollen Doktorvater usw. Was ihn von anderen Autoren unterscheidet, ist die genau abgemessene Zeit, die er verwendet, um auch scheinbaren Randfiguren eine glaubwürdige Identität zu geben. Das macht diese zwar nicht unbedingt liebenswert, verleiht der Geschichte aber eine zusätzliche Dimension. Der Blick des Lesers wird dadurch intimer und die Distanz zu den Personen kürzer. Dies alles zusammen macht den Roman homogener als viele andere Vertreter des Genres.

Wie von einem guten Thriller zu erwarten, ist Fawers Roman voller überraschender Wendungen. Die Spannungskurve steigt in Wellen an und führt letztendlich zu einem furiosen Klimax. Noch auf den letzten Seiten, wenn man sich relaxed zurücklehnt und glaubt, durchatmen zu können, zieht Fawer nochmals kurz an. Erst jetzt offenbart er dem Leser die eigentlichen Hintergründe. Dies führt dazu, dass man als Leser alles bisher Erfahrene in einem anderen Licht betrachtet und verblüfft auf die letzten Worte des Romans starrt: "Eigentlich mag ich doch gar kein Eis".

Fazit: Wendungsreicher Thriller, der wissenschaftliche Grundlagen fast spielerisch erklärt und logisch in die Handlung einbaut. Die Zweifel, Ängste und Zerrissenheit David Caines tragen viel zur menschlichen Atmosphäre des Buches bei. Endlich wieder einmal ein Autor, der den Mut zu einem ausgefallenen Szenario mit eigenständigen Figuren beweist und nicht auf ausgetretenen Spuren wandelt.

Null
Adam Fawer

Null


Kindler 2005
592 Seiten, gebunden
EAN 978-3463404769
aus dem Englischen von Andree Hesse

Drecksarbeit für ein friedliches Leben

Mit Detective Denny Malone im Sumpf des Verbrechens in NY unterwegs. Ein Cop, alles andere als perfekt, und doch auf der richtigen Seite.

Lesen

All Things Wrong

Mit ihrem Debüt "Blood Simple" legten die Coen-Brüder den Grundstein für ihre pechschwarzen Tragikkomödien, die stets eine sehr deutliche Handschrift tragen.

Lesen

Agent auf Gedeih und Verderb

Ein solide umgesetzter schwedischer Agenten-Thriller. Carl Hamilton, eine Figur des bekannten Thriller-Autors Jan Guillou, wurde neu und gut besetzt mit Mikael Persbrandt, der den etwas kaputten Super-Agenten bestens verkörpert. Der neue Hamilton-Film brach in Schweden alle Rekorde.

Lesen

Timecrimes

Der spanische Regisseur legt einen raffinierten, authentisch umgesetzten Thriller vor. Kein glatter Science-Fiction, sondern erschreckend real.

Lesen

Jackie Brown: Hommage an Black America

Der Kultfilm von Quentin Tarantino, eine Hommage an das schwarze Amerika und die Siebziger, obwohl er im Jahre 1995 spielt, glänzt mit seinem Soundtrack, seinen Autofahrten und skurrilen Dialogen.

Lesen

Mord im Namen der Gerechtigkeit?

Wer spannende Unterhaltung sucht, kommt ebenso auf seine Kosten wie philosophisch Interessierte, die Fragen der Moral und der Ethik einmal am praktischen Beispiel durchspielen möchten.

Lesen
Aus der nahen Ferne
Die Geschichte von Herrn Sommer
Im Himmel
Der Schatten des Windes
Links wo das Herz ist
Porträt des Meisters in mittleren Jahren
Weil wir längst woanders sind
Kurt Ali
Hundert Tage
Der Fremde
Der Geliebte der Mutter
Die Mutter
by rezensionen.ch - 2001 bis 2018