Father Mother Sister Brother Ein Toast auf die Familie!
Jim Jarmusch hat den Episodenfilm (auch Omnibusfilm oder Anthologiefilm) vielleicht nicht erfunden, aber doch wesentlich zu seinem Revival beigetragen. In seinem neuesten Werk erzählt er in drei unabhängigen Episoden vom Familienleben aus unterschiedlichen Perspektiven.
Im ersten Teil gibt es ein Wiedersehen mit Tom Waits. Jarmusch und Waits hatten schon im legendären Down by Law (1986) zusammengearbeitet und es entstand einer der besten Spielfilme des US-amerikanischen Regisseurs, der ihm auch aufgrund der komödiantischen Rolle von Roberto Benigni in Europa zum Durchbruch verhalf. In vorliegendem Spiel mimt er den „Father" und vielleicht auch etwas sich selbst, denn es geht um einen pensionierten Einsiedler, der in der Einöde seine beiden Kinder, Jeff (Adam Driver) und Emily (Mayim Bialik), zu Besuch hat. Nach und nach stellt sich heraus, dass er beiden etwas vormacht und in Wirklichkeit ein luxuriöses Scheinleben mit BMW und Rolex führt.
So wie in der zweiten Episode mit Vicky Krieps und Cate Blanchett als Töchter von „Mother" Charlotte Rampling gelten nicht nur gewisse Floskeln und Gesprächsthemen als verbindendes Element, sondern auch die Tatsache, dass sich viele Familienmitglieder gegenseitig etwas vormachen. In „Mother" ist es Vicky Krieps als Lilith, die sowohl ihrer Mutter als auch ihrer Schwester Timothea ein Leben vorspielt, das sie gar nicht führt. In der dritten Episode „Sister Brother" wird auch viel Auto gefahren und so entstehen intime Gespräche, die einiges offenlegen. Die Straße als innere Meditation sozusagen. Anders als in den vorangegangenen Episoden haben Skye (Indya Moore) und Billy (Luka Sabbat) als Geschwister ein gutes und ehrliches Verhältnis und machen sich nichts vor. Billy hat sich nach dem Flugzeugabsturz ihrer beiden Eltern um alles gekümmert und auch ihre Habseligkeiten in einen Selfstorage geräumt.
Spooky, spooky, oh whoa, all right
Den Auftakt der Filmmusik bildet der Song „Spooky" in der Version von Anika, weitere Soundcollagen steuerte der Regisseur selbst bei. Die Transition Cards (Übergangsblenden) am Anfang/Ende und zwischen den Episoden wurden von Jarmusch dieses Mal in Schwarz mit bunten Farbeinsprengseln oder sog. Color-Field-Interludien gestaltet. Etwas expressionistisch vielleicht, aber als Kapiteltrenner ideal. Auch die Kameraarbeit ist bei diesem Film von Jim Jarmusch wieder sehr bemerkenswert. So gestaltet er etwa den Parkplatz vor dem Selfstorage wie eine Komposition aus Linien in einem Gemälde de Chiricos. Und natürlich haben es auch die Autofahrten in sich, die wir schon aus Night on Earth (1991) kennen- und liebgelernt haben.
Viele mögen den Film als langweilig bezeichnen, da eigentlich nicht viel passiert, aber genau der Ennui ist das eigentliche Stilmittel des legendären Regisseurs, der schon mit Stranger than Paradise (1984) Filmgeschichte schrieb. Die Langsamkeit, das Nachdenkliche, das Überlegte, Verhaltene gehören untrennbar zu seiner Sicht der Welt, der er statt weiterer Akzeleration seine ganz eigene, behutsame Entschleunigung entgegensetzt. Diese Perspektive auf die Welt, in der nichts besonders Dramatisches oder Skandalöses ist, sondern alles im Fluss der Existenz, beinhaltet auch gewisse Wiederholungen und Iterationen, ganz so wie das wirkliche Leben. Wer das als „langweilig" bezeichnet, hat wahrscheinlich ein Problem mit seiner eigenen Impulskontrolle oder dem limbischen System, denn die angesprochenen Familienthemen gehen uns alle an. Früher oder später. Die wahre Ekstase liegt ohnehin in der Askese.
Ein brillantes Werk, das wie das Gesamtwerk von Jim Jarmusch erst etwas sickern muss, bevor seine Genialität wiederentdeckt werden wird. Bei den Filmfestspielen von Venedig bereits mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet.
Alle Rezensionen von Juergen Weber
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